Das Zeichen - Page 3

Bild von Annelie Kelch
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vor der Auffahrt zu Onkel Franks Farm, nach­dem wir beschlossen hatten, unser gruseliges Abenteuer vorerst für uns zu behalten. Stevie bezweifelte, dass sein von Natur aus besorgter Vater ihn ein zweites Mal über die Dörfer würde radeln lassen, wenn er von dem unerklärlichen Ereignis erführe.
Zwei Tage später, ich saß wie jeden Morgen am Küchentisch und vertilgte Cornflakes mit Milch und Früchten, die Joanna für mich zuzubereiten pflegte, während Mutter um diese Zeit das Kleinvieh versorgte, fiel mein müder Blick auf die „Cody Today“, ein Tageblatt, das Onkel Frank abonniert hatte. Nachdem ich die headline und die ersten Sätze des Aufhängers überflogen hatte, war ich mit einem Schlag hellwach. Über einem zweispaltigen
Bericht, der mit zwei Fotos versehen war, stand in riesigen schwarzen Lettern: „Entführte Kim nach dreißig Tagen in abbruchreifer Farm zwischen Cody und Yellowstone tot gebor­gen.“ Meine Hand begann dermaßen zu zittern, dass ich außer­stande war, den Löffel zum Mund zu führen. Ich verbarg meine Aufregung so gut es ging, aber Joanna, die am anderen Tisch­ende saß und Bohnen schnippelte, hatte mich beobachtet.
„Furchtbar, nicht wahr“, sagte sie. „Das arme kleine Ding.“ Sie schob die Zeitung zu mir herüber, und ich betrachtete wie durch einen Nebelschleier die beiden Aufnahmen. Das erste Bild zeigte ein blondgelocktes kleines Mädchen, das fröhlich in die Kamera lachte. Auf dem zweiten Foto erkannte ich die verwahrloste Farm ‑ das mysteriöse Windspiel hing fromm und friedlich, als könne es kein Wässerchen trüben, unter der vermoderten Veranda­decke. Joanna nahm mir die Zeitung weg. Ich müsse mich mit dem Essen beeilen, wenn ich noch rechtzeitig zum Unterricht er­scheinen wolle, ermahnte sie mich und begann zu meiner Über­raschung, mir den Text vorzulesen: „Gestern abend, gegen 19:30 Uhr, fand ein officer auf einer abbruchreifen Farm zwi­schen Cody und Yellowstone den Leichnam der vor dreißig Ta­gen von der Koppel einer Ferienranch nahe Lovell entführten Kim Edwards. Der Streifenbeamte hatte das baufällige Gebäude betreten, um dort nach dem Rechten zu sehen, wobei er in einem der oberen Räume auf die Leiche des fünfjährigen Kindes stieß, das an einem Bettpfosten gefesselt war. Nachdem eine Geldübergabe gescheitert war, worauf aus ermittlungsrelevanten Gründen hier nicht näher eingegangen wird, hatten die Eltern eine weltweite Medienkampagne gestartet, die jedoch erfolglos blieb. Laut Aussage der Rechtsmediziner sei das Kind ver­durstet. Der Tod sei vor ein bis zwei Tagen eingetreten. Zu welchem Zeitpunkt das Kind auf die Farm verbracht wurde, sei noch ungewiss. Die Polizei bittet die Bevölkerung um Hinweise, die an die örtliche ...“
Ich war wie in Trance aufgestanden und ohne Abschied aus der Küche geeilt. Joanna rief mir etwas hinterher, das wenig schmeichelhaft klang. Ich bildete mir ein, sie wüsste alles, als stünde mir mein Versagen, aus dem sich eine Mitschuld am Tod von Kim Edwards herleiten ließe, auf der Stirn geschrieben. Dass Joanna meiner Unachtsamkeit an jenem Nachmittag auf die Spur gekommen sein könnte, beschämte mich zutiefst. Am liebsten hätte ich mich in ein Mauseloch verkrochen. Ich verfluchte mich und den albernen Limerick vom Windspiel, und ich verfluchte Steven, der mich zur Flucht angetrieben hatte. ‑ Vor zwei Tagen, vor zwei Tagen ... hämmerte es unaufhörlich in meinem Kopf. Die Worte verfolgten mich bis in die späte Nacht hinein, bis ich endlich in einen unru­higen Halbschlaf fiel.
„Wenn wir mutiger gewesen wären, hätten wir die Kleine retten können“, sagte Stevie in der Pause und sah mich vorwurfsvoll an. „Wir hätten sie retten können, Olli!“ ‑
„Oder wir wären jetzt auch tot ... falls der oder die Täter an jenem Nachmittag auch auf der Farm gewesen sind“, erwiderte ich. ‑
„Glaub ich nicht, Olli. Ich glaube nicht, dass da außer uns und der Kleinen noch je­mand war. Dann hätten die Kim doch was zu Trinken gegeben. Man schaut doch nicht einfach zu, wie ein Kind verdurstet“, ereiferte sich Stevie.
Ich ließ mir nicht anmerken, dass ich uns längst den Schwarzen Peter zugeschoben hatte und behauptete steif und fest: „Das wollten die doch. Die wollten doch, dass sie stirbt.“ ‑
„Vielleicht hat sich das Windspiel in Wirklichkeit gar nicht bewegt; wir soll­ten nur glauben, dass es sich bewegt, Olli, das war ein Zeichen, aber wir haben uns nicht mal die Mühe gemacht, es zu deuten, weil ...“ Stevie stockte mitten im Satz.
"Weil wir Angst hatten, Steven“, führte ich seinen Gedanken fort. „Angst lähmt die Sinne. Wer Angst hat, kann leicht etwas übersehen. Erinnere dich, wie sehr es uns auf dem Farmgelände gegruselt hat und dann diese Hitze und die ungewohnte Windstille ...“
Stevie warf mir einen vernichtenden Blick zu. „Vielleicht hat Kim in ih­ren letzten Stunden übersinnliche Fähigkeiten entwickelt und allein mit der Kraft ihrer Gedanken das Windspiel bewegt. Das Geschepper war gewiss ein Hilferuf. Wir waren ihre letzte Ret­tung“, sagte er leise. In seinen Augen standen Tränen.
„Gut möglich“, erwiderte ich kühl und verzichtete darauf, ihn daran zu erinnern, wie scheußlich das Gegreine geklungen hatte und dass er diesen Ort als Erster verlassen wollte. Ich brauchte dringend Abstand, um nicht verrückt zu werden, aber Stevie sagte: „Ist dir eigentlich aufgefallen, dass das Windspiel auf dem Foto in der Zeitung nur vier Glocken hat? Die fünfte muss bei dem Ge­schepper runtergefallen sein.“ Ich schwieg betroffen. In jenen Minuten spürte ich deutlich, dass etwas zu Ende gegangen war; ein Stück meiner Kindheit hatte sich vorzeitig und unwiederbringlich aus meinem Leben gestohlen.
Es hätte nicht viel gefehlt und das Verbrechen, das bis heute nicht aufgeklärt werden konnte, hätte Stevie und mich auf ewig entzweit, aber letztendlich schweißte es uns noch fester zusam­men.
Frank Rentzi hat mir seine Farm vererbt, und meine Frau und ich geben uns alle Mühe, diesen herrlichen alten Besitz für unsere drei Kinder am Leben zu erhalten. Dass meine kürzlich verstor­bene Mutter mit mir nach Wyoming ausgewandert ist, habe ich niemals bedauert, obgleich mich das Schicksal auf die­sem Fleckchen Erde auf eine harte Probe gestellt hat.

