Ein bizarres Erlebnis

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Mein bizarrstes Erlebnis in der Jugend, hier: März 1951

Mein Onkel Arved war ein angeheirateter, stets angeheiterter Verwandter, der für viel Aufregung sorgte, seinerzeit, in den 1950er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Meine Erinnerung ist noch immer frisch an den Mann, der für so viel Wirbel sorgte. Meistens waren seine Eskapaden „Trunkenheitsvorfälle“, die gern von der Verwandtschaft in Kressbronn am Bodensee vertuscht und unter den Teppich gekehrt wurden.

Sie kennen die berühmte Lampenschirm-Nummer? Einer Ihrer Verwandten hat sie auch schon gebracht? Auf Weihnachtsfeiern oder auf Geburtstags-Feten? Sie geht zurück auf meinen Onkel Arved, der damit im Jahr 1948 begann. Leider.

Ein Patent auf den lustigen Lampenschirm-Hut hat er nie erhalten. Und ich kann hier auch nicht sagen, dass unsere Großfamilie stolz auf den Erfinder gewesen wäre. Es sei hier nur einmal erwähnt: Die Lampenschirm-Nummer, das war mein Onkel Arved.

Ich besitze ein uraltes Foto von 7 Familienmitgliedern, die sich, im Waschkeller, um diesen Onkel Arved gruppieren. Auf der Rückseite ein Datum: 31. März 1951, es war, und dies weiß ich noch sehr genau, ein Samstag. Waschtag. Alle Familienmitglieder waren um unsere Constructa Waschmaschine versammelt. In der Mitte Arved, mit einer großen Axt. Wie es dazu gekommen ist? Das fragen Sie sich? Nun, dann soll die Geschichte auch erzählt werden.

An diesem Samstag, Waschtag, hatte meine Großmutter die Wäsche bereits sehr sorgfältig vorsortiert, es lagen 3 große Haufen im Waschkeller parat. Wie es üblich war, wurde vor der Inbetriebnahme der Constructa ein kleiner Umtrunk vorbereitet. Sie müssen wissen, dass damals nicht jeder Haushalt über eine Waschmaschine verfügte. Das gewaltige, schwere Ungetüm war bei uns mit 4 riesigen Schrauben fest im Boden verankert worden, da die Unwucht so heftig ausfiel. Ohne diese Schrauben hätte die Constructa einen Tanz aufgeführt, der uns Umstehende wohl alle zermalmt und in den Boden gestampft hätte. Das Getöse beim Waschvorgang: Enorm. Unsere Familie besaß keinen Fernseher. Da war das samstägliche Waschkeller-Vergnügen quasi unser Ersatz dafür. Daher auch der Umtrunk um Punkt 13 Uhr, gleich nach dem Mittagsmahl. Ein Ritual, jeden Samstag identisch.

Onkel Arved trank gleich 3 Schnäpse. Dann war er für kurze Zeit verschwunden. Unsere Verblüffung war gewaltig, als er dann plötzlich mit einer großen Axt, stark erhitzt, hochrot im Gesicht und schwitzend, vor uns im Waschkeller stand: „I-I-Ich drehe jetzt (und Arved sah auf seine billige Armbanduhr), ich wiederhole, gerade jetzt, um 13:36 Uhr, am Samstag, dem 31. März 1951, am Rad! Ich drehe durch! Den Grund wollt Ihr alle wissen, ja? Mich macht diese Drecks-Waschmaschine hier fertig. Ich halte das einfach nicht mehr aus! Jeden Samstag... Immer dieses Getöse, das monotone Geräusch, das Wälzen und Wuchten der Wäsche, all das Wackeln, das Wummern und Hämmern, ich packe das einfach nicht mehr...“

Er nahm die Krumpholz Forstaxt, mit Eschenstiel, und begann, mit Wucht und einer nahezu schäumenden Wut auf unsere Constructa einzuschlagen. Die Hiebe saßen. Bald flog die Abdeckung davon. Noch war die Maschine nicht in Betrieb. Sie harrte der Wäsche, sozusagen. Doch an diesem Tag sollte es keine Wäsche geben. Arved grunzte bei jedem Hieb, war nicht zu bremsen. Einige eher angedeutete Versuche einiger Anverwandter wurden rasch wieder eingestellt, so sehr wütete Arved mit der Axt. Er schrie dabei und brüllte: „Dich werd ich Mores lehren...“ „Stirb, du Scheiß Maschine!“ „Nimm das!“ und „Wie schmeckt dir das hier?“ „Steck diesen Hieb hier ein, du Teufelsmaschine“ kreischte Arved und zerlegte unsere Constructa in viele hundert Einzelteile. Die Frontscheibe barst, die Seitenteile fielen ab, ein wenig erstaunt registrierten wir, wie viele Kabel und Drähte sich uns da offenbarten. Es war, vor allem für uns beiden Kinder im Pulk rund um den Schäumenden, tatsächlich eine Höllenmaschine, aus der jetzt die Eingeweide quollen.

Die ca. 80 cm lange Axt, sehr stabil, ließ der Constructa keine Chance. Arved wütete wie ein Berserker, war überhaupt nicht zu beruhigen. So standen wir denn alle sieben rund um den Wahnsinnigen herum, und seine Ehefrau, Gerda, machte ein Foto. Ich besitze es noch immer. Es hat diesen Wellenrand, wie auf den Schwarzweiß-Fotos damals üblich. Wir 7 und in der Mitte, die Axt schwingend gegen die Waschmaschine gerichtet und komplett rot im Gesicht, was auf dem Foto natürlich nicht zu sehen war, mein Onkel Arved.

