Der beginnende Wahnsinn in 365 Schritten / 140

von Alf Glocker
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140. Schritt

Über der Stadt schwebt etwas. Manche halten es für den Mond, manche sagen es sei einfach ein Zeichen, aber die meisten gucken mit Absicht gar nicht erst hin! Denn es ist kein Zeichen und es ist auch nicht der Mond. Es ist das Schicksal, aber es sieht aus wie ein riesiges Loch!

Währenddessen wird weiter gearbeitet! Unsere Armeen drängen die anbrandenden Urwälder zurück. Heldenhaft wird Raum geschaffen für Häuser, Straßen und Kreißsäle. Unsere Ärzte haben mittlerweile die letzten Stämme erreicht. Die Pharmaindustrie boomt!

Die Wichtigsten unter uns schicken sich an, rücksichtslos Menschlichkeit zu verbreiten. Die Löhne werden gekürzt und Anreize dafür geschaffen, daß sich auch die Unentschlossenen nichts mehr leisten können. Man hofft so das Wachstum der Slums zu beschleunigen.

Führende Universitäten arbeiten fieberhaft an der Ausbildung von Clowns! Die größten Erfinder werden des Landes verwiesen, damit Platz für all jene besteht, die, im Interesse aller, mit dem Schaumschlagen beginnen können. Die Moral der Truppe muss unbedingt erhalten bleiben.

Der überall aus den Laut-Sprechern kommende Trost begünstigt den Vormarsch der Wüsten. Die Wüsten sind mit dem Elend verbündet, dem einzigen Plan-Ziel der Welt, aus dem wir noch lernen können.

Doch auch die Müllproduktion zugunsten der Meere hat zugenommen. Ein Regierungsangestellter hat kürzlich in den Nachrichten verkündet, daß es aufwärts gehe. Der unheimliche Fischbestand konnte erfolgreich zurückgedrängt werden.

Doch auch an der Front der Kleinst-Teilchen sollte man unsere Siege nicht verschweigen. Alles strahlt im neuen Licht eines unaufhaltsamen Fortschritts! Man dürfe nur die kleineren Rückschläge nicht unnötig aufbauschen. Immerhin sei es dem kürzlich zu Bruch gegangenen Atomkraftwerk Laschimoto gelungen den Tsunami noch erfolgreich zu vergiften der es zerstört hat. Dies jedenfalls behaupten vorbildhafte Vertreter der Optimistenpartei unseres Landes.

Allen Unkenrufen zum Trotz, geht es steil aufwärts, mit allem was uns nützt. Wir können beruhigt in die Zukunft schauen. Im Land der Nobelpreisverteiler diskutiert man sogar gegenwärtig darüber, wer sich die größten Verdienste erworben hat. Die segensreichen Vereinheitlicher der Saatgutmonopolisten, oder die Gentechniker, die ständig an noch geschmacksfreieren Obst- und Gemüsevergrößerungen arbeiten?

Ein kürzlich von der Uno beschlossenes Weltgesetz besagt jetzt auch ausdrücklich, daß wir glücklich sind! Die freudigen Ereignisse, besonders in den Dritteweltländern nehmen derart überhand, daß die Jubelfeiern kein Ende nehmen. Weil das Papier für die vielen Dankschreiben nicht mehr ausreicht, ist man jetzt dazu übergegangen e-mails in die Megastädte zu versenden, deren Inhalt von gut bezahlten Marktschreieren verkündet werden soll.

Wir sind also in der Lage täglich neue Streitkräfte zu bilden, die ausschwärmen um Gutes zu tun. Sintflutartig wird sich das Heil in die Hemisphären ergießen, die noch nicht so sehr vom Segen betroffen sind, und wir werden uns vor Erfolgsmeldungen bald nicht mehr retten können. Dann sind schließlich und endlich auch die Lästermäuler zum Schweigen gebracht, die immer schon alles besser gewusst haben.

Lächelnd werden wir uns zurücklehnen können, in unseren Wohnzimmersesseln zuhause, wenn wir noch eines von beiden haben und sie bewundern, die großen Dürren, die prächtigen Stürme, den Verfall dieser unnötigen Erinnerungen an die schlechten Zeiten der Vergangenheit, als man noch so unzweckmäßige Gebäude wie Kathedralen voller blödsinnigem Zierrat errichtete und Gedichte schrieb die unsere Sprache verherrlicht haben.

Dann werden wir sagen: „Die Leute hatten doch gar keine Ahnung worauf es wirklich ankommt – auf das Überleben nämlich, von heute auf morgen, von der Hand in den Mund“. Und dann werden wir auch Zeit haben uns auf die echten Werte von Gewicht zu besinnen: den wahren Glauben, den Schutz des werdenden Lebens, sowie die angeborene Würde des Menschen, egal woher er auch kommt und egal was er auch angestellt haben mag. Jawoll!

digitale Kunst
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Kommentare

20. Mai 2015

Jene Verwüstung scheint nicht schlecht!
(Sie kommt den Wander - Dünen recht...)

LG Axel