Gefährlicher Sommer (Teil 26; Text 2)

von Annelie Kelch
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Im Dickicht den Weg verlieren
Nacht Luna – Spur wilder Tiere
Pilze im Purpurhut
Wind knarrt ein Wildbach
Kristall Geröll Forellen
fliegen durch Ringe ans Licht

Blätter fabulieren Mythen:
Eden Versuchung Fluch
Dürre – ein Erwählter schneidet
den Quell aus dem Stein
...
(Rose Ausländer, „Schweigen auf deine Lippen“)

Mathilde – und eine Nacht im Schweinestall

Die Sonne hatte den menschenleeren Hofplatz, der von den langgestreckten Stallgebäuden aus karminfarbenem Backstein umsäumt war, mit ihrem warmen rötlichen Abendlicht getüncht, und aus dem weit geöffneten Ackerstall duftete es nach frisch gemähtem Gras. Unter dem dunkelgrünen, ewig schattigen Blätterdach der breiten Kastanienallee stand ein Anhänger mit Kartoffelsäcken. Offenbar rechnete niemand auf dem Hof damit, dass es in dieser Nacht regnen würde.

„Beobachtet die Wegschnecken“, hatte Konny kürzlich gepredigt. „Selbst wenn euch der Himmel am frühen Morgen noch klar erscheint: Sobald die schnucklig-schleimigen Schnecken aus ihren Erdgrübchen kriechen, gibt es bald darauf Regen. Darauf verwette ich meine Haut.“
„Wer will die schon“, hatte Hannes angeekelt erwidert. „Pickel und Sommersprossen. Pah!“ – Dabei täte er gut daran, sich an seine eigene Nase zu fassen, auf der ein stattliches Heer von Mitessern sprießt, liebe Christine.
Ich warf einen Blick auf die große Feldscheune, die abseits der übrigen Stallungen lag und im Unterschied zu den anderen Gebäuden ohne Mörtel und aus aschgrauen, unbehauenen Feldsteinen gemauert war. Eine kleine schwarze Katze lag zusammengerollt wie ein kuscheliges Wollknäuel vor dem geheimnisvollen dunklen Schlund des offenen Scheunentors; es gähnte wie ein klaffendes, weit aufgerissenes Maul, das bereit war, jedermann zu verschlingen. Über den Wipfeln der riesigen Obstbäume, die hinter den Speichern emporragten, jagten ein paar Fledermäuse Insekten nach und drehten ihre mystischen Kreise.
Die Bäume waren uralt und dermaßen hochgewachsen, dass sich niemand mehr zum Pflücken nach oben traute. Man brauchte auch nicht an ihnen emporzuklettern, denn viele Äste neigten sich unter der Last ihrer reifen Früche bereits der Erde zu.
Rechts neben der Scheune parkte der sagenhafte Lanz-Bulldog. Ein unverwüstliches, bullenstarkes Stück, hatte Hannes mir voller Ehrfurcht erklärt. Den könne man getrost auch mit ranziger Butter oder mit der Nachtcrème der Gnädigsten antreiben. Kein Vergleich mit dem 25-PS-Trecker von Neunzehnhundertzwanzig, der im alten Schafstall vor sich hin roste.
„Woher willst du wissen, dass die Gnädigste eine Nachtcrème benutzt?“, hatte ich ihn erstaunt gefragt.
„Na hör mal“, hatte Hannes mit der Kennermiene eines welterfahrenen Mannes erwidert, „sogar Tante Selma benutzt irgendeinen Schmierkram, irgendwas mit Lavendel oder so'n Zeug. Mu... Mu...Mu ...“ Ich griente.
„Bist du neulich zu lange im Kuhstall gewesen oder meinst du ,Mouson'?“
„Pah!“, schniefte Hannes. Ich weiß Bescheid! Kora verkleistert ihr Gesicht jeden Abend mit Mandelkleie, bevor sie ihre Pickelpaste fingerdick aufträgt. Was nimmst du eigentlich, Katja?“
„Frischen Kuhdung“, grinste ich, „der regeneriert ganz ungemein."

