Mein bester Freund der Engel - Page 3

Bild von Anita Zöhrer
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meinen Gemälden bald in einem Museum hängen werden, restlos glücklich zu sein, schaff ich jedoch trotzdem nicht. Hätte der Museumsdirektor, Mr. Stuart ist übrigens sein Name, uns beehrt, bevor mein Vater und ich in Manhattan gewesen waren, ich auch nur den Hauch einer Ahnung davon gehabt, dass mir das Vergnügen, mit einem Direktor eines Museums Geschäfte zu machen, tatsächlich eines Tages zuteil wurde, wäre ich vor Freude völlig außer mir gewesen, hätte ich mein unsagbares Glück gar nicht fassen können, doch das Einzige, was ich heute nicht fassen konnte und es auch nach wie vor nicht kann, ist die Tatsache, dass ich Reverend Johnson auf dem Gewissen habe. Ja, ich bin verantwortlich für seinen Tod, selbst wenn mein Vater und auch Cassandra, der ich mich heute ebenfalls anvertraut habe, anderer Ansicht sind, bin schuld daran, dass er bereits mit dreißig Jahren und damit viel zu früh verstorben ist. Erkältet war der Reverend nämlich vor meiner Rettung bereits gewesen und die Suche nach mir, der Aufenthalt in der Kälte hatte ihm den Rest gegeben, ihm das fatale Fieber beschert. Wäre ich nicht gewesen, wär er bestimmt nicht hinaus ins Freie, wäre stattdessen erst einmal drinnen im Warmen geblieben und hätte sich dort auskuriert, wäre dann somit auch nicht gestorben. Ich liebe mein Leben, nur um Missverständnisse vorzubeugen, liebe es zu leben und dies schon Gott zuliebe, schon deswegen, weil mein Dasein ein ganz besonderes Geschenk von ihm ist und es ziemlich undankbar von mir wäre, wenn ich es nicht zu schätzen, wüsste, lieber wäre es mir aber trotzdem gewesen, wenn ich statt dem Reverend gestorben wäre, Gott mich statt ihm zu sich geholt hätte, wenn er schon unbedingt jemanden zu sich holen hatte wollen. Alles, was hier auf der Erde geschieht, hat einen Sinn, nichts geschieht grundlos, Gott weiß schon, was er tut, auch wenn seine Entscheidungen oft schwer nachzuvollziehen, für uns Menschen oft unverständlich sind. Aber welchen Sinn hatte der Tod des Reverends? Welchen Sinn hat es, wenn ein durch und durch barmherziger Mensch wie er bereits so früh für immer von uns gehen muss?

27. November 1810
Gestern Nacht hatte ich einen meiner wundervollsten Träume, denn ich träumte von Reverend Matthew Johnson. Auf wunderschönen braunen Pferden ritten wir einen Fluss entlang und der Reverend erzählte mir von seinem besten Freund Vince, einem recht faulen, aber doch witzigen und liebenswürdigen Kerl. Es war eine schöne Zeit, die wir beide miteinander verbrachten, wir verstanden uns blendend, hatten Spaß miteinander und alles war großartig, großartiger wie es gar nicht mehr sein hätte können, bis mir der Reverend bei einem Picknick am Fluss auf einmal unerwartet anbot, mein Kamerad zu sein. Wie gerne wäre ich seine Kameradin geworden! Wie gerne wenigstens in meinen Träumen, doch nicht einmal dort wurde und wird etwas daraus werden, denn als er mir diesen lieben Vorschlag machte, weckte er damit leider in mir zugleich auch wieder mein schlechtes Gewissen, erinnerte mich daran, was ich ihn angetan habe, was mich dann in weiterer Folge dazu bewegte, eine Freundschaft mit ihm abzulehnen. Der Reverend war sehr verwundert über meine Zurückweisung, war auf eine solche merklich nicht vorbereitet gewesen, und ebenso verwundert war ich darüber, als er nach wie vor mein Kamerad sein wollte, nachdem ich ihm erzählt hatte, dass er wegen mir sterben hatte müssen. Er war nämlich nicht meiner Meinung, behauptete stattdessen ebenso wie mein Vater und auch Cassandra, dass einzig und allein das Fieber schuld an seinem Tod gewesen wäre und nicht ich. Und ob ich schuld war! Und ich entschuldigte mich heute auch bei Gott dafür, hoffe nach wie vor, dass auch der Reverend mir eines Tages verzeihen kann, denn eines steht für mich und wohl auch für alle andere Gläubigen fest. Tatsächlich tot ist er unter Garantie nicht, wohnt nun zusammen mit allen anderen Verstorbenen, darunter leider auch meiner Mutter, die vor ein paar Jahren einer schweren Krankheit erlegen war, nur eben nicht mehr hier unter uns, sondern bei Gott im Himmel und ich kann mir gut vorstellen, dass er nach wie vor böse auf mich ist. Zwar sollte man eigentlich dem anderen seine Sünden vergeben und ich bin mir sicher, dass gerade ein Reverend besonders darum bemüht ist, doch von jemandem getötet worden zu sein, ist keine Kleinigkeit und zu verzeihen bestimmt nicht einfach. Mich weiterhin schlecht fühlend malte ich heute weiter an meinem neuen Kunstwerk, als ich schwören hätte können, jemand habe meine Schulter berührt, seine Hand auf sie gelegt, doch als ich hinsah, war da nichts, keine Hand, rein gar nichts. Viele würden mich wahrscheinlich für verrückt halten, wenn ich sie in dieses Geheimnis einweihen würde, aber ich glaube daran, dass Gott den Seelen der verstorbenen Leute erlaubt, auf die Erde zurückzukehren, um bei den Menschen zu sein, die sie lieben, und wer weiß, vielleicht war es ja meine Mutter, die heute bei mir war und mich bei meiner Arbeit beobachtete, vielleicht war ja sie mir wie bereits viele Male zuvor mir nah. Ich fragte leise nach ihr, war neugierig, ob sie es tatsächlich war, und hielt inne, hörte auf mein Herz und spürte deutlich die Anwesenheit einer anderen Person und nicht jener meiner Mutter. Aber wenn sie es nicht war, die bei mir war, wer dann?

28. November 1810
Heute bekam ich endlich eines meiner fünf neuen Kunstwerke fertig und noch dazu mein liebstes, nämlich ein Portrait von Reverend Johnson. Ebenso wie der Verkauf meiner beiden Gemälde an Mr. Stuart, erfüllte mich der Anblick dieses Bildes mit ganz besonderem Stolz, jedoch leider auch mit meinen Schuldgefühlen und Wehmut. Ich fand es furchtbar schade, dass ich damals vor zwanzig Jahren nicht bereits älter, erwachsen, zumindest ein Teenager gewesen war, nie die Chance gehabt hatte, ihn persönlich kennenzulernen und wahrhaftig seine Kameradin zu werden, fand es traurig, dass er nicht mehr hier auf dieser Welt war. Ich bemitleidete ihn richtig, was jedoch nicht notwendig war und es auch nicht ist, er bei Gott im Himmel nämlich bestimmt erstklassig aufgehoben ist, als plötzlich etwas passierte, dass man einfach nur als ein Wunder bezeichnen kann. Ich bestaunte also Reverend

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