Kunstfehler

von Lothar Peppel
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Ich mag Kunst. Habe aber keine Ahnung davon. Stehe ich zum Beispiel vor einem Gemälde, so kann ich es weder in eine Epoche, noch in eine Stilrichtung einordnen. Ich sage nur “Schön!”. Und meine es dann auch so. Oder ich sage “Kommt mir nicht mal als Kalender in die Bude!”. Was ich dann auch so meine. Mehr muss ja auch nicht. Wann ein Bild und von wem es gemalt wurde, hat ja nichts damit zu tun, ob es einen im Inneren berührt. Oder eben auch nicht. Manch einer kriegt vielleicht sogar bei Postkarten von Adolf Hitler feuchte Augen, auch wenn er gar nicht weiß, dass dieser sie gemalt hat. Dann ist es Kunst. Bei Leuten hingegen, die dieselben feuchten Augen bekommen, aber eben nur weil der Hitler die Karten gemalt hat, da ist es dann irgendeine psychisches Störung. Jedenfalls habe ich keine Ahnung von Kunst. Verlaufe ich mich auf eine Vernissage, so verhalte ich mich möglichst still und unauffällig, um ja nicht in ein Gespräch verwickelt zu werden. Und gerate ich dennoch in einen angeregten Gesprächskreis und man konfrontiert mich mit der Frage “Kennen Sie den Künstler persönlich?”, so halte ich mein Sektglas in etwa schulterhoch, blicke über dieses hinweg abwesend in die Tiefe des Raumes hinein und sage mit sehr viel dunklem Timbre in der Stimme “Meine Frau hat Filzläuse!”. Noch nie habe ich erlebt, danach noch Aussagen zu Kunst und Künstler treffen zu müssen. Man lässt mich unter Räuspern und sehr, sehr lautem Schweigen in einer Eckes des Ausstellungsraumes gratis Sekt saufend zurück. Meiner Unwissenheit zum Trotz gehe ich dennoch gern mal in ein Museum der Bildenden Künste. Wobei ich neuerdings die Moderne vorziehe. Was nun damit zu tun hat, dass ich schon oft in eine Ausstellung eher klassischer Themen geriet. Nur historische Schinken. Und da wurde ja über Jahrhunderte nur Religiöses auf die Leinwand geklatscht. Da konnte ich nach zig Stunden im Museum und gefühlten 3000 abgemagerten Jesusen keine Kreuzigung mehr sehen. Selbst wenn man heute nach Feierabend bei mir zu Haus klingeln und mir freudig verkündet, der Bürgermeister würde auf dem Rathausplatz gekreuzigt: ich bliebe gelangweilt auf dem Sofa sitzen. Ich habe mir mit Kreuzigungen in Öl quasi einen Wanst angefressen. Würde es dagegen heißen, wegen der Veruntreuung von Steuergeldern wegen wird aus dem Bürgermeister am Sonntag neun Uhr in der Früh auf dem Rathausplatz eine neuzeitliche Skulptur gemeißelt: ich wäre dabei! Obwohl ich, wie gesagt, von Kunst keinerlei Ahnung habe. Dennoch gehe ich dann und wann sogar in ein klassisches Konzert. Wobei ich Oboe und Triangel nur schwerlich auseinander halte. Doch bin ich jedesmal von der Kraft des Orchesters, der Wuchtigkeit geballter Musikalität tief beeindruckt. Fünfzig bis Einhundert schwer mit Instrumenten bewaffnete Musiker machen schon allein einen quantitativen Unterschied, wenn man bedenkt, bei uns im Ort stehen zum Kirmesständchen maximal fünf Leute mit rostigen Tröten vor der Tür. Und davon ist die Hälfte schwer besoffen. Und die andere nicht nüchtern. Letztens war ich sogar bei Beethovens Neunter. Mit meiner Frau. Der ersten. Das soll ja die Letzte gewesen sein, die Beethoven vollendete. Also die Sinfonie. Obwohl. Will ich mit meiner Gattin ins Konzert, zur Ausstellung oder zu Aldi und stehe mit Schal um den Hals und Schlüssel in der Hand in der geöffneten Haustür, so ruft die Gattin garantiert in Schlafzimmer und Strumpfhose: Ich bin überhaupt noch nicht fertig! Und bei der Neunten, da bekam man ja auch so richtig was für sein Geld. Denn den Schiller hat der Beethoven da ja gleich mit verwurstet. Also Musik meets Literatur. Kriegt ja heute kaum noch ein Musiker hin, sein vermeintliches Werk mit einem Sahnehäubchen aus einer anderen Kunstrichtung zu garnieren. Also in etwa so, als würde die Helene Fischer mal live singen und dabei gleichzeitig beidhändig eine tumultige Kreuzigungsszene auf eine drei mal vier Meter große Leinwand pinseln. Auch wenn mich dieses emotional vollkommen kalt lassen würde. Denn zum Einen habe ich mich ja schon an Kreuzigungen visuell überfressen. Und zum Anderen ist Helene Fischer als Kunst nur wie ein im bundesdeutschen Schädel vergessenes Teil eines sterilen OP-Bestecks. Das tut weh.

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