Eieruhr

Bild von Weltenbruch
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Großmutter Marie hatte schon immer eine dieser nervtötenden Eieruhren gehabt. Sie stand in der Küche immer an gleicher Stelle und tickte und tickte und tickte.
Das verdammte Ding wollte nicht aufhören zu ticken. Als ich sechs Jahre alt war und mal wieder bei ihr schlief, weil meine Eltern wohl etwas Zeit für sich wollten, raubte mir die Uhr den Schlaf.
Es tickte und tickte und tickte.
Ich weiß noch wie ich aufstand und zur Eieruhr ging und versuchte sie auf null zu stellen, aber es ging nicht, es funktionierte einfach nicht. Irgendwie klemmte sie.
Bis zum morgen stand ich dort und irgendwann kam meine Großmutter zu mir und sagte: „Malte, du kannst die Uhr nicht verstellen. Das geht nicht. Bitte, fass sie einfach nicht an.“
Ich fragte sie damals, ob sie das Teil abstellen konnte, aber sie verneinte, sagte es wäre wirklich nicht die Zeit dafür. „Wenn ich einmal nicht mehr bin, wird auch diese Eieruhr nicht mehr sein.“
Ich war jung und glaubte natürlich, was sie sagte.

Acht Jahre später hatte sie der Krebs ins Krankenhaus gebracht und ich war an ihrem letzten Tag bei ihr zusammen mit meinen Eltern und anderen Verwandten. Sie konnte nicht mehr sprechen, aber ich konnte sehen, dass der Tod eine Erlösung war.
Wir fuhren ein paar Tage später zu ihrer Wohnung, um bezüglich des Testaments alles zu kontrollieren und in Kisten zu verpacken und auch wenn sie mir die Geschichte erzählt hatte, als ich noch mehr als jung war, war ich trotzdem verwirrt, die Eieruhr immer noch ticken zu hören. Es wirkte irgendwie falsch.

Das ist mittlerweile über dreißig Jahre her.
Ich musste heute daran denken. Mein Vater ist vor einigen Tagen gestorben und ich habe unter anderem eine Kiste von ihm geerbt. Mein Mann hatte sie abgeholt, da ich beruflich noch auswärts zu tun hatte.
Als ich heute mit dem Taxi nach Hause kam, hörte ich wieder dieses Ticken.
Ganz leise.
Nur minimal.
Ich fühlte mich wie damals, unfähig zu schlafen.
Ich ging zu der Kiste, die im Wohnzimmer stand und wühlte mich durch den Kram.
Dieses verdammte Ticken.
Dann war sie dort, die Eieruhr.
Ich wusste, dass sie klemmte, aber trotzdem wollte ich sie endlich stoppen. Mit viel mehr Kraft als ich gebraucht hätte, drehte ich sie in Richtung der 0.
Es ging ganz leicht. Nicht nur leicht, sondern sie klemmte wirklich kein Stück.
Wie schwach war ich als Kind gewesen oder war sie irgendwie gelockert worden?
Kurz bevor ich bei der 0 war, hielt ich inne. Ich hatte ein Geräusch gehört.
„Hallo Malte.“
Ich sah zu der Eieruhr, die nicht mehr lange ticken würde, sie war knapp vor der 0.
„Die Uhr?“ „Die Uhr. Ja.“
Ich griff nach der Eieruhr und versuchte sie wieder aufzuziehen. In diesem Moment fühlte ich mich wieder wie der kleine Junge, der sich abmühte und abmühte, obwohl er keine Chance hatte. Sie bewegte sich keinen Millimeter.
„Diese Uhr tickt momentan für dich. Vorher hat sie für deinen Vater getickt und davor für deine Großmutter und davor... ach. Jedenfalls, es ist gleich so weit.“ „Aber als Großmutter tot war und ich zu ihr... die Uhr tickte immer noch.“
„Ich hatte sie wieder aufgezogen. Wir nähern uns nun rasend dem Ende. Setz dich hin. Deine Sinne werden jetzt gleich schwinden. Bitte, mach es nicht schwerer als es ist.“
Ich schluckte und setzte mich, konnte überhaupt nicht anders.
Nachdem ich mich hingesetzt hatte, wurden meine Sinne schnell schlechter und ich spürte, wie ich aus dem Leben schwand, auch wenn es wirklich nicht so schlimm war.
Als ich mich schon seit einiger Zeit in der Dunkelheit befand, schreckte ich noch einmal auf.
Es schrillte.
Dann war es zu Ende.

Und es begann wieder zu ticken und tickte und tickte und tickte.

Video:

Hörbuchversion von Eieruhr
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