Briefe aus Mourèze

Bild von Dieter J Baumgart
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Gedenktag
Erster Brief aus Mourèze

     Gestern, am 11. November, war übrigens der französische Gedenktag für die Toten und Gefallenen in den Weltkriegen. Das Datum steht für den Waffenstillstand im Ersten Weltkrieg 1918 und gehört, wie auch der 8. Mai 1945, zu den ganz wichtigen nationalen Gedenktagen in Frankreich. Und so trug sich in unserem Dorf Folgendes zu: Zwei Tage zuvor hatten wir schon in unserem Briefkasten einen Zettel vorgefunden, dem wir entnahmen, daß der Bürgermeister zur Ehrung der Gefallenen zu einem Treffen vor dem Rathaus einlädt, anschließend Kranzniederlegung und Gedenken am Mahnmal auf dem Friedhof, und dann ein Aperitif im Rathaus. Die Einladung erhielten wir dieses Jahr zum erstenmal, sie war auch nicht persönlich adressiert, sondern wohl ganz allgemein verteilt worden.
     „Da können wir nicht hingehen“, meint meine Frau am Vorabend, „ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll, aber... Ich meine, wir haben da nichts zu suchen.“
     „Wenn du meinst, weil wir Deutsche sind...“
     „Nein, das meine ich nicht...“
     „Also, ich finde, wir können – wir müssen da sogar hingehen. Außerdem sind wir eingeladen.“
     „Du verstehst mich nicht...“
     Wir vertagen das Problem auf den kommenden Morgen. Das Treffen ist um elf Uhr dreißig.
     „Das ist keine persönliche Einladung. Die Zettel sind einfach so verteilt worden“, bemerkt meine Frau beim Frühstück.
     „Nun und? Wir gehören zu diesem Dorf, und wir würden uns ausgrenzen, wenn wir da nicht hingingen.“
     „Ja, aber es ist ein nationaler Gedenktag für Franzosen, da gehören wir nicht hin.“
     „Gut“, mache ich einen Vorschlag zur Güte, „fragen wir Sonja!“
     Sonja ist die Grande Dame im Dorf, gebürtige Russin und schon seit der Oktoberrevolution in Frankreich ansässig. Eine Stunde vor Beginn der Gedenkfeier eilt meine Frau zu Sonja.
     „Sonja sagt, daß die Einladungen dieses Jahr zum erstenmal verteilt wurden, und natürlich könnten wir da hingehen. Aber du weißt ja auch, daß Sonja uns liebt und alles richtig findet, was wir machen. Ich bin eigentlich nicht dafür, daß wir gehen. Natürlich wird keiner was sagen, das ist klar, aber ich find‘ es einfach nicht gut.“
     „Und ich finde, es ist nicht gut, wenn wir nicht gehen. Wir sind Einwohner von Mourèze, wir gehören zu dieser Gemeinde.“
     Pause.
     „Na gut. Aber wir gehen direkt zum Friedhof, nicht erst zum Rathaus. Der Friedhof ist ja auch gleich hier neben unserem Haus.“
     „Na schön“, sage ich, „gehen wir gleich zum Friedhof.“
     Inzwischen sind es nur noch zehn Minuten bis zum Beginn.
     „Ach“, sagt meine Frau plötzlich, „komm, gehen wir zum Rathaus.“
     Am Rathaus treffen wir zusammen mit weiteren Nachbarn ein. Natürlich kennt sich jeder in einem Dorf mit 112 Einwohnern. Wir werden herzlich begrüßt, dann kommt auch unser Bürgermeister:
     „Das ist schön, daß Sie gekommen sind“, sagt er. „Es ist für Sie vielleicht nicht ganz einfach, als Deutsche, meine ich. Aber schließlich gehören Sie auch zu uns, und wir freuen uns, daß Sie gekommen sind.“

     Es wäre schön, denken wir manchmal, wenn die Welt ein Dorf wäre und auch noch Mourèze hieße.

Dörfer haben Häuser
Zweiter Brief aus Mourèze

     Dort, wo im Dorf das untere Sträßchen beginnt und am Friedhof entlang zu unserem Haus führt, befindet sich ein größeres Wohnhaus mit einem kleinen, langgestreckten Podest an der Frontseite, auf dem Sommer für Sommer vier bis fünf große Pflanzenschalen mit wunderschönen Begonien standen, die von Madame Marcelle, der einzigen Bewohnerin des Hauses, liebevoll gepflegt wurden.
     Als wir dieses Jahr Mitte März nach drei Monaten Urlaub in Deutschland wieder nach Mourèze kamen, hörten wir, daß Madame Marcelle im Altersheim sei, weil sie wegen eines gebrochenen Beines nun nicht mehr allein im Haus leben konnte. Es gab also keine Begonien mehr, das Haus stand leer, alle Fenster waren verschlossen.
     Vor wenigen Tagen nun – es ist inzwischen Juni – wollten wir nach Clermont zum Einkaufen fahren und mußten warten, weil vor Madame Marcelles Haus ein größeres Auto stand. Eine Nachbarin bat uns, doch bitte zurückzufahren, damit das Auto später wenden könne, Madame Marcelle sei im Altersheim gestorben und würde nun in ihrem Haus aufgebahrt. Die Beerdigung sollte am nächsten Tag sein.
     Da wir gerade zu der Zeit nicht da sein konnten, hatte meine Frau eine Idee, die einiges in Bewegung setzen sollte: Am Tag der Beerdigung kauften wir in der Stadt drei sehr schöne Begonien, die wir in eine Schale pflanzten und eine meiner französischen Textpostkarten mit einem Gedicht und den folgenden Begleitworten dazu steckten:

                                    Dörfer haben Häuser
                         Häuser haben Augen und Münder
                                     Sie schauen dich an
                                              und reden
                                      über ihre Bewohner

Für Sie die Begonien,
die wir nun nicht mehr vor Ihrem Haus bewundern können.
Gerlinde und Dieter J B.