Um Kirchen schlage ich immer noch einen großen Bogen. Das Gebimmel bringt mich jedes Mal dermaßen aus der Ruhe, dass ich tagelang nichts Vernünftiges auf die Reihe bekomme. Meiner Frau ist der Verzicht auf eine kirchliche Trauung glücklicherweise nicht schwer gefallen. Ich wollte uns diesen feierlichen Tag nicht durch Glockengeläute verderben lassen, das mich vermutlich in ein seelisches Tief gestürzt hätte.
Mein Nachbar Steven Adams, der die Ferienranch nach dem Tod seiner Eltern bewirtschaftet, ist mein bester Freund geblie­ben. Die marode Farm wurde wenige Wochen nach dem Auffin­den der Kinderleiche abgerissen. Stevie und ich haben zwei Jahrzehnte später, im Einvernehmen mit Mr und Mrs Edwards, die Kim-Edwards-Stiftung ins Leben gerufen und auf dem Ge­lände, wo das tragische Schicksal des Kindes unser Leben ge­streift hat, eine Resozialisierungsfarm für gestrauchelte Jugend­liche errichtet – um zu retten, was noch zu retten ist. Unter der Verandadecke des Schlaf- und Wirtschaftsgebäudes hängt ein Windspiel, fünf blaue Glockenblumen aus Keramik, die Stevie in einem Antiquitätengeschäft in Jackson aufgestöbert und dorthin geschleppt hat. Ich war alles andere als begeistert von dieser Aktion, aber ein Betreuer erzählte mir kürzlich, dass unsere kids, die über unsere tragische Rolle im Fall der ermordeten Kim bestens informiert sind, das Glockenspiel an windstillen Tagen nicht aus den Augen ließen. Sie legten dabei größeren Eifer an den Tag, als die Zoologen im Yellowstone National Park, die das Liebesleben der Büffel erforschen.
Die Landarbeit auf den ertragsarmen, trockenen Feldern, die zur „Bewährungsfarm“ gehören, und das Versorgen der Tiere, verbunden mit dem Schicksal der Namensträgerin unserer Stiftung, hat bisher noch keinen unserer Schützlinge kalt gelassen, und das ist weitaus mehr, als Stevie und ich jemals zu hoffen wagten.

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Kommentare

27. Okt 2016

Was? - Ich soll eine Hexe sein?
Das find' ich aber gar nicht fein.
Zwar hab' ich zwei grüne Augen im Kopf,
mitnichten jedoch einen roten Schopf.

LG Annelie

28. Okt 2016

Und jetzt - jetzt haben wir den Salat...
pardon, ich mein natürlich: Tee
und wünscht mir sehr,
es sei gewesen ein -
E s s a y!

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