Ebenfalls im Freien geparkt, nämlich auf dem Scheunenvorplatz, direkt vor dem geöffneten Tor, türmte sich der Höhenförderer wie eine Himmelsleiter ins Gefilde der Seligen. Diese komplett verrückte „Höllenmaschine“, wie deine Tante jene monströse, rostige Apparatur getauft hat, verursache ein ohrenbetäubendes Heulen, das bis in ihr Schlafzimmer dringe, und habe Taubheit zur Folge.
Die Lachauer Amazonen, die gestern Abend Oma und Opas Laube bevölkerten und die Hofneuigkeiten durchhechelten, hatten ihr übereifrig beigepflichtet. Schließlich gibt es außer meiner Oma niemanden auf dem Hof, der sich darum reißt, die Sympathie deiner Tante zu verlieren, liebe Christine. Aber diesmal war sogar Oma Anita auf ihrer Seite.
Manchmal kommt Tante Agnes mir wie ein Mann vor, weitaus mehr als eine tapfere Frau, die „ihren Mann“ steht. Das begünstigen nicht allein ihre buschigen, dicht zusammengewachsenen Augenbrauen, sondern auch das streng nach hinten frisierte Haar. Aber in letzter Zeit sehne ich mich immer öfter nach deiner Tante, ganz besonders dann, wenn mir Oma und Mutti mit ihrem Modefimmel und dem gezierten Getue auf den Geist gehen. Außerdem weigert sich Tante Agnes offenbar mit Erfolg, die etwas altmodisch anmutenden Trägerröcke zu tragen, die meine überaus fleißige Großmutter in Endlosproduktion vor sich hin schneidert. Deine Tante ist eine echte Herausforderung für Oma, die ich ihr auf ihre alten Tage von Herzen gönne. Das ist gewiss auch einer der Gründe, weshalb sich Oma und Tante Agnes so oft "in der Wolle" haben. Lange dauern jene Phasen „Wir-reden-zur-Zeit-nicht-miteinander“ allerdings nie, weil man sich auf Lachau schwerlich aus dem Weg gehen kann.

Der großen hohen Scheune war bereits von Weitem anzusehen, dass sich die brütende Hitze des Tages in ihren Mauern gestaut hatte. Auf ihrem gewölbten Dach hatte sich im Frühjahr ein Storchenpaar das alte Nest hergerichtet. Leni und Opa glaubten, dass es dieselben langschnäbeligen Rotstelzen vom letzten Jahr waren, aber beschwören konnten sie es nicht.
Das sonnenwarme, frisch gesichelte Grünfutter lagerte einsam auf sämtlichen Etagen und verströmte einen süßlichen Duft. Die Clique hatte natürlich keine Ahnung, wie gut man sich dort bei Regenwetter mit riskanten Sprüngen die Zeit vertreiben konnte, und was für einen irrsinnigen Spaß es bringt, nach einem Salto in den warmen Dunst der Heumieten zu plumpsen und den Wiesenduft einzuatmen, der wenige Tage später einer süßlichen Modrigkeit anheimfallen würde. Weich wie ein Daunenbett war das trockene Gras, die paar Disteln darin zählten nicht. Früher haben wir immer ganz oben auf den Fudern gelegen und den Wolken nachgeschaut, die über die sommerlichen Kornfelder segeln, und Knut hat uns bis vor die Scheune kutschiert, erinnerst du noch, liebe Christine? –
Ich warf einen letzten Blick auf das Abendrot, das jetzt in breiten Streifen am Himmel aufflammte – und auf den Misthaufen fiel, der neben dem Hühnerstall auf Sparflamme vor sich hinköchelte und die Abendluft tränkte.

Ich öffnete die Tür zum Schweinestall: Das Lachauer Borstenvieh lag ausgestreckt in den Koben des grau getünchten Gebäudes. Unter der tief gezogenen weißen Kalkdecke grunzten und quiekten sie gedämpft vor sich hin, als vermissten sie Mathilde aus tiefster Seele. Mich straften sie mit totaler Nichtachtung, vermutlich deshalb, weil ich die Exekution der Schönen nicht verhindert hatte.
Ich verharrte traurig vor Lisas Bucht, die wenigstens eines ihrer winzig kleinen Äuglein unter ihren spärlichen weißen Wimpern riskierte, atmete den scharfen Geruch der Spreu ein und jammerte eine Weile aus Brüderlichkeit und von ganzem Herzen mit, was das Borstenvieh offensichtlich völlig normal fand. Lisas Pausbäckchen zitterten leicht ... ob nun vor Aufregung oder Müdigkeit, das ließ sich nicht deuten. Von

Collage zum Teil 2; 2. Text

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Kommentare

29. Dez 2017

Saustark, die Nacht im Schweinestall:
Sie brachte Leben in den Fall!
(Ein Saustall scheint mir stark gewohnt -
Seit Bertha Krause im Haus thront ...)

LG Axel

29. Dez 2017

Dank, lieber Axel, Dir, für Deinen Kommentar.
Ein Trost sei Dir: Im Saustall geht es meistens fröhlich zu.
Falls Bertha Dir einmal abhanden kommen sollte ...
wer dann, der auf Berlinerisch Dir noch so lieblich schmollte?!

LG Annelie

29. Dez 2017

Das Lachauer Borstenvieh namens Lisa ist - zum Verlieben ...

liebe Grüße - Marie

29. Dez 2017

Liebe Marie, ich danke Dir ganz herzlich für Deinen Kommentar, der wahrscheinlich der letzte seines Zeichens für mich im alten Jahr war. Ich weiß nicht mehr, ob eines der Tiere tatsächlich "Lisa" hieß, aber sie hatten alle hübsche Namen und waren darüber hinaus auch alle so schnucklig schweinisch drollig.

Liebe Grüße, einen guten Rutsch, wie man so sagt, und ein gesundes frohes neues Jahr für Dich,
Annelie

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