     Die Schale stellten wir als letzten Gruß an das geschmückte Grab. Stunden später trafen wir die beiden Töchter der Verstorbenen, als sich die Trauergäste verabschiedeten. Mit sehr herzlichen Worten dankten sie uns.
     Noch am gleichen Abend standen wieder vier Schalen mit Blumen, eine davon mit unseren Begonien, auf dem Podest vor dem Haus. Gepflegt werden sie seitdem von unseren Dorfarbeitern. An den Fenstern des Hauses sind die Fensterläden wieder geöffnet.

Straßennamen
Dritter Brief aus Mourèze

Als wir vor nunmehr 27 Jahren in dieses Dorf kamen, da hatte es 84 Einwohner und ebenso viele Stühle in der Kirche. Straßennamen, geschweige denn Hausnummern gab es nicht. Und wenn unsere Postbotin Urlaub hatte, dann übergab sie ihrer Vertretung eine Zeichnung vom Geflecht der Straßen mit einer Aufstellung der Adressaten und wo sie in etwa zu finden sind. Das klappte so einigermaßen, denn das Dorfzentrum, mit der postalischen Bezeichnung Le Village zur Unterscheidung von den vereinzelten Häusern in der Peripherie, hat nur einen Durchmesser von etwa 110 Metern. Daß man sich darin verlaufen kann und immer wieder auf anderen Wegen dahin kommt, wo man eigentlich nicht hinwollte, war eine unserer ersten Erfahrungen.
Inzwischen gibt es zwar GPS und danach liegt unser Haus auf 43° 37’09.85’’ nördlicher Breite und 3° 21’25.16’’ östlicher Höhe. Das ist aber wenig hilfreich, wenn es darum geht, unter Zeitdruck ein Paket abzuliefern.
Das alles wird sich nun in Kürze ändern. Rechtzeitig zum diesjährigen Zensus, dem zweiten, bei dem wir als Einwohner mitgezählt werden, liegen schon Straßennamen und Hausnummern vor. Nun sind wir also nicht mehr unter der anonymen Anschrift Le Village aufzufinden. Unverwechselbar heißt es jetzt 10, rue du Four – Backofenstraße 10, denn am Ende dieser Straße, gleich neben unserem Haus findet sich der Gemeindebackofen.
Nun hat unser Haus, so klein es ist, neben einigen anderen Eigenheiten auch die, über zwei Eingänge von verschiedenen Straßen aus zu verfügen. Also führt der offizielle Eingang, 10, rue du Four in das mittlere Zimmer, während das untere Zimmer, in dem sich sozusagen das eigentliche häusliche Leben abspielt, an der Parallelstraße liegt. Das wiederum hat mit der frühen Geschichte unseres Hauses zu tun. In vergangenen Jahrhunderten wurde es von Ziegenhirten bewohnt. Da gab es unten den Stall und darüber nur ein Zimmer. Noch heute ist manchen Nachbarn unser Haus auch als la maison des chêvres – das Ziegenhaus – geläufig. Das dritte Stockwerk wurde wohl erst im vorigen Jahrhundert hinzugefügt.
Die untere Straße, die eigentlich nur ein Weg und bei starken Regenfällen ein reißender Bach ist, die hat also auch einen Namen bekommen: rue du poète. Am Ende dieser Straße des Dichters, gegenüber unserer Haustür, schlängelt sich ein kleiner Weg in den Cirque de Mouréze. Auf den ersten fünfzehn Metern dieses Pfades habe ich vor Jahren eine Idee verwirklicht: Le petit chemin de la poésie – Der kleine Gedichteweg. Die Idee: Literatur – oder das, was ich dafür halte – an ungewohntem Ort zu präsentieren, zur Diskussion zu stellen, begleitet von Skulpturen, die die Textinhalte sinngemäß vertiefen. Die ersten Anmerkungen unserer Nachbarn – Das ist aber schön, kommt da noch mehr? – ermutigten mich, weiterzumachen. Und so ist dieser schlichte Straßenname für mich ein Willkommensgruß, der im besten Sinne das Gefühl vermittelt, angekommen zu sein.
Daß dieses Vorhaben nur mit der uneigennützigen Hilfe von Freunden gelingen konnte, sei hier – und ganz gewiß nicht am Rande – erwähnt. So gilt mein besonderer Dank Bernard Pauthier aus Caen, der nicht nur die Worte, sondern auch meine Gedanken und Vorstellungen so in die Sprache unseres Gastlandes übertrug, daß ungezählte Leser – und Zuhörer – aller Altersgruppen ihnen mit offenen Augen und Herzen begegnen. In diesem Sinne ist das Interesse der Besucher auch mein Dankeschön an die Gemeinde Mourèze.

Dieter J Baumgart

Mourèze, Foto von Dieter J Baumgart

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