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Die Ferien

Bild von René Oberholzer
Bibliothek

Eines Morgens sagte er am Frühstückstisch im Altersheim: "Heute gehe ich wieder in die Ferien ans Mittelmeer." "Schön", sagten die anderen Bewohnerinnen und Bewohner, "unsere Ferien sind für dieses Jahr leider schon vorbei." Der Mann trank seinen Kaffee aus und ging auf sein Zimmer. Dort nahm er einen Koffer aus dem Schrank und stellte ihn neben sein Bett. Dann befestigte er an allen Wänden Strandposter von Mykonos, drehte mitten im November die Heizkörper voll auf, stellte den Liegestuhl, den er vom Balkon hereingeholt hatte, neben das Bett, strich sich die Selbstbräunungscrème ein, zog die Hawaii-Badehose an, setzte sich eine Schutzbrille auf und legte sich in den Liegestuhl unter der Bräunungslampe, die er aus Taiwan hatte importieren lassen.

Am ersten Nachmittag tat er nichts, bräunte sich nur, hörte griechische Musik und ass gesalzene Erdnüsse, die er aus dem Koffer ausgepackt hatte. Am Abend liess er sich das Essen, Zaziki, Paprikaschotensalat, mit Reis gefüllte Tomaten und ein Eis aufs Zimmer bringen. Das Pflegepersonal servierte in griechischen Trachtenkleidern. Spät am Abend stellte er den Fernseher ein und schaute die Nachrichten, um zu erfahren, was in der Schweiz alles passiert war. Dann ging er zu Bett und schlief ein.

Am nächsten Morgen legte er eine Geräusch-CD in seinen CD-Player ein, legte sich in den Liegestuhl und hörte dem Rauschen der Wellen stundenlang zu. Immer wieder schaute er in seinen Feldstecher, den er gegen die Zimmerdecke gerichtet hielt. Gegen Mittag schlief er unter dem monotonen Rauschen in seinem Liegestuhl ein und erwachte erst am frühen Nachmittag wieder. Dann rieb er sich erneut die Selbstbräunungscrème ein, bestellte per Knopfdruck beim Pflegepersonal einen Ouzo und legte eine DVD ein, die einen Hotelpool zeigte und in seinem Zimmer auf mehreren Bildschirmen zu sehen war. Dazu legte er eine CD mit blubbernden Wassergeräuschen ein. Besuche empfing der Mann am Mittelmeer in seinen Ferien nicht, an der Türe zu seinem Zimmer stand auf einem Schildchen: "Bitte nicht stören, bin zwei Wochen in den Ferien."

Als das Personal den Mann nach 10 Tagen tot in seinem Liegestuhl fand, war der Mann mittelmässig braun und trug einen Feldstecher um den Hals. An der Zimmerdecke hing ein grosses Poster mit zwei nackten Frauen, die gerade aus dem Mittelmeer stiegen.

© René Oberholzer

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