Akt[en]studie - Page 2

von Mitch Cohen
Bibliothek

geheimnisvoll und verschwiegen verhält, was für einen Studenten als unnormal bezeichnet wird... In Erscheinung tritt nur die W., sie führte kurze Gespräche mit Bewohnern im Haus, die aber nur allgemeine Probleme zum Inhalt haben und nie persönliche Dinge berühren.” Geheimnisvoll – das ist schon wieder schmeichelhaft. “Seit 1979 trägt er ständig eine Zeichenmappe (ca. A 3 – A 0) bei sich. Aus diesem Grunde wird durch die befragten Personen angenommen, daß der C., wenn überhaupt, dann Student für Malerei bzw. Grafik ist.” “Wenn überhaupt” – unser gewiefter Holmes ahnt eben, daß der Schlüssel zur Wahrheit im Detail steckt: “(A 3 – A 0)”.

Der Bericht befaßt sich ausgiebig damit, daß der Spurenverwischer C. als Untermieter “nicht im Hausbuch eingetragen” ist. “Die Hauseigentümerin wies die W. in der Vergangenheit darauf hin, daß der C. sich bei ihr offiziell in das Hausbuch eintragen muß. Die W. äußerte dazu, daß der C. Amerikaner sei und er als Amerikaner so etwas nicht gewohnt ist und sich durch derartige Formalitäten in seiner Freiheit eingeengt fühlt.” Verblüffend! Entweder ist dieser staatsmißachtende Gedankengang sogar für Europäer plausibel genug, um ihn selber zu erfinden, oder 007 hat meine alte Leier gegen die polizeiliche Anmeldepflicht tatsächlich irgendwo aufgeschnappt. Trotz Gemurr war ich aber gemeldet. Nur eben nicht im “Hausbuch”, dem Heft, in dem jedes DDR-Wohnhaus die Ankunft und Abreise jedes nächtlichen Besuchers registrieren sollte, einem Heft, das es im Westen nie gab.

Immer wachsam

Die Akte enthält eine eigene Art Hausbuch. Seit dem Tage, an dem Sascha zum erstenmal meinen Namen auf Tonband sprach, wurde ich bei jeder meiner monatlichen Grenzüberquerungen ausgesondert und in der Kabine eingeschlossen, während ich und mein Mitgebrachtes überprüft wurden. Die “Kontrollbelege” darüber ergeben eine Art Schnappschußsammlung, ein Tagebuchersatz von außen.

Da sprach ich “in einem relativ gut verständlichen deutsch”, “sehr gut Deutsch”, “gebrochen, aber deutlich deutsch”. Ich “kam allen Kontroll-verfügungen anstandslos nach”, “war betont reserviert”, an anderen Stellen aber bin ich erschrocken, wie vertrauensselig und ausführlich ich von meinen Lebensumständen freiwillig erzählte, “kam den Verfüg-ungen korrekt und ohne Bemerkungen nach”, aber – my finest hour: “Er machte einen ‘kontrollerfahrenen Eindruck’ und kommentierte die Kon-trollhandlungen mit einem arroganten Lächeln. In der Wahl seiner Äußerungen genau überlegend, ließ er sich nur zu allgemeinen Worten bewegen.”

Ich war “etwas nachläßig gekleidet mit Jeans und Hemd”, “normal gekleidet”, “studentenhaft gekleidet”, “sportlich, sauber gekleidet”, hatte ein “gepflegtes Äußeres” und mein “Aussehen war etwas ungepflegt”. “Bei seiner Ausreise war er etwas angetrunken.”

Ich war “Bürger”, “HP”, “lfd. Nummer 18” und “Cohen, Mitehede” [schlecht abgeschrieben von “Mitchell”?]. Ich finde den administrativen Beleg für die Zuführung der Akte “Mitsch” zu der Akte “Cochen”. “Dem Unterzeichner war zum Zeitpunkt des Gesprächs nicht bekannt, daß es sich bei diesem Bürger um ein F-Objekt handelt.”

Ich “führte mit” bzw. “führte vor”: “ein Buch ‘Spuren’ von Ernst Bloch”, “ein Flugblatt”, “3 Blatt Notizen zu Gedichten”, “Hetz- und Schundliteratur”, “4 Rollen Glitzergarn”, “Tempotaschentücher”, “zwei selbstgefertigte Bilder”, “Schund und Schmutzliteratur”, “Henna... auf Suchtmittel getestet: Negativ”, “1 Bild (abstrakte Kunst)”, “1 Flasche Sekt”,  “Ananas”, “Schokolade eine”, “Ergänzung zu den Geschenken-1 Wasserpistole”, “eine Quittung über die Einzahlung von 200,-- DM für eine Aktion ‘Waffen für El Salvador’” (wozu der Grenzer seinen eigenen damalige Worte, “das ist eine gute Sache”, als eine Äußerung von mir protokollierte), “einen Bumerang”, “1 Tüte Popcorn”, “Hetz- und Schundliteratur”, “nach dem Umtausch nur noch o,20 D/DBB”... usw.

