Da lachen ja die Hühner

Bild von Alf Glocker
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Es geschah vor sehr langer Zeit, als wir entdeckten wie man Leben umformen kann. Die ersten Beobachtungen dazu wurden bereits in der Mitte des 20. Jahrhunderts gemacht, dann schlief die Sache beinahe ein,
doch unseren rührigsten Unternehmern hatten wir es schließlich zu verdanken, daß dieser uralte Gedanke wieder neu aufgenommen wurde.

Die ersten Versuche wurden, soweit ich weiß, an Hühnern vorgenommen. Das sogenannte Heghhog-Gen schien uns traumhafte Wege zu eröffnen. Und wir befanden uns in einer gewissen „Verlegenheit“. Nachdem die letzten verheerenden Völkerwanderungen des 21. Jahrhunderts einigermaßen überstanden waren, wussten wir endlich mit wem etwas anzufangen war und mit wem nicht.

Daß auf die meisten „mit wem nicht“ zutraf, konnten wir jetzt einwandfrei erkennen, aber das befriedigte den Arbeitsmarkt nicht. Die Wirtschaft war fast zum Erliegen gekommen, da sich nach und nach schädliche, archaische Einflüsse geltend gemacht und sie an der weiteren Entfaltung gehindert hatten. Ersatz war schwer zu beschaffen, denn die ehemaligen Erschaffer des Wahlstandes hatten sich entweder hinter die Mauern der Reichen-Ghettos, oder in entlegene Weltregionen zurückgezogen.

Unter Aufbietung aller Kräfte der uns verbliebenen Wissenschaft brachten wir jedoch das Kunststück der Neubeschaffung von dienstbaren Arbeitskräften zustande und zwar auf einem Weg, den wir uns früher nicht zu gehen getraut hätten.

Selbstverständlich mussten wir zunächst im Verborgenen vorgehen, denn man spionierte uns ständig nach! Die Schöpfung durfte in ihrer heiligen Ursprünglichkeit, sprich, im jetzigen Zustand, nicht angetastet werden. Aber wie immer, wenn Glauben und Geldgier miteinander kollidieren, siegt zuletzt natürlich das Geld, weil damit auch die Religionsführer ihre nicht ganz unberechtigte Lebenslust finanzieren.

Und so machten wir uns ans Werk, vom Segen derer begleitet, die wieder einmal ihren Hals nicht voll kriegen konnten. Wir arbeiteten Tag und Nacht, solange bis unsere Forschungen und unsere Laborversuche endlich die Erwünschten Erfolge zeitigten.

Zunächst wiederholten wir in der Praxis was wir aus alten Aufzeichnungen erfahren hatten: wir züchteten einem Huhn 2 Paar Flügel an. Das gefiel nicht nur uns, denn sicher würden wir ihm auch zusätzliche Muskelpartien wachsen lassen können! Mehr Fleisch für Milliarden Hungerender stand in Aussicht. Doch das war gar nicht unsere Absicht!

Was genau unsere Absicht war, durften die Massen der Dumpfbacken um uns herum vorläufig nicht erfahren. Offiziell waren wir also weiterhin zugange, damit endlich mehr auf den Tisch käme und nicht jährlich 300 Millionen den Hungertod starben. Wir blieben also fleißig am Ball!

Wir ließen die Hühner größer werden. Ein Teil des Federviehs, der Offizielle, blieb dabei ganz Huhn, nichts als Huhn, der andere Teil – der Inoffizielle – veränderte sich vollkommen! Wir unterdrückten den Federnwuchs, ließen intakte, flügellose Arme, mit Fingern daran entstehen und komplette, richtige Beine wachsen. Auch den Schnabel hielten wir für völlig überflüssig. Er wich einem Mund aus ledrigen Lippen.

Das Wichtigste aber war uns das Gehirn. Darauf verwandten wir die größte Aufmerksamkeit! Schließlich hatten wir es auf ca. 1500 cm³ anwachsen lassen. Ein wahres Kunstwerk war geschaffen! Die Hühnerfrauen legten nicht nur riesige Eier, sie und die ihre Männer konnten auch Mathematikaufgaben lösen und sich schließlich sogar – leicht gackernd – mit uns unterhalten. Schön waren sie geworden, bis auf die Haut, die, zugegeben, etwas rau geriet. Aber wir wollten ja auch keine romantischen Abenteuer mit ihnen erleben, sondern sie für wirtschaftliche Zwecke verwenden.

Inzwischen hatte unser Forschungsprojekt riesige Summen verschlungen. Die Parteivorsitzenden, die Glaubensfürsten und die Unternehmerverbands-Präsidenten ermahnten uns immer wieder, endlich verwertbare Erfolge vorzuweisen und bald standen sie vor den Toren unserer Anstalt und erzwangen sich mithilfe der geballten Ordnungsmacht Einlass! Was sie sahen ließ ihnen das Wasser im Munde zusammenlaufen!

