Akt[en]studie - Page 4

von Mitch Cohen
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daß er Drogen nimmt, keine harten Drogen, das weiß ich auf jeden Fall. Er verfolgt ganz sicher keine politisch-ideologischen Absichten, zumindest vordergründig keine Absichten, wenn er in der DDR Verbindung zu DDR-Lyrikern hat. Er ist allerdings sehr gut informiert über die Situation der jungen Lyriker...”

Manchmal liegt er falsch: “Wie direkt oder durch wen direkt die Verbindung zu Bert gekommen ist, kann ich nur ahnen. Ich glaube, es war durch Reinhard Zabka, weil M.C. Reinhard Zabka traf, der ebenfalls Maler und Druckgrafiker ist und sehr eng mit Bert Papenfuß befreundet, dadurch kam die Verbindung mit Papenfuß.” Es war ja umgekehrt, aber er sagt, wenn er etwas nicht weiß, und er macht den Prozeß seiner Schlußfolgerung transparent und damit nachprüfbar. Zu meiner Sammler-, Übersetzer- und Herausgebertätigkeit sagt er: “Wie weit das mehr oder häufiger wird, ist mir nicht bekannt. Aber ich kenne Mitchell Cohen gut und konnte das ohne weiteres recherchieren.”

Das tat er auch, akribisch. Wenn der BND oder die CIA für die nationale Sicherheit einen Künstleraushorcher braucht, kann ich Sascha empfehlen. Ob er das nicht längst tat? Das erklärte, daß er – trotz fortgesetzter Stasi-Arbeit nach seiner Übersiedlung nach Westberlin – nicht rechtlich belangt wird. Und wie gut müßte er erst arbeiten, wenn das alles nicht unterm östlichen Motto “Im Mittelpunkt steht der Mensch...” sondern unter dem ihm passenderen, unausgesprochenen Motto des Westens lief, “im Mittelpunkt steht die Karriere”.

Der Satz im ersten Bericht, “...für ihn (Mitch) ist es ja ein Leichtes, diese Literatur (DDR-Lyrik) dann auch herauszugeben in Amerika”, stimmt nur bedingt. Es war für mich natürlich leichter als für verbindungslos Eingesperrte. Vielleicht änderte sich die Haltung der Szenler mir gegenüber deswegen, weil es ihnen irgendwann dämmerte, daß ich nicht immer ihre Arbeiten in Amerika unterbringen konnte.

Aus Andersons erstem Bericht höre ich noch den Wunsch heraus, die Stasi nicht gegen mich aufzubringen. Es sind “keine harten Drogen” und ich bin “zumindest vordergründig” kein feindlicher Agent. Immerhin wurde ich daraufhin manchmal beschattet; immerhin fingen die Grenzer nun an, mich bei jedem Passieren auseinanderzunehmen und z.B. das mitgebrachte Henna “auf Suchtmittel” zu testen. Hätten sie etwas gefunden, wäre ich wahrscheinlich in den Knast gewandert. Wie energisch wären beim Drogendelikt die offiziellen Proteste des Westens gewesen?

Später hörte Sascha ohnehin auf, die pflichteifrigst übermittelten Aktivi-täten des Cohen zu bagatellisieren. Hier ein Artikel, den ich mit David Crawford schrieb, und Andersons “Information” dazu:

*          *          *

Dave und ich dienten dem “Spiegel” als “Quellen”. Aber weder das schöne Foto, mit dem die Zeitschrift Sascha ins Rampenlicht stellte, noch die Information über seine ÇSSR-Reise mit Kerbach stammte von uns. “Eine Überlebensfrage” war es für Dave und mich bestimmt nicht. Vielleicht erfüllt der Text, den der Leser gerade in der Hand hat, Andersons und Kerbachs obige Forderung nach einer Untersuchung der Literatur in der Politik; in dieser Hinsicht schneidet Anderson im Vergleich zu seinen berichtschreibenden Kollegen gut ab, was freilich nichts besagt. Und Ralf, wenn dir der “Spiegel” unter Niveau erschien, kann ich nur sagen: ich hatte für meine Texte eben nicht die erlesenen Abnehmer eines “Fritz Müller” Anderson.

