Rübe - Page 3

Bild von Dieter J Baumgart
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Doch ich wurde den Gedanken einfach nicht los, daß es da irgend eine Beziehung geben mußte, eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Der Morgen brachte ein ungewöhnlich starkes Gewitter, so sah ich mich bald gezwungen, einen anderen Schlafplatz aufzusuchen, der dann auch trocken blieb. Natürlich wäre es in den Katakomben komfortabler gewesen, geradezu luxuriös, verglichen mit meiner derzeitigen Bleibe. Aber ich hatte eine Fährte aufgenommen, ich hatte den Schlüssel in der Hand. Aber wo war die Tür, zu der er paßte? Irgendwo, hier in der Nähe, auf dem Weg hierher war die Lösung. Erschöpft schlief ich schließlich ein.
     Gegen Abend weckte mich stetes Tropfen: Durch einen Riß in der Decke kam Wasser und bildete am Boden eine Pfütze. In der Pfütze spiegelte sich im Licht der späten Dämmerung ein Fenster oder ein Lukenausstieg. Mein Blick wanderte zum hinteren Teil des Raumes an die Decke. Richtig, da war eine größere Aussparung. Offenbar hatte der Sturm eine Abdeckung weggerissen, sonst hätte ich die Öffnung ja schon am Morgen sehen müssen. Doch da war noch etwas: Gegen den Abendhimmel hob sich eine charakteristische Silhouette ab. Etwas feiner, filigraner sicherlich, als ich sie in Erinnerung hatte. Doch, ja, die Ähnlichkeit mit den Objekten auf LUNA VII war offensichtlich. Der gleiche, leicht antiquierte Eindruck, nicht primitiv, eher  liebevoll gestaltet, Harmonie vor Zweckmäßigkeit. Ich erinnerte mich an Abbildungen von technischen Geräten zu Beginn und Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Fasziniert starrte ich auf das Teil, stellte erfolglos Vermutungen an, welchem Zweck es wohl gedient haben könnte. Ich mußte das Gebäude verlassen, um von außen in die obere Etage zu gelangen. Umgestürzte Fassadenteile erleichterten den Zugang, und nachdem ich mich erfolgreich durch dichte Matten graugrüner Flechten gekämpft hatte, war ich am Ziel. Ich befand mich in einem mittelgroßen Raum, an einer Seite leere Fensterhöhlen, verrottete aber noch erkennbare Einrichtungsgegenstände aus Holz, Glas und Metall – kaum Kunststoffe. Einiges erinnerte mich an die Sternwarte, irgendwie war es die gleiche Atmosphäre, obwohl, ich hätte nicht zu sagen gewußt, warum. Ein schmaler Streifen Mondlicht fiel in den hinteren Teil des Raumes, verlor sich in einer Bodenvertiefung und erschien wieder an der rückwärtigen Wand. Fasziniert folgte ich dem Lichtstreifen mit den Augen. Denn dort, wo er durch die Vertiefung im Boden unterbrochen wurde, erkannte ich die rätselhafte Silhouette wieder. Langsam trat ich näher und betrachtete das geheimnisvolle Gerät. Und beinahe hätte ich laut aufgelacht: Es war ein Rasenmäher!
     Ich befreite ihn von Schmutz und Ablagerungen und kam aus dem Staunen nicht heraus. Der Rasenmäher war tatsächlich funktionsfähig und entpuppte sich als solide Handarbeit. Die Messerwalze wurde von den Laufrädern angetrieben. Stifte an diesen Rädern sorgten für die nötige Bodenhaftung, und eine einfache Zahnradübersetzung ließ die Messer schon beim langsamen Schieben schnell rotieren. Beim Zurückziehen wechselte das Getriebe in den Freilauf. Je mehr ich putzte und säuberte, desto deutlicher traten zahlreiche Einzelheiten hervor: Fein gearbeitete Schraubverbindungen, ziselierte Flächen, Schmuckbeschläge aus Kupfer. Was für eine Arbeit! Nur, eine Verbindung mit den Objekten auf dem Mond war natürlich