Das Zeichen

von Annelie Kelch
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In jenem schicksalhaften Sommer in Wyoming, als ich 14 wurde, fiel ein dunkler Schatten auf mein damals rundum glückliches Leben; ein seltsames Ereignis, das bis heute wie ein Krebsge­schwür in meinem Gedächtnis nistet, verdüsterte die darauf fol­genden Jahre zwischen Kindheit und Erwachsensein, wenn­gleich die an meinem Gewissen nagenden Selbstvorwürfe, die mich bei jedem Blick in die Vergangenheit aufs Neue plagten, im Laufe der Zeit an vernichtender Kraft verloren haben. Aber ich will von vorn beginnen: Nachdem mein Vater Deutschland verlassen hatte, um eine Arbeitsstelle als Chefkoch in einem Luxushotel in Paris anzutreten, und unsere Familie kurz darauf entzweibrach, packte auch meine vom Leben enttäuschte Mutter das Fernweh und sie besann sich auf meinen Großonkel Frank Rentzi, ihren einzigen noch lebenden Verwandten, der vor drei­ßig Jahren in die Vereinigten Staaten ausgewandert war und sich in der Nähe von Cody, einer Kleinstadt im Staate Wyoming, als Farmer niederließ. Mein abenteuerlustiger Großonkel, ein rüstiges Raubein Mitte Sechzig, war im Nebenjob Herausgeber eines landwirtschaftlichen Journals, das monatlich in einer Auf­lage von 40000 erschien und den Titel „Many a little makes a mickle“ (Kleinvieh macht auch Mist) trug. Dieser Fachzeitschrift galt seine große Leidenschaft. Als Mutter mir eines Tages eröff­nete, nun sei es bald soweit, wir zögen in wenigen Monaten zu Onkel Frank ins „Indianerland“, war ich hellauf begeistert.
Sein uraltes Farmhaus, anno 1865 von frühen Siedlern in dieser unendli­chen Weite erbaut, war mir von etlichen Fotografien und enthu­siastischen Berichten, mit denen er uns an Weihnachten und Ostern zu beglücken pflegte, nur allzu gut vertraut. Von einer unverglasten hölzernen Veranda umgeben, die mit opulenten Pflanzkübeln, in denen Tigerlilien in sämtlichen Farben blühten, liebevoll dekoriert war, entfachte das stattliche Gebäude in meiner Mutter wahre Begeisterungsstürme. Die Farm lag an die 5000 Fuß hoch am Shoshone River, weniger als 50 Kilometer östlich vom Yellowstone National Park, und wurde von zwei imposanten Gebirgszügen, dem Heart Mountain und dem Carter Mountain, flankiert. In seinem letzten Weihnachtsbrief hatte Onkel Frank geklagt, dass nicht nur Joanna, seiner langjährigen Haushälterin, die noch etliche Jährchen mehr auf dem Buckel hatte als ihr Chef, die Arbeit im Haus und auf dem Hof über den Kopf wachse, auch Little Red Cloud, seine treue „farmhand“ und Nachfahre von Sitting Bull, dem einstmals berühmt berüchtigten Häuptling der Hunkpapa‑Sioux, beklage sich über ein Ausmaß an Arbeit, das er allein nicht mehr bewältigen könne. Mutter fühlte sich nach reiflicher Überlegung dazu berufen, nicht nur Joanna im Haushalt und auf den Gemüsefeldern zur Hand zu gehen, sie wollte auch Onkel Frank in dessen Redaktion unter­stützen, damit er in einem stärkeren Maße als bisher für das Milchvieh sorgen könne, denn zur Farm gehörten damals rund sechzig Milchkühe und mehr als ein Dutzend Kälber. Obwohl ich zwei enge Freunde in Hamburg zurücklassen musste, die mir während der Schulzeit mächtig ans Herz gewachsen waren, freute ich mich riesig auf den Cowboystaat Wyoming. Einen guten Steinwurf von der Farm entfernt, in Cody, fanden von Juni bis August allabendlich grandiose Cowboy-Wettkämpfe statt, mal ganz zu schweigen von den spektakulären Events in Cheyenne, der Stadt mit dem größten Freiluft-Rodeo auf der Welt.
Wir siedelten zu Beginn der Sommerferien, Mitte Juni, in die Vereinigten Staaten über. Ende August sollte für mich die Schule in Cody beginnen. Ich gewöhnte mich schnell an mein neues Zuhause, und das zurückgezogene Leben auf der Farm, das hauptsächlich aus Arbeit bestand, war alles andere als öde; da­für sorgten allein schon die vielen Tiere, die gefüttert und um­sorgt werden wollten.
Südwestlich unserer Farm, an der Landstraße zwischen Cody und Jackson, lag die Ferienranch von Mr und Mrs Adams, dessen Sohn Steven die Schulbank mit mir teilte. Er wurde mein bester Freund, und wir waren schon nach wenigen Wochen un­zertrennlich.
In jenem verhängnisvollen Sommer, als ich 14 wurde, beschlos­sen Stevie und ich, unser Taschengeld aufzubessern. Onkel Frank unterbreitete uns ein lukratives Jobangebot. Wir sollten die Farmer und Rancher aufsuchen, denen er Werbeexemplare seines Landwirtschaftsjournals geschickt hatte, und sie davon überzeugen, wie positiv sich der Abschluss eines Abonnements auf ihren Betrieb auswirken könne. Sein Blatt unterstütze sie in ihrer Arbeit mit wertvollen Tipps und Tricks. Für jeden Jahres­vertrag, den die Präriebauern und Viehbarone nach unserem Besuch bei ihm abschlössen, winkten jedem von uns zwanzig Dollar. Stevie und ich waren Feuer und Flamme. Und obwohl jener unheilschwangere Sommer im Begriff war, alle Hitzere­korde zu brechen, freuten wir uns wie Schneekönige auf die meilenweite Tour mit unseren Mountainbikes. Wir brachen kurz nach dem lunch auf; Onkel Frank und Mutter waren über Mittag in der Redaktion in Cody geblieben, und als Stevie mich abholte, war Joanna während ihrer Verschnaufpause auf der hinteren Veranda eingedöst, während Little Red Cloud auf den Koppeln hinter den Stallgebäuden Weidezäune reparierte. Ich führte Stevie mit feierlicher Miene in Onkel Franks Arbeitszimmer und schenkte uns aus der Whiskyflasche, die auf dem Schreibtisch stand, einen „Jack Daniels“ ein. An jenem Tag trank ich den ersten Whisky meines Lebens; sein Geschmack enttäuschte mich maßlos. Wir schüttelten uns wie junge Hunde, als das scharfe Zeug durch unsere jungfräulichen Kehlen rann.