Wir wurden mit Orden überhäuft! Sogar der in Vergessenheit geratene uralte Nobelpreis wurde unseretwegen wiederbelebt und wir waren die ersten (wie auch – was wir aber damals noch nicht wussten – letzten) Preisträger. Die staatlichen Subventionen für unseren, wie wir jetzt als Ganzes plötzlich benannt wurden – „Betrieb“ nahmen sprunghaft zu. Gleichzeitig ging fürs Erste die Bestellung von 1 Million sprechender Riesenhühner bei uns ein, die wir bis zur Schlachtreife mästen sollten.

Auf unsere Anfrage hin, ob man dafür nicht lieber, das etwa schäferhundgroße Federvieh nehmen sollten, das jetzt ebenfalls zur Verfügung stand, erklärte man uns klipp und klar, daß die denkfähigen Hühner noch mehr Fleisch auf den Rippen besäßen als die anderen und deshalb auch noch besser zu verwerten seien. Mit Mühe und Not konnten wir den zuständigen und nichtzuständigen Institutionen klar machen wofür sie sich am besten eigneten: zur Arbeit!

Dank ihrer völlig so undogmatischen wie anspruchslosen „Betriebssysteme“ im Kopf könnten sie bedenkenlos in jeder Sparte bis zum Umfallen tätig sein und hohe Renditen erwirtschaften – fast so, wie es die seit Jahrhunderten nahezu ausgestorbene Spezies, der „aufgeklärten Industriearbeiter“, deren vereinzelte Nachkommen jetzt versprengt auf entlegenen Eilanden lebten (oder gerade Hühner mit Hirn schufen), früher einmal tat.

Das löste einen Sturm der Begeisterung aus! Die kleineren Hühner kamen also in den Kochtopf, die größeren in die Bergwerke, an die Fließbänder, in die Fabrikhallen. Fragen hatten sie keine! Warum sie uns von Anfang an ein bisschen komisch und ein bisschen anders als sonstige denkende Wesen vorkamen erfuhren wir später.

Zunächst machten wir uns weiter frisch ans Werk, denn wir hatten noch viele Ideen. Was mit Hühner ging würde auch mit anderen Tieren gelingen, kombinierten wir folgerichtig. Bald gab es tanzende Bären, die, während der Arbeitszeit auf Baustellen und ich Steinbrüchen eingesetzt wurden, Affen in Uniform, zur Regelung des Verkehrs, sowie zur Aufrechterhaltung der Ordnung, ja sogar äußerst langsam artikulierende, aufrecht gehende, Fische, mit leichtem Schuppenglanz und auffälligen Glupsch-Augen, die völlig problemlos Unterwassertätigkeiten in Tang-Plantagen und beim Bohren nach Öl, ihre Arbeit verrichten konnten. Die Krone unserer Schöpfungen aber bildete schließlich die Familie der absolut wertfrei denkenden Kraken.

Ihnen hatten wir ihre acht Arme gelassen (so konnten sie 8 Formulare gleichzeitig ausfüllen), dafür aber ein 4kg schweres Riesengehirn gegeben, das es ihnen ermöglichte sämtliche zukünftig anfallenden Verwaltungsaufgaben von den Meeren aus zu erledigen. Eine Welle des Wohlstandes überschwemmte die bis dahin reichlich chaotische und verarmte Erde. Es gab nach ewig langer Zeit auf einmal wieder für alle genug zu essen, schöne Häuser, blitzblanke Straßen und eine korruptionsfreie Weltwirtschaft.

Dann geschah etwas Fürchterliches! Irgendwer unter den getunten Tieren hatte dermaßen logisch zu denken begonnen, daß ihm seine Schöpfer, die mit Erfindergeist bewaffneten Menschen nicht mehr schnell genug folgen konnten. Die Denk-Tiere begannen, im Sinne einer globalen Unternehmensberatung, zu “rationalisieren“! Ihre, nun sehr schnell auch praktisch angewandte Logik, begründeten sie mit durchaus nachvollziehbaren Argumenten.

Auch wir, im Forschungskonzern konnten ihnen da nichts entgegenhalten. Sie behaupteten einfach, Menschenwesen sollten nicht allein deshalb, weil sie von Menschenwesen abstammten, ungezügelt dahinleben dürfen. Auf vielen Gebieten müsse ihnen strikt Einhalt geboten werden. Wer z.B. zu viel Zeit darauf verwende mystische Mächte zu loben und zu wenig an eine fortschrittlich geprägte Zukunft dächte, der sei aus seinen Diensten an der Gesellschaft zu entlassen.