Da sich meine Tante Gerda mit Scheidungsgedanken plagte, zur damaligen Zeit, in der katholischen Hochburg Kressbronn, nahezu ein Sakrileg, denke ich, machte sie das Foto im Wissen darum, dass genau diese Aufnahme sie in ihren vom Ehemann durchaus bewusst wahrgenommenen Absichten zu stützen in der Lage war. Arved trank viel zu viel, die Arbeitsstelle war bereits in Gefahr. Und nun dieser Wahnsinn. Dieser Auftritt. 2.280 DM hatte die Waschmaschine gekostet, sie war gerade mal 3 Monate alt, das Waschprogramm verbrauchte damals stolze 240 Liter Wasser. Die Kosten waren auf die Familienverdiener verteilt worden. Und nun das. Versicherung? Daran hatte keiner gedacht. Die Constructa lag in Einzelteilen im Waschkeller, mein Onkel lehnte, nach getaner Arbeit, heftig pumpend an der Wand. Er hatte seine Axt fallen gelassen. Wir alle führten ihn nach oben, in den Wohnbereich. Dort sollte er einige Schnäpse trinken, bevor er dann, folgerichtig, „abgeholt werden würde“.

Uns allen war klar, dass wir den Onkel so schnell nicht wiedersehen würden. Das würde ein längerer Aufenthalt in der Psychiatrie werden. Meine Oma weinte bittere Tränen, sie hatte die Constructa geliebt. So sehr geliebt. Und sie war auch alleine dazu fähig, die komplizierte Maschine zu bedienen. Das stärkte ihre Macht innerhalb der Familie. Sie war die Beherrscherin der Constructa.

Nach 5 Stunden kamen die Herren mit der weißen Weste. Behutsam führte man den immer noch völlig derangierten Arved ab. Wir standen Spalier. Erneut machte Gerda ein Foto. Auch das habe ich noch immer. Ich habe erst 1971 wieder von Arved gehört (da meldete er sich, völlig unvermittelt, aus Paraguay). Längst geschieden, war der verrückte Kerl nach Asunción ausgewandert. Nun schrieb er mir einen Brief. Für die Freunde war ich, vorübergehend, der Star. Mit dieser Briefmarke kein Wunder. Bald darauf verstarb er dortselbst. Ich hatte nur diesen einen Brief erhalten.

Meine Tante hat nie wieder geheiratet. Im erzkonservativen Kressbronn nahm man eher eine „wilde Ehe“ hin als eine Wiederverheiratung einer Geschiedenen. Auf dem Foto ist die Constructa noch fast völlig intakt, da hatten sie erst 2 Axthiebe getroffen. Somit ist mein Foto auch ein historisches. Die 1. deutsche Haushaltswaschmaschine von Miele, da steht sie. So wuchtig, so teuer, so gewaltig. Und so laut. Daran konnte ich mich gut erinnern. Im Schleudergang rüttelte sie das ganze Fundament durch. Aber durch die 4 Schrauben durfte sie sich nicht durch den Waschkeller bewegen. Sie hätte es sehr gern getan. Da bin ich sicher. Aber sie durfte nicht tanzen!

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Interne Verweise

Kommentare

01. Feb 2021

Frau Krause hatte immer recht:
HAUSARBEIT ist einfach schlecht!

LG Axel

03. Feb 2021

Großartiger Text ! Aber ich sage/schreibe ja nichts NEUES !
Bleib gesund zu jeder Stund !
HG Olaf

08. Feb 2021

Danke Dir, Olaf. Mein in Paraguay verstorbener
Onkel Arved hatte dort nie eine Waschmaschine.
Dir wünsche ich ebenfalls gute Gesundheit. Die
besten Grüße kommen von

Gherkin

08. Feb 2021

Liebster Gerd!

Mit einem Schmunzeln im Gesicht habe ich Deine Erinnerungen gelesen...
welch ein Frevel, welch Sakrileg mit Mittel zum Zweck -
oder sollte man eher meinen, "Der Zweck heiligt die Mittel"?

Ich erinnere mich an unsere Erste, ein schmales, wegen Platzbeengtheit, gestaltetes Modell etwas höher als breit.
Nun gut es war etliche Jahre später, als Jahrgang 59 wird das so in etwa Mitte der 60-er gewesen sein, vermutlich eher sogar später. Also dieses Ding stand im schmalen Durchgang zwischen Küche und kleiner Nische zum Bad, in der Diagonale die Nirosta Abwäsche. Wenn man das Pech hatte, beim Durchgehen anzustreifen, also während des Betriebes und noch zusätzlich an die Niro ankam, so wurde man gehörig gebeutelt - quasi zwischen die Fronten geratend!
Was wiederum recht prickelnd, nachhaltige Erinnerungen in mir wachruft ;-))

Das waren halt noch Zeiten in denen selbst so manch trivialer Waschgang zum echten Powererlebnis wurde!

Ich grüße Dich nunmehr und wünsche einen erquicklichen Start in die neue Woche!
Uschi

08. Feb 2021

Danke, liebe Uschi, für Deinen Kommentar.
Vielleicht wird es dereinst ja wieder geben,
ich meine damit, dass die Maschinen uns
im Griff haben, dass wir zwischen die Fronten
kommen quasi.

Hattest Du auch einen verrückten Onkel?

Grüße von Gerd