My second finest hour: “Den Tagesaufenthalt in der Haupstadt” soll ich begründet haben mit “dem Besuch von Freunden, eventuell Einkauf von Büchern oder auch beides oder was anderes”.

In der Zeit meiner “Einreisesperre”: “Bei seiner Rückweisung stellte er die Frage warum er nicht einreisen darf. Es wurde ihm lt. Weisung geantwortet.”

Die Entscheidung ist schwer, aber den Grammatiker-Preis gäbe ich Grenzoffizier Hillemann: “HP führte keinerlei schriftliche Aufzeichnungen / sowie DDR-Verbindungen mit / bei seiner Einreise 26,38 DM / eine Tüte Luftballon(bunte) ohne Aufschrift / für sich selbst”.

Schriftsteller verbreiten Erkenntnisse

Als ich Mitglied des Westberliner Schriftstellerverbands war, ging ich davon aus, daß unsere Versammlungen von der Stasi mitprotokolliert wurden. In einer kurzen “Operativ-Information” meinte eine “zuverlässige Quelle” im VS, zwischen ihr und mir bestünde “schon seit langem ein freundschaftliches Verhältnis, was sich im wesentlichen auf den Austausch von Informationen bezieht.” Was für eine “zuverlässige Quelle” sie war, sieht man an ihrem weiteren “Austausch von Informationen”: Von mir habe sie die Telefonnummern von Jürgen Fuchs und Roland Jahn bekommen. Es ist durchaus möglich, daß ich Jürgen Fuchs’ Nummer weitergegeben habe, aber Jahn – den Dissi, den sie ohne Vorwarnung in einen Zug nach Westen steckten – kenne ich nur aus der Zeitung, seine Telefonnummer gar nicht.

Das Interesse dieser Intelligenz-Behörde am westberliner Schriftstellerverband erstreckte sich neben “Operativ-Informationen” auch auf das Anlegen von Dossiers. Die Aktenführung war platz- und bäumesparend: Wo mein anderthalbseitiges Porträt endet, beginnt nach nur einer Leerzeile der Bericht über Yaak Karsunke (“Kasunke” buchstabiert). Meine Stellung im Schriftstellerverband war nicht besonders exponiert. Schon das, aber auch die Bündelung der Porträts, die Existenz mindestens einer “zuverlässigen Quelle” unter den einstmals vielen VS-Mitglieder mit “realsozialistischem” Standpunkt, die dokumentierte Kungelei zwischen den damaligen Ost- und Westverbandsvorsitzenden legen den Schluß nahe, die Stasi habe versucht, nicht nur im Sinne des Papiersparens flächendeckend die VS-Mitgliedschaft einzuordnen.

Die “Quelle” war mir gut gesinnt, sie schmeichelte mir: Ich sei ein “aufgeschlossener Typ”, “ein relativ vielseitig interessierter und talentierter Mensch”. “So kann er auch, nach Meinung der Quelle, gut zeichnen.” “Die Quelle sagte nochmals, daß er bei seinen früheren Einreisen in die Hauptstadt der DDR umfangreiche Verbindungen zu Schriftstellern u.a. Personen aus dem Bereich der Kultur hatte. Auch zu solchen, die weniger positiv zur DDR standen... Jedoch ist die Quelle der Meinung, daß C. sich immer im Rahmen der DDR-Gesetze bewegt habe.” Rührend-liebenswürdige Gutgläubigkeit oder noble Bereitschaft von jemandem, der mich tatsächlich kannte, mich mit Geschwätz zu schützen?

“C. wohnt mit einer gewissen Marie zusammen...” Macht Stasi-Arbeit zwangsläufig unfähig, Namen richtig zu buchstabieren? : Maria!

“Juden o.ä.”

Weiter im Porträt aus der VS-Sammlung: “Über den VS hat er eine DDR-Schriftstellerin kennengelernt. Es handelt sich nach Kenntnis der Quelle um eine staatsbewußte DDR-Bürgerin... Diese Person hat ein Buch über Juden o.ä. geschrieben. Sie hat mit dem C. wegen der Übersetzung verhandelt... Allerdings war

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