Er müsste …

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In zwei Tagen ist das Jahr vorbei.
Ein Neues beginnt bei Null.
Das Rad wird neu erfunden.

Und wieder ist der Mensch dabei,
hingebungsvoll
das Laufrad zu erkunden.

*

Alles war gekauft: Brot, Aufschnitt, Milch, Tabletten, Obst, Salat, sogar Dressing hatte er nicht vergessen. Nur die wöchentliche Zeitschrift fehlte noch, die mit dem Fernsehprogramm in der Beilage, das er sowieso nie zu Rate zog; aber es musste schon sein. Könnte ja mal nötig werden, weiß man’s?

Das Heft kommt erst morgen in den Handel. Muss er also nochmal raus. Ärgerlich! Er könnte es auch abonnieren, dann müsste er gar nicht mehr raus. Jedenfalls nicht extra deshalb.

Aber dann müsste er ja auch immer anwesend sein. Wegen des Abos. Denn sonst würde der Briefkasten überlaufen, wenn er mal nicht da wäre.
Oder er müsste die Post lagern lassen. Und danach abholen gehen. Da dürfte er dann aber nicht mehr spontan sein, er müsste das dann nämlich schon drei Tage vorher bei der Post anmelden.

Und die anderen Dienste, die ungefragt seinen Briefkasten mit allem Möglichen verstopften? Und, meine Güte, die vielen Kataloge! Seit Helga nicht mehr da war, fiel ihm erst auf, wie viel vorproduziertes Altpapier durch die Gegend kutschiert wurde! Hatte Helga wirklich bei so vielen Firmen bestellt?

Er konnte damit nichts anfangen. Er brauchte nichts, er hatte ja alles! Er konnte gar nicht mehr lange genug leben, um alles aufzutragen, was sich da im Schrank gegenseitig den Platz nahm!
Vielleicht müsste er mal was Neues anziehen. Naja, jetzt nicht wirklich Neues, aber mal was anderes.

Eigentlich brauchte er von allem ja nur zwei Garnituren: eine, die er benutzte und eine, die gerade trocknete – bis auf die Socken und Unterhosen natürlich. Verschwendung, all das andere Zeug! Konnte man das denn nicht irgendwohin abgeben? Das galt nicht nur für die Kleidung, auch für Handtücher und die Bettwäsche - eine Garnitur, die man benutzte und eine, die gerade trocknete. Brauchte man mehr? Verschwendeter Platz! Na gut, vielleicht noch einen Satz Handtücher und eine Garnitur Bettwäsche extra. Er müsste ja vielleicht auch mal mit Besuch rechnen.

Aber wer kam denn schon. Seit Helga nicht mehr da war …
Die Kinder hatten mit sich selber zu tun. 450, 600 und 800 Kilometer, die fährt man ja auch nicht einfach mal so. War alles nicht so ganz einfach.

Und schließlich gab es Telefon. Wenn sie nicht gerade zur Tagesschau anriefen … Am besten vorher, dann hatte er den Abend für sich. Aber das wussten sie auch. Meldeten sich sowieso selten. Naja, keine Nachricht ist eine gute Nachricht. Das hatte sich nicht geändert.

Dass sich die Zeit zwischen den Jahren immer irgendwie verlor …
Nachmittags war es genau so hell - oder dunkel - wie vormittags. Ja, morgens kam der Tag nicht in die Puschen und der Abend war immer überraschend da – plötzlich wurde es dunkel und er musste das Licht anmachen.
Aber dazwischen verlor sich die Zeit. Er wusste morgens nie auf Anhieb, welcher Tag denn jetzt überhaupt dran war.
Aus der Zeit gefallen. Das hatte er mal gehört und das stimmte auch. Juli? September? 1950 oder 2010? Oder irgendwas dazwischen. So vielleicht.

Um nicht ganz den Überblick zu verlieren, hatte er begonnen, die Tage auf dem Wandkalender in der Küche durchzustreichen. Ein dickes X von einer Kästchenseite zur anderen. Jeden Morgen, während der Kaffee durchlief.
Zwei waren noch übrig für dieses Jahr.

Den neuen Kalender hatte er schon unter den alten gehängt. Schade eigentlich, dass die schönen Titelbilder nie richtig zur Geltung kamen. Erst waren sie verdeckt und am ersten Januar wurden sie schon abgerissen. Und der neue Kalender, den das Mädchen aus der Apotheke ihm eingepackt hatte, war wirklich schön! Landschaften und Gärten mit vielen bunten Blumen, auch mit schön bepflanzten Balkonkästen.

Als Helga noch da war, hatten sie auch bepflanzte Balkonkästen. Er hatte es nie so bemerkt, damals. Es war einfach so gewesen. Erst, als Helga nicht mehr da war, war ihm das aufgefallen. Dass der Balkon nicht mehr gemütlich war. Zum Draußensitzen. Mit Helga. Damals.
Er nahm den neuen Kalender hinter dem alten von der Wand und legte ihn auf den Küchentisch. Dann begann er zu blättern.

*

Als sie am 5. Januar die Tür aufmachten, fanden sie ihn, zusammengesunken am Küchentisch, den Kopf auf dem Kalenderblatt vom Juni. Ganz friedlich hatte er sich in dem Weizenfeld zur Ruhe gelegt, die Augen auf Kornblumen und Klatschmohn gerichtet.

Seine Kinder hatten ihn nicht erreichen können. Zuerst dachten sie, er sei verreist, so über Neujahr. Aber dann wurden sie doch unruhig und hatten sich in die Autos gesetzt – Sternfahrt zu Papa.

Keiner hatte einen Schlüssel. Aber da der Briefkasten überlief, musste wohl etwas passiert sein. Auch die Nachbarn wussten nichts.

Die Kripo sah keinen weiteren Ermittlungsbedarf.
Er musste am frühen Nachmittag verstorben sein, das Mittagsgeschirr stand abgewaschen auf der Abtropfe und das Licht war nicht eingeschaltet. Neben dem Glas Wasser lag eine neue Medikamentenpackung auf dem Tisch, es fehlte nur eine Komprette. Auf dem Kassenzettel der Apotheke, der noch in dem Tütchen war, stand die Uhrzeit, 14.35 Uhr, und der Tag stimmte mit dem Wandkalender überein, auf dem zwei Tage des alten Jahres noch nicht ausgeixt waren.

noé/2015

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Kommentare

30. Dez 2015

Der Text ist ebenfalls ein Muss:
Lesenswert. Von Kopf bis – Schluss!

LG Axel

11. Dez 2016

Ein Text, der nichts beschönigt und nichts dramatisiert - die Realität anschaulich beschrieben. Gefällt mir ausgesprochen gut!
Viele Grüße,
Corinna