 

Nun, Kerbach verfaßte für die Stasi keine Berichte und hat Saschas Verhalten nicht zu verantworten; die Heuchelei ist nicht seine. Inzwischen verstehe ich, daß viele DDRler Angst hatten, Berichte über sie in westlichen Medien könnten zu Repressalien führen. Es war aber nicht ich oder der “Spiegel”, der sie und ihre Literatur maßregeln wollte.

Weniger verstehen kann ich das Mißtrauen bzw. die Mißgunst, die manchen ein Ostler aufbrachten, wenn interessierte Westler erarbeitete Kenntnisse beruflich einsetzten. Von mir jedenfalls hatten sie nicht nur Mitbringsel. Mein Manuskriptschmuggeln hat ihnen Veröffentlichungen ermöglicht – manchem seine erste Westveröffentlichung, manchem seine erste Buchveröffentlichung, manchem seine erste Veröffentlichung überhaupt.

Der letzte Absatz im oben reproduzierten Bericht zeigt beachtliche Beobachtungsschärfe. Im letzten Satz müßte das Wort vor “also Marihuana” natürlich “Hanf” sein: ein köstlicher freudscher Tippfehler, der zeigt, worauf Saschas Gesprächspartner hinauswollten.

Läßt folgende Tonbandabschrift die Vorstellung zu, daß “Müller” bloß auf Nachfragen reagierte? Oder ist er zu seinen Leuten hingerannt, im Wissen, er habe eine Information, die sie besonders interessiere?

 

Gerade in Bezug auf diese “Tonbandabschrift” ist es mir wichtig anzu-merken, daß ich kein einziges Mal irgendetwas wegen Profit in die DDR hineingebracht habe. Im Gegenteil, jeder Besuch kostete mich einiges über die DM 30 Eintritt hinaus, denn es gab immer die Wunschzettel zu berücksichtigen. Das Risiko konnte mir keiner abnehmen. Aber Sascha hatte Geld genug und ich lebte, wie er wahrheitsgemäß berichtete, im Westen von DM 800 im Monat. Kann sein, daß, wenn er mich nach meinen Bedingungen für eine Einschleusung fragte, ich meine Kosten ersetzt haben wollte. Doch auch von Sascha habe ich nie Westgeld verlangt.

In Wilfriede Maaß’ Keramikatelier, wo Sascha damals wohnte, zeigte er mir mal den Topf, den Allen Ginsburg mit der Zeile bemalt hatte, “Will I be arrested by snow?” Kerbach hatte Ginsberg und seinen Lover/Kol-legen Orlovsky über die Grenze zu Sascha hingeschickt, wobei Orlov-sky Speed in der Tasche und in der Blutbahn hatte. Ginsbergs Zeile drückte seine Angst aus, erzählte mir Sascha. Ich wette, Sascha ver-petzte die “Großen” nicht.

Ich war was anderes. “Fritz Müller” berichtete irrtümlich, ich sei Mit-herausgeber der westberliner Zeitschrift “KULT-uhr”, und zutreffend, daß ich “Leuten wie Papenfuß, Döhring und Anderson” – sich selber in dritter Person erwähnend – zur Veröffentlichung in der Zeitschrift ver-half. Manuskripte, die ich zu westlichen Verlegern brachte, Zeitschrift-enmacher und Herausgeber von Anthologien, die ich mit den Prenzlern bekanntmachte, es steht alles da. Vermittlungen benutzte und meldete er immer wieder. Dabei steht 1986 – als ich längst nicht mehr in die DDR durfte – in einer “Erfassung” über mein “Auftreten... im Rahmen schriftstellerischer Aktivitäten in Westberlin” u.a.:

“- guter Kontakt besteht zur Papenfuß-Gorek”

- guter Kontakt bestand zu Sascha Anderson, wobei die Beziehung dadurch getrübt wurde, daß A. sich bereits zu sehr etabliert habe”.