Auf der Landstraße zwischen Cody und Yellowstone kroch die Mittsommerhitze wie ein Moloch aus dem Asphalt, der in der Sonne wie ein Spiegelei brutzelte. Ich gab mich, wie jedes Mal, wenn ich außerhalb der Farm unterwegs war, der Hoffnung hin, einem Indianer aus dem Wind River Indian Reservat zu begeg­nen ‑ Indianer gehören zur Kultur von Wyoming wie die Rodeo-Events ‑, aber einzig und allein ein Fernbus, ein schnittiger Grey­hound aus Pittsburgh, kroch uns entgegen. Von den Nachfahren der Shoshoni und Cheyenne war ich selbst zwei Jahre nach unserer Übersiedlung immer noch wie besessen, obwohl die Burschen mit den hohen Wangenknochen und dem stolzen, unergründlichen Blick im Alltag weder Adlerfedern noch Zöpfe aus Büffelgras trugen und ich außerdem Tag und Nacht Little Red Cloud in meiner Nähe wusste, mit dem ich mich fast so gut verstand wie mit Stevie. Meinen Vater, der uns hin und wieder besuchte, vermisste ich kaum noch.
Die Ranches lagen kilometerweit voneinander entfernt, aber wir radelten frohgemut durch die karge Prärielandschaft und atme­ten den strengen Geruch vom ausgebleichten Wüstenbeifuß.
Nur hin und wieder taten sich Ebenen auf,

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Kommentare

27. Okt 2016

Was? - Ich soll eine Hexe sein?
Das find' ich aber gar nicht fein.
Zwar hab' ich zwei grüne Augen im Kopf,
mitnichten jedoch einen roten Schopf.

LG Annelie

28. Okt 2016

Und jetzt - jetzt haben wir den Salat...
pardon, ich mein natürlich: Tee
und wünscht mir sehr,
es sei gewesen ein -
E s s a y!

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