Mein bester Freund der Engel - Page 2

Bild von Anita Zöhrer
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auch die eisige Kälte nicht mehr und hatte auch keine Schmerzen. Es erschien mir wie eine Ewigkeit, bis man mich endlich fand, mich endlich ausgrub und mich somit aus meiner misslichen Lage befreite. Ich weiß zwar noch, wie mich jemand in seine Arme genommen hat, bevor er mich dann meinen Eltern übergab, mir gut zugeredet und mich aufzumuntern versucht hat, weiß noch, dass die Leute, die nach mir gesucht hatten, immens erleichtert darüber gewesen waren, dass mit mir alles in Ordnung war, es mir gut ging, wer jedoch die Person war, der ich mein Leben verdankte, vergaß ich zu meiner Schande im Laufe der Jahre jedoch. Doch nun weiß ich es dank Vater wieder, weiß, wer mich gerettet hat. Es war niemand geringeres als Reverend Matthew Johnson.

12. November 1810
Weil es gestern bei unserer Ankunft hier bereits Nacht geworden, es folglich bereits zu spät gewesen war, um dem reichen Geschäftsmann die Standuhr auszuliefern, erledigte mein Vater dies heute und währenddessen lockte mich meine Neugier in Reverend Johnsons ehemalige Kirche. Es ist eine zauberhafte Kirche, etwa doppelt so groß wie unsere in Mankato und mit Bildern und eine Statue von Jesus ausgestattet, den der Reverend offensichtlich sehr verehrt hat. Bei meinem Besuch in der Kirche traf ich auf einen älteren, netten Mann, der dort gerade betete, und sich sehr über meine Anwesenheit wunderte. Im Gegensatz zu den Menschen in Mankato sind die Menschen hier nämlich alles andere als begeisterte Kirchengeher, gehen nicht so wie mein Vater und ich und alle anderen in meiner Heimatstadt regelmäßig an den Sonn- und Feiertagen zu den Messen, kommen nur zu Hochzeiten, Taufen oder Begräbnissen her. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen, gibt es Menschen, denen die Messen ebenso heilig sind wie meinem Vater und mir, doch es sind bei weitem nicht mehr so viele wie noch vor über zwanzig Jahren. Früher, als Reverend Matthew Johnson noch am Leben war, er die Messen hier geleitet hatte, war das Haus Gottes nicht nur voll, sondern dermaßen überfüllt gewesen, sodass gar nicht alle Leute hier drinnen Platz gehabt hatten, vor der Kirche anstehen hatten müssen. Nahezu alle Menschen in den Vereinigten Staaten, die den außergewöhnlichen Reverend gekannt hatten, hatten ihn geliebt, ihn richtig vergöttert und waren stets so gut wie möglich seinem Beispiel gefolgt. Hatten nicht bloß seine Freunde, sondern auch so sein wollen wie er, was vor allem den Menschen in Not sehr zugute kam, da Reverend Johnson dadurch eine enorme Unterstützung hatte, bei seinen guten Taten nicht auf sich alleine gestellt war, wodurch wesentlich mehr Leuten geholfen werden konnte, als der Reverend es ohne Beistand in seinem viel zu kurzen Dasein jemals geschafft hätte. Der ältere Mann bedauerte sehr, dass er bereits tot ist, noch dazu so zeitig von uns gehen hatte müssen, und dies weckte mein Interesse, weckte mein Interesse daran, was ihm eigentlich zugestoßen, eigentlich der Grund für seinen frühen Tod gewesen war, und ich erfuhr, dass es Fieber gewesen war, das ihn getötet hatte. Fieber, das er sich bei meiner Rettung eingefangen hatte.
26. November 1810
Mittlerweile ist bereits wieder eine Woche vergangen und dennoch hab ich nach wie vor das Gefühl, der für mich äußerst unangenehme Zwischenfall in der Kirche wäre erst gestern gewesen. Gott Lob hatten wir uns noch am selben Tag wieder auf den Heimweg gemacht, denn ich hätte es keinesfalls noch länger in der Heimatstadt des Reverends ausgehalten, es nicht ertragen, dort ständig mit ihm konfrontiert zu werden. Mein Vater hatte selbstverständlich sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt, mich etwas bedrückt, und weil ich geglaubt hatte, es würde mein Gewissen entlasten, würde mich danach besser fühlen, hatte ich mich ihm anvertraut, ihm offenbart, dass ich mir die Schuld an dem Tod des Reverends gebe. Wie erwartet, hatte mein Vater dies jedoch bestritten, allein das Fieber dafür verantwortlich gemacht, doch es hatte nichts genützt. Ich hatte mir trotzdem weiterhin die Schuld gegeben und tue es nach wie vor, fühl mich furchtbar schlecht wegen der ganzen Geschichte, fühl mich Tag für Tag und auch Nacht für Nacht regelrecht wie eine Mörderin und daran kann selbst meine Lieblingsbeschäftigung das Malen nichts ändern. Ich liebe das Malen, liebe es so sehr, sodass ich ohne diese Beschäftigung nicht leben könnte, nur an den Feier- und Sonntagen damit aussetze, denn die gehören ja dem Herrn, gehören allein Gott, Familie und Freunden. Auch heute malte ich, malte in meinem Zimmer, das zugleich auch mein Atelier ist, an einem neuen Gemälde, versuchte dabei wie so oft in den letzten Tagen, meine Gewissensbisse los zu werden, als Vater zu mir kam und mir mitteilte, dass ein Kunde Interesse an meinen Gemälden habe, dieser eigens wegen dieser aus Chicago angereist war. Ich hatte schon lange kein Gemälde mehr verkauft, doch freute ich mich darüber, dass es endlich wieder so weit war, endlich wieder jemand mir welche abkaufen wollte? Nein. Zu sehr litt ich unter meinem schlechten Gewissen und ich hasste meinen Vater, der mich nicht verstehen konnte und es nach wie vor nicht kann, hasste ihn, dass er mich zu dem Verkauf drängte, mich einfach nicht in Ruhe ließ, denn Lust auf ein Geschäft hatte ich heute so gar keine, hasste Vater, dass er mich als einen Trotzkopf beschimpfte, mir vorwarf, schlimmer als ein Kind zu sein, nicht einmal die so dumm wären, auf solch eine Gelegenheit zu verzichten, und jetzt? Jetzt liebe ich ihn dafür, dass er mich mit seinen harten, jedoch zugegebenermaßen wahren Worten wieder zur Vernunft gebracht, mich noch rechtzeitig davon überzeugt hat, den Verkauf wenigstens Reverend Johnson und auch meiner Mutter zuliebe zu tätigen, bevor der besagte Kunde dann mit zwei von meinen Gemälden, die ich in Vaters Laden ausgestellt hatte, zu uns kam und sich vorstellte. Ich traute meinen Ohren kaum, als ich hörte, wer er war, er der Direktor des Museums in Chicago war, und mein Vater, der selbst nichts davon gewusst hatte, war ebenso überrascht wie ich, und auch wenn ich dank diesem Verkauf nicht bloß um 10 Dollar reicher bin, sondern mit diesem auch ein Traum für mich in Erfüllung gegangen ist, zwei von

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