Rübe - Page 2

Bild von Dieter J Baumgart
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Doch jetzt hatte ich ein Ziel. Ich arbeitete wie im Rausch, Nacht für Nacht, bis mich die Morgendämmerung in die tiefer gelegenen Gewölbe trieb.
     Die Gestirne der Nacht, sie sind unsere steten Begleiter. Der Mond, er ist für uns an die Stelle der Sonne getreten, deren Licht die Augen blendet und die Haut verbrennt. Die Sterne, sie sind wieder da, wo sie hingehören: in unerreichbarer Ferne. Oh ja, wir wurden in unsere Schranken verwiesen. Das Klassenziel nicht erreicht, zuviel Intelligenz, zuwenig Klugheit. Wieviel hundert, wieviel tausend Jahre werden wir nachsitzen müssen? Immerhin, wir haben noch eine Chance bekommen. Nutzen wir sie, lernen wir aus dem, was geschah. Schlagen wir uns mit dem verdammten Erbe unserer Vorväter herum. Mit ihrer grenzenlosen Allwissenheit, die doch nur darauf beruhte, daß sie alles beantworteten, ohne auch nur einen Teil der Fragen zu kennen.
     Nein, es hat keinen Sinn. Mir fehlt der Abstand. Nach dem, was ich hier vorfand, sind die vierhundert Jahre wie weggewischt. Das Teleskop, von dem ich mir den Blick in die Ferne erhofft hatte, es brachte mich zurück in die nächste Nähe. Warum denn in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah... Das Gute?!
Ich brauche Zeit. Ich gehe zurück in die Siedlung.

     Ein halbes Jahr später.

     Ich kann diesen Bericht nicht in der Siedlung schreiben. Die meiste Zeit verbrachte ich wieder in der Bibliothek, aber mit meinen Aufzeichnungen bin ich nicht weitergekommen, kein Wort habe ich geschrieben. Ich muß zurück an die Quelle, an den Ort des Geschehens, ich muß sie spüren, die Schatten der Vergangenheit. Die Geister, die ich fand, sie lassen mich nicht los. Und so bin ich wieder in der Sternwarte, neben dem Teleskop, das ich vor nunmehr dreieinhalb Jahren entdeckte, und versuche, meine Gedanken von damals nachzuvollziehen.
     Natürlich galt mein ganzes Interesse zunächst dem Mond, Der Startrampe in den Weltraum, wie er in alten Texten euphorisch genannt wurde. Nachdem das Teleskop einsatzbereit war, konstruierte ich immer wieder neue Linsensysteme, um den Abbildungsmaßstab weiter zu vergrößern. Wegen der eingeschränkten Beweglichkeit des Instruments blieben mir stets nur einige Minuten für die Beobachtung. Wenn dann noch Wolken aufzogen, wurde meine Geduld auf eine harte Probe gestellt. Doch schließlich zeigten sich die ersten Früchte monatelanger Arbeit. Was uns nur aus Büchern bekannt war, sah ich nun mit eigenen Augen: Der Mond war besiedelt. Und bald gliederte sich der ursprüngliche Eindruck von großflächig kreisförmigen oder rechteckigen Bauten immer mehr in filigrane Einzelheiten. Mit dem wachsenden Vergrößerungsfaktor nahm aber auch meine Beklommenheit zu: Was würde ich entdecken? In manchem kleineren Objekt glaubte ich einen Raumanzug zu erkennen. Ja, selbst Bewegungen meinte ich wahrzunehmen. Doch immer wieder stellte sich heraus, daß mir Phantasie und überanstrengte Augen offenbar Streiche gespielt hatten. Andererseits war es keine Frage, daß unter den Kuppeln, in den Gebäuden und unterirdischen Anlagen einige hunderttausend Menschen erstickt, erfroren sein mußten. Doch wissen und sehen sind verschiedene Dimensionen.
     Meine Gedanken wanderten, wie schon so oft, die annähernd vierhundert Jahre zurück. Sie haben es nicht anders gewollt, versuchte ich mir einzureden. Aber wer waren denn sie? Alle, die damals lebten? Oder nur die Mächtigen, die befahlen, die ja-Sager, die Meinungslosen und auch die, die aus Angst gehorchten? Die Wissenschaftler, die auf alles eine Antwort hatten?
     Nein – das führt zu nichts.
     Es ist geschehen