Biographie

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Eine Gänsehaut überkam ihn, als er alles noch einmal genau durchdachte. Es konnte nicht gut enden, das war bei einer Geschichte dieser Art einfach nicht möglich. Aber neben der Gänsehaut durchzog ihn auch ein weiteres Gefühl. Freude. Freude darüber endlich abschließen zu können.
Diese Reihe hatte sein gesamtes Leben aufgefressen. Tag für Tag hatte er wie ein Besessener diese Zeilen geschrieben und dabei so vieles verloren. Freunde, seine Frau und mehr.
Es musste ein Ende finden. Der Erfolg war schön, aber nicht mehr mit dieser Reihe. Diese Reihe musste ein schnelles Ende finden, ein schmerzhaftes Ende, ein endgültiges Ende.
Der Protagonist in der Geschichte war selbst Autor, schrieb seine eigene Reihe. Derrick hieß er.
Martin wollte jetzt, nach all den Jahren, den Schlussstrich ziehen, doch das konnte er nicht. Kein Selbstmord ohne Grund; allerdings nicht weil Martin die Reihe so viel bedeutete, sondern aus einem ganz anderen Grund. Martin war zwar erfolgreich gewesen, seine Reihe hatte sich verkauft. Aber seine Glanzzeiten waren längst vorbei. Außer den Stammlesern konnte er nur noch wenige mit seinen Büchern überzeugen und sein Verlag achtete ihn zwar mehr als die hunderten Autoren, die auf gut Glück Manuskripte verschickten, doch würde ein schlechter Abschluss das Ende von Martins Vertrag bedeuten; und Martin lebte von der Schreiberei, er hatte nie etwas anderes gelernt. Natürlich wollte er sich neu erfinden, aber nicht komplett. Dafür war es zu spät, er war längst nicht mehr 20 und ja, wenn er noch 30 gewesen wäre, dann vielleicht noch. Doch ihn trennte von seinem fünfzigsten Geburtstag nicht einmal mehr ein ganzes Jahr.
Diese Reihe war Anfang und Ende von so vielem gewesen. In einer ekelhaften Abhängigkeit hatte er sich von seinem Protagonisten Derrick ernährt. Doch es war endlich an der Zeit diese Nabelschnur zu durchtrennen. Damals vor über 25 Jahren hätte er sich nie träumen lassen, dass der Abbruch des Studiums, die neugefasste Freiheit, nach der Annahme des ersten Teils der Reihe bei einem größeren Verlag, ihn letzten Endes in Ketten legen würde.
Derrick, der Protagonist der Reihe, war ebenfalls Autor, der an irgendwelchen Gegenwartsromanen schrieb, allerdings viel erfolgreicher als Martin, das wurde allerdings nur selten thematisiert. Meistens half er bei der Aufklärung von Verbrechen in seiner kleinen Stadt, die Martin zeichnete. Sie ähnelte der eigenen kleinen Stadt hier, nur mit dunkleren Tönen gemalt.
Es waren keine Thriller, sondern eher ruhige Mordfälle, die aufgeklärt wurden. Doch dieses Mal wäre das anders. Er wollte Derrick in die Ereignisse verwickeln, wollte dafür sorgen, dass eine spannende Sequenz nach der anderen kam und der Leser atemlos von Seite zu Seite hechten würde.
Einen Moment dachte Martin über den Plot nach und dann kam wie aus dem nichts die zündende Idee.
Eine korrupte Stadtverwaltung. Ein Komplott mit einem reichen Industriellen. Er roch beinahe schon die bittersüße Perfektion in seinen Gedanken. Er wusste auch wie er es richtig lebendig machen konnte. Jeden Ort den er beschrieb, wollte er kurz davor noch einmal besucht haben, jede Szenerie wie einen Schwamm aufsaugen.
Doch so eine Geschichte konnte Martin nicht einfach am Computer abtippen. Es müsste besonders sein. Martin stand auf und griff zum kleinen Schränkchen, indem er alle Schlüssel aufbewahrte. Zielgerichtet griff er nach zwei der Schlüssel und ging nach unten in den Keller. Er schloss die Kellertüre auf und suchte blind nach dem Lichtschalter. Er war nicht oft hier unten. Denn die Unordnung breitete sich gleich einer Infektion kontinuierlich aus. Kisten, Kartons und ausgediente Möbel lagen in einem nicht nachvollziehbaren, vollkommen abstrakten Haufen auf- und nebeneinander.
Martin schob ein paar Bilderrahmen zur Seite und suchte zielstrebig nach einer bestimmten Kiste. Denn auch wenn der Haufen keinerlei Ordnung oder gar ein Muster zu erkennen gab, wusste Martin trotzdem wo alles war. Dann zog er sie heraus, die rote Kiste. Sie war alt und die Farbe blätterte verspielt an allen möglichen Stellen ab und gab das dunkle Holz darunter frei. Mit dem zweiten Schlüssel öffnete er das Vorhängeschloss und gab eine Schreibmaschine frei, die silbrig im dumpfen Licht der Kellerfunzel glänzte. Vorsichtig zog er sie heraus. Es war ein Erbstück, dass er damals von seinem Großvater bekommen hatte und auf dem er seine ersten Texte und auch den ersten Teil der Reihe geschrieben hatte. Er stellte sie neben sich auf einen anderen Karton und strich vorsichtig über das kalte Metall, kontrollierte, ob sie denn überhaupt noch funktionstüchtig war. Tatsächlich hatte sie anscheinend über die Jahre hinweg keinen Schaden davon getragen. Er trug sie nach oben in seine Wohnung, räumte seinen Laptop zur Seite und stellte die Schreibmaschine auf, holte sich eine Flasche Wein und begann zu tippen.
Erst reihte sich mühsam Wort an Wort, dann kam er in einen richtigen Fluss und kurze Zeit später hatte er die ersten 10 Seiten gefüllt. Ein Mord war geschehen und wieder einmal wurde Derrick von einem Polizisten hergerufen. Der Mann war erschlagen worden. Keine Tatwaffe in der Nähe, keine Verdächtigen. Alleinstehend, eigentlich mit niemandem ein Problem gehabt, auch die Freunde konnten sich das nicht erklären. Vielleicht ein Einbruch? Seine Brieftasche fehlte, ein paar Kleinigkeiten im Haus, aber nichts Spezielles. Auch die Tür war aufgebrochen worden, der Schlüssel steckte noch. Auch wurde erwähnt, dass es ein guter Freund von Derrick war. Martin beschrieb die Einzelheiten und trank dabei immer mehr vom schweren Wein und fiel irgendwann in einen unruhigen Schlaf.

Am nächsten Morgen weckten ihn Dehydration und Kopfschmerzen. Der schwere Portwein war zu viel für ihn gewesen. Nachdem er Wasser und Aspirin geholt hatte, setzte er sich wieder an seine Schreibmaschine. Er wollte weitermachen. Er las sich das Geschriebene von gestern durch, machte ein paar Anmerkungen und kam schließlich zum Ende, dessen was er geschrieben hatte. Die Szene in welcher Derrick den Schauplatz des Mordes verließ, um nach Hause zu gehen und gleichzeitig zu trauern, sich Gedanken über die Situation zu machen. Doch dort stand nicht, dass Derrick nach Hause ging, sondern dass er zum Café am Fluss ging... Das Café am Fluss? Martin war sich sicher, dass er es anders geschrieben hatte, aber es kam ihm dann doch wie eine gute Idee vor, dort hinzugehen. In den Büchern war das immer der Platz an dem

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