Für die Durchsetzung dieses Teilzieles wurden nun Verbote eingeführt, die eine ungehinderte Ausbreitung infrage kommender Personen verhindern sollte. Aufkeimende Protestaktionen der Betroffenen wurden von den Uniformierten von nun an im Keim erstickt. Als Folge davon erlebten die neugeordneten Staaten weitere Wohlstandsschübe – was wiederum die meisten Zweifler des immer noch den Kern der Welt-Gemeinschaft bildenden Sorte „Homo Sapiens“ zum Schweigen brachte.

Aber die Riesenhirnkraken planten bereits neue, noch effizientere Schritte. Noch in den Weltmeeren hausend, gaben sie uns den höchstrichterlichen Auftrag, dafür zu sorgen, daß sie nicht nur einen enormen Denkapparat besäßen, sondern obendrein auch bald über ein durchaus ansprechendes Äußeres verfügen könnten.

Wir, die wir geschlagen waren mit dem Erfindergeist vernichtet geglaubter Generationen, brachen uns schier das Genick dabei, auch noch dieser Aufgabe zufriedenstellend gerecht zu werden – aber es gelang. Nach endlosen Wochen, Monaten, Jahren, ja beinahe einem ganzen Jahrzehnt stand er schließlich vor uns: der gewaltige Krakenmensch! Er war 3 ½ Meter hoch, er wog 5 Zentner, er besaß ein Skelett, ein mathematisch perfekte funktionierendes, 4,2 kg schweres Organisatorengehirn, er hatte Stimmbänder, konnte fliesend sprechen und sogar sein Papageienmaul war einer ansehnlichen, mundartigen Leibesöffnung gewichen. Wir konnten stolz auf uns sein!

Die ganze Welt feierte das freudige Ereignis 3 Tage und Nächte lang. Sogar auf den Straßen wurde ehemals italienischer Rotwein zu Calamari fritti gereicht, solange bis alle völlig betrunken und erschöpft vor den Häusern lagen. Dann begannen sich gravierendeUnterschiede abzuzeichnen – wir hatten in all unserem Forscherdrang, das Erbgedächtnis vergessen! Eine Katastrophe!

Zunächst war uns das gar nicht weiter aufgefallen, denn die erforderlichen Mechanismen zur Aufrechterhaltung der Staatswesen gediehen ja prächtig, brachten, genau genommen sogar große Gewinne ein. Aber jetzt, wo die Reichen nicht mehr die Weltwirtschaft regierten, sondern die Kraken, wurden doch wieder Bedenken laut. Überall wollte man die neuen, intelligenten Helfer der Menschheit bei seltsamen Verhaltensweisen beobachtet haben…

Da gab es angeblich ganz plötzlich humanoide Hähne, die morgens, vor Arbeitsbeginn die aufgehende Sonne ankrähten, Bären die Winterschlaf halten wollten und Affen, die Fassaden von Präsidien und Kasernen erkletterten, anstatt für Ordnung zu sorgen. Dabei handelte es bei ihnen nun schon um die 3. oder 4. Generation. Waren ihre Seelen tierisch geblieben? Nach ausgiebigen Beratungen kam der Betriebsrat unserer Forschungseinrichtung, der übrigens immer noch ausschließlich aus genetisch mit dem Erfindergen behafteter Menschenwesen bestand, zu dem eindeutigen Ergebnis, daß wir uns eines gravierenden Fehlers schuldig gemacht hatten: wir vergaßen einst, vor der Inangriffnahme unseres Projekts, die Auswirkungen einer natürlichen Evolution!

Viel zu spät wurde uns klar, daß ein schöpferisch gewachsener Entwicklungsprozess nicht nur die Gestaltung des Körpers, sondern selbstverständlich auch die des Geistes betrifft: eine reife Seele besteht eben nicht nur aus dem Nachvollziehen abstrakt vorgedachter Denkweisen, sondern sogar, allem anderen voran, aus den Erfahrungen schmerzlicher Lernprozesse, welche eine Philosophie ermöglichen, die nicht eingeübt, sondern nur vererbt werden kann, weil sie später nicht nur oberflächlich als vorhanden kapiert, sondern auch lebendig empfunden werden muss!

Die Beobachtungen amerikanischer Finken im 21. Jahrhundert hätte uns das bereits deutlich vor Augen führen können. Aber wir dachten eben vorzugsweise, ja schon krankhaft überbetont vorurteilsfrei – was aufrechtgehende Lebensformen angeht, die nachweislich im Besitz eines sogenannten Großhirns sind. Jetzt müssen wir auch damit klarkommen!

©Alf Glocker

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Kommentare

19. Okt 2016

Ob Truthahn - oder alter Gockel:
Dem Huhn ein Denk-Mal! (Ohne Sockel ...)

LG Axel