Rübe - Page 4

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schienen verblaßt, aber noch lesbar. Offenbar ein Tagebuch in französischer Sprache.

     Jeder von uns spricht mehrere Sprachen. Diese Tatsache und ein recht guter Bestand an Büchern aus vielen Wissensbereichen bilden die einzige Verbindung, die wir noch zu vergangenen Kulturen haben, und die wir aus vielerlei Gründen pflegen. So hatte ich denn auch keine Schwierigkeiten, die Eintragungen zu lesen. Nach den ersten vier Seiten legte ich das Buch in die Kassette zurück. Eine klare Handschrift, Kein mühevolles Entziffern, die Zeilen gewährten den unmittelbaren Zugang in die Gedankenwelt eines Menschen, der vor mehr als vierhundert Jahren hier gelebt hatte. Ich wußte nun, wer diesen Rasenmäher gehütet, das Bild betrachtet, das Teleskop gepflegt hatte. Die Eintragungen in diesem Tagebuch übertrafen bei weitem alle Vorstellungen, die ich von dieser vergangenen Welt hatte. Es war eine Welt voller Antworten und ohne Verantwortung. “Sie hatten nur weniger gefragt”, die rätselhafte Antwort meines Lehrers kam mir wieder in den Sinn. Jetzt begann ich zu ahnen, zu begreifen, was er meinte.
     Hier hatte ein Mensch aus jenen Tagen seine Gedanken aufgeschrieben, und ich war mir keineswegs sicher, ob ich das Recht hatte, diese Zeilen zu lesen. Der Zustand der Blätter war schlecht. Einerseits hoffte ich, der Zufall möge mir die Entscheidung abnehmen, ein Windzug, eine unkontrollierte Bewegung, das Buch fällt zu Boden und löst sich auf. Andererseits schien es mir unmöglich, ein solches Dokument ungelesen vorsätzlich zu zerstören. Und so las ich weiter, faßte letztendlich den Entschluß, es zu bewahren, indem ich es abschreibe.

                                                                                                II
     Neben mir steht das Teleskop, Die Armaturen schimmern im Mondlicht; ich habe die Kuppel  etwas geöffnet, denn die Schrift ist sehr blaß. Die Seiten werden immer brüchiger, und ich habe Angst, daß es mir unter den Händen zerfällt. Es ist ganz sicher derselbe Mond wie damals, als diese Zeilen geschrieben wurden. Was hat sich denn verändert? Ich werde diesen Gedanken nicht los. Nun ja, die Menschheit hat sich auf ihren Ursprungsplaneten zurückgezogen, es sind einige Milliarden weniger, und sie leben etwas anders. Und sonst?
Ich wende vorsichtig das erste Blatt um.

     “Für Généviève”, steht da. Es wurde wieder durchgestrichen, Aber darunter steht es noch einmal: “Für Généviève.”

     Ja, ich muß nun anfangen, genug der Vorrede. Das Abschreiben dieser Zeilen... Ich zögere immer noch. Ich habe den Inhalt gelesen. Das sollte genügen. Wenn ich diese Gedanken weitergebe, viele werden sie deuten, den Urheber bedauern, verfluchen, verachten. Bin nicht ich im Grunde genommen der Verachtenswerte, der die Gedanken eines Toten ans Licht zerrt, Unbeteiligten zugänglich macht? Ist es nicht so? Andererseits sind wir wohl ganz gewiß alle beteiligt, betroffen; es könnte helfen zu verstehen, was damals geschah. Also fange ich an. Am Ende kann ich immer noch entscheiden, was ich damit mache.

     4. März 2194

     Wie lange ist das jetzt her? Dein letzter Besuch bei uns; ich versuche, mich zu erinnern, zwei Jahre, drei oder noch mehr?
     “Généviève ist da!” Ich höre noch die Stimme meines Vaters, hart, unpersönlich, mit tadelndem Unterton. Er mochte dich nicht, und ich glaube, du wußtest das. Du hattest mir richtige Blumen mitgebracht. Mutter sagte: “Gib her, ich stell’ sie in eine Vase”. In Wirklichkeit landeten sie in der Desinfektion. Und ich war auch ein bißchen böse auf dich. Du weißt, daß Mutter in diesen Dingen ein wenig eigen ist, dachte ich, du mußt sie nicht noch provozieren. Vielleicht auch deswegen hatte ich dein kleines Päckchen bald vergessen, nicht nur wegen der vielen anderen Geschenke. Richtig, ja, es war mein sechzehnter Geburtstag; so ist es schon dreieinhalb Jahre her. Als ich dann am nächsten Morgen zufällig dein Päckchen fand, mußte ich erst überlegen. Ich machte es auf, hielt dieses Buch mit leeren Seiten in der Hand und war froh, allein zu sein, nicht erklären zu müssen, daß dies ein Geschenk von dir war. Keiner hätte es verstanden, am wenigsten mein Vater. Ich glaube, Ich hätte mich deiner etwas geschämt.
     Généviève, entschuldige, es tut mir leid.
     “Schreib’ auf, was dir in den Sinn kommt, aber sei ehrlich.” Seltsam, jetzt, nach über drei Jahren fallen mir deine Worte wieder ein. Damals verstand ich nicht, was du meintest. Was soll das, dachte ich und legte das Buch irgendwo hin.
Vorhin, als ich zufällig auf dieses Buch, auf dein Geschenk stieß, da war es wie ein warmer Lichtschein in der Nacht, von irgendwoher, aus einer anderen Welt. Aus deiner Welt, die ich nie begriff, weil sie so anders war, und weil ich instinktiv spürte, daß es nicht meine Welt sein konnte. Ist es nicht eigenartig? Jetzt habe ich das Gefühl, mit dir zu reden. Du antwortest nicht – und doch, es beruhigt mich.
     Mutter ist seit gestern auf der INTER-ROBOT, Vater nimmt auf LUNA VII an einer marktstrategischen Tagung teil. Er hat inzwischen in der interplanetarischen Gesellschaft für Entwicklung und Vertrieb von Verbrauchsgütern eine hohe Position. Mutter ist ganz stolz und ich natürlich auch, denn schließlich ist es ja auch meine Zukunft. Du – du lächelst. Doch ja, ich sehe dich vor mir, ich sehe, wie du lächelst, und dein Lächeln verunsichert mich. Das kommt neuerdings häufiger vor.
     “Es gibt keine Zufälle”, behauptet Vater. Er muß es wissen. Aber wieso finde ich heute dein Buch, warum schreibe ich... In acht Wochen beginnen die Prüfungen für das Delta-Examen – und ich habe Angst. Wem anders als dir dürfte ich das sagen? Unsinn, das sind dumme Gedanken.

     6. März 2194

     Im Institut gab es wieder einmal Ärger wegen meiner Stimmbänder: “Cyrus, Junge, Sie müssen was dagegen tun. Mit Ihren Zwischenresonnanzen bringen Sie das ganze Lernprogramm durcheinander. Sprechen Sie mal mit Ihrem Vater darüber.”
     Das war eine Drohung, das heißt soviel wie: “Sonst spreche ich mit ihm.” Ted Mareks Stimme ließ mich frösteln. Er leitet das HCC, das Hardware Control Center, im Institut und betreut unsere Lehrer. CYBER XIV flippte mal wieder aus, weil meine Stimme belegt war. Also einen Kehlkopf-Generator... Oder NF in die Identification Card, “Nicht förderungswürdig”, das ist so etwas

Unsere Siedlung, sie ist fast so etwas wie ein riesiger Tuffstein... Skulptur u. Foto: Dieter J Baumgart

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