Die Etablierung eines Bekannten ist von meiner Seite genausowenig ein Grund zur “Trübung” wie z.B. Verkanntheit. Aber es stimmt, daß mancher seine Kontakte nach Kriterien der Opportunität pflegt. Ob der Satz der Stasifantasie entsprang? Oder hatten sie ihn von Sascha?

Gerhard Falkner, ein Dichter und Freund von Sascha, versuchte vor kurzem mein Verständnis für Sascha zu wecken mit der Überlegung: Sascha habe einige Prenzler geschützt, indem er eben über einen West-ler ausführlich berichtete. So wie ein Schachspieler einen Bauer opfert, um wichtigere Figuren zu verteidigen. Die “wichtigen Figuren” dürften dieser Argumentation zustimmen. Aber kaum der geopferte Bauer.

Gerhard meinte auch: “Die Medien sind heute das eigentliche Problem, nicht die Geheimdienste. Sascha ist genauso einer Isolationsfolter ausgesetzt, wie einer im Hochsicherheitstrakt.” Isolierung kenne ich gut, z.B. den Abbruch von Freundschaften durch Einreisesperre. Aber die stärkste Ursache für Isolierung ist mangelnde Offenheit, die Haltung, bei allem Witz in der Formulierung: “Berührung ist nur eine Randerscheinung”. Wie soll ich jemandem begegnen, der das, was zwischen uns steht, unerwähnt wünscht? Und diese Mauer ist nicht von denen errichtet, die mit ihm nicht mehr sprechen und mit denen er nicht übers Anstehende sprechen möchte, noch von den Medien.

Ist er überhaupt isoliert? Er arbeitet weiter als Verleger beim Galrev Verlag, er stellt Bilder aus –beides setzt Zusammenarbeit mit anderen voraus. In Begleitung taucht er bei literarischen Veranstaltungen auf.

Gegenüber der Macht der Medien hatte Sascha früher keine Berühr-ungsängste. Eine Sylvester-Sendung Mitte der Achtziger strahlte neben Ginsburgs und Nam June Paiks auch Saschas Video über den gesamten Globus aus. Gegen seinen Willen? Seine Bücher und seine Interviews wurden gedruckt, gepusht. Hing der finanzielle Erfolg, den er in seiner Zusammenarbeit mit Penck genoß, nicht von Pencks Medienerfolg ab? Drosch “Der Spiegel” auf Sascha so ein, weil die Zeitschrift sich von ihm gefoppt fühlte?

Sascha hat der Stasi nicht wegen Geld gedient. Er hatte davon genug. Und einfach ein Geldraffer war er nie. Im Gegenteil, er war manchmal wie eine Stiftung, extravagant generös – auch mir gegenüber. Erst recht hat er nicht aus ideologischen Gründen gehandelt. Erpressung kann auch nicht ausschlaggebend gewesen sein; Erpresste sind widerwillige Mitarbeiter, und Sascha war ein Eifriger mit Handwerkerstolz.

Ich denke, er hat sich durch sein Spiel mit der Stasi einiges erkauft. Erstens Narrenfreiheit – wer den Untergrund ausspionieren soll, muß in die Szene passen. Zweitens Macht: er konnte seine Berichte so oder so verfassen, Freunden ein Stück weit Schutz bieten, ihm Unliebsame ein Stück weit ausliefern. Drittens vermute ich, Sascha hat ein libidinöses Verhältnis zu Arkanwissen, Insider- und Komplizentum. Seine Rollen als Untergrundler und Spitzel waren nicht widersprüchlich, sondern zwei Aspekte eines Verhältnisses. Wäre er in Amerika aufgewachsen, hätte er als Kind seinen Dollar an die Firma eingeschickt, die in Comicbüchern für Geheimcoderinge warb.

Als er seine Spitzelarbeit nicht mehr leugnen konnte, verteidigte sich Sascha damit, daß dabei “niemand zu Schaden gekommen sei”. Beschädigt wurde zumindest ich: ich verlor Freunde und eine berufliche Spezialisierung als Übersetzer und angehender Kenner von DDR-Lyrik. Wenn kein Gefängnis dazu kam, dann nur, weil die von Sascha auf mich aufmerksam gemachten Grenzer mich immer auf die gleiche, voraussehbare, also leicht täuschbare Art durchsuchten.

Seit Verabschiedung des Gesetzes, das die Ausländerpolizei Zugang sichert zu allen Geheimakten über Ausländer, einschließlich Ver-dachtsäußerungen, bin ich auch im Westen beschädigt. Da davon aus-zugehen ist, daß westliche Geheimdienste Kopien der erbeuteten Stasi-Akten haben, hängt das Stasi-Dafürhalten als Damoklesschwert über meiner Aufenthaltsberechtigung.

Bei “kein Schaden entstanden” fällt mir ein, wie ich 1980 mit Bert für ein paar Tage nach Dresden reiste, um mit den Verlegern unserer anvisierten Grafik/Lyrik Mappe zu sprechen. Da lernte ich Sascha erst kennen. Am letzten Abend hielten Bert und ich vor kleinem Publikum in der Druckwerkstatt eine Gedichtlesung. Danach machten wir alle mit Objekten, die zur Hand waren, Musik – klatschten Bücher aufeinander, ratschten mit Bleistiften über die Zahnräder der Presse, mit Ringen wurde auf Flaschen geklopft. Der Rhythmus steigerte sich, bis Anderson anfing, Flaschen auf dem Betonboden zu zerschmeißen. Ich fragte mich damals, ob ich aus Spießigkeit das nicht toll fand. Immerhin, niemand verletzte sich an den Scherben. Aber Saschas “Performance” bedeutete das Ende der kleinen Fete. Er half nicht, die Scherben zusammenzufegen. Vielleicht habe auch ich nicht geholfen.

Nachtrag ohne weiteres Nachtragen

Ein Bericht wie diesen zu schreiben wirft im Autor die Frage auf: Will ich denn Rache? Sauer bin ich schon, will nicht durch Schweigen Komplize bei meiner eigenen Beschädigung sein. Aber will ich jemanden z.B. hinter Gitter sehen? In der DDR fertigten Gefangene IKEA-Möbel an, in den Staaten stanzen sie Autokennzeichen. Produzieren sie in der BRD überhaupt etwas? Soll er doch lieber bei Galrev weiter Bücher herausbringen.

Als einige Ostler mal über die politisch motivierten Benachteiligungen ihrer Kunst klagten, zitierte ich, eher “realistisch” als aufwieglerisch, Hemingway: “Die schönste Rache ist, wenn man gut lebt.”

Moralisch sitze ich im Glashaus: nach Biermanns Enthüllungen, aber bevor ich den Inhalt meiner Akte kannte, habe ich noch (vielmehr: erst wieder) eher freundliche als konfrontierende Kontakt mit Sascha Anderson gehabt, Gedichte von ihm übersetzt und - als Dolmetscher für bei Galrev veröffentlichte US-Dichter – noch generöse Einladungen angenommen. Ich sprach ihn nicht auf die Stasi an – ich schätzte, das brächte keine befriedigende Antwort – auch wenn ich hoffte, er käme selber auf das Thema zu sprechen.

Relativ auch das Gefühl, unter Masken von Freundschaften ausgenutzt und verraten zu sein. Freundschaft kann man nicht einfordern. Ich hatte meinen Spaß und mein literarisches Wachsen an ihnen.

Konsequenzen fordere ich nicht, sondern muß ich ziehen: was sind meine Maßstäbe für Freundschaft und Vertrauen?

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