ausgeschlossen, denn dort hatte es wohl zu keiner Zeit Gras gegeben. Doch auch hier, in irdischer Umgebung wirkte das Gerät eher wie ein Museumsstück. Andererseits erinnerte ich mich sehr wohl, daß Rasenmäher im zwanzigsten Jahrhundert eine besondere Rolle gespielt hatten. Und ihre Bedeutung als Statussymbol nahm wohl noch zu, als das Automobil Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts wegen der klimatischen Probleme in den Hintergrund trat. In Bild- und Textdokumenten wurde für Rasenmäher in den unterschiedlichsten Ausführungen geworben: Ferngesteuert als Roboter, ganz kleine für Puppenkinder, und große, die aussahen, wie als Flugzeug verkleidete Traktoren. War dieses Gerät hier vielleicht eine Liebhaberausgabe für Sammler?
     Ich wollte mich schon umwenden und gehen, als mein Blick auf die gegenüberliegende Wand fiel. Der Mondlichtstreifen hatte inzwischen ein  Bild erfaßt, das dort hing. Irgendwie war ich seltsam berührt: Die Sternwarte ganz in der Nähe, der Rasenmäher und jetzt das Ölbild. Das alles unterschied sich so völlig von dem, was ich bisher vorgefunden hatte. Nirgendwo sonst war mir ein Bild aufgefallen. Die oberirdische Bauweise mit Fenstern, das Ganze offenbar von einer separaten Klimakuppel geschützt, alles Fakten, die diesen Komplex auf merkwürdige Weise von der übrigen Anlage unterschieden. Ja, das wurde mir da zum erstenmal bewußt. Das Gemälde an der Wand zeigte eine Landschaft in schon fast erloschenen Farben, und doch blieb eine Ahnung von dem, was hier einmal gewesen sein mußte, als es noch möglich war, tagsüber und inmitten wild wachsender Pflanzen ungefilterte Luft zu atmen. Ich griff nach dem Bildnis, um es als Schmuck für unsere Bibliothek in der Siedlung mitzunehmen. Doch kaum hatte ich den Rahmen berührt, da brach er auch schon auseinander. Tatsächlich hatte wohl nur noch die Farbe für den letzten Halt gesorgt. Eine Scheinwelt, ging es mir durch den Kopf. Damals bereits, als das Bild seinen Platz an dieser Wand erhielt; vielleicht auch schon, als es gemalt wurde? Vergeblich suchte ich nach den Resten einer Signatur, einem Datum. Wer hatte dieses Bild hier aufgehängt, den Rasenmäher benutzt, den Mond betrachtet? Ein Schauder lief mir über den Rücken. Ich glaube ganz gewiß nicht an Geister, Aber ich bin doch überzeugt, daß es vieles gibt, das wir nicht verstehen, nie verstehen werden, weil sich unsere individuelle Sichtweise naturgemäß nicht für einen Blick auf das Ganze eignet.
     Der Mondlichtstreifen war inzwischen weitergewandert, hatte sich vergrößert und füllte den Raum. In seinem Widerschein erkannte ich eine kleine Tür in der Wand, dort, wo vorher das Ölbild gehangen hatte. Sie war nicht verschlossen und ließ sich mit einiger Mühe quietschend öffnen. Vorsichtig tastete ich mit einem Metallstab in den Innenraum. Kleine Glasbehälter oder Gläser fielen um, dann stieß ich an die Rückwand. doch nein, es war nicht die Rückwand, sondern offenbar ein größerer Metallbehälter, der sich nach hinten verschieben ließ. Vorsichtig langte ich hinein und zog ihn heraus. Er war offen und enthielt ein Buch mit leeren Seiten. Nun ja, dachte ich, und wollte es eben zurücklegen, als ich bemerkte, daß ich von hinten geblättert hatte. Ich drehte es um – und tatsächlich: Zu Beginn waren einige Seiten beschrieben. Die Schriftzeichen

Unsere Siedlung, sie ist fast so etwas wie ein riesiger Tuffstein... Skulptur u. Foto: Dieter J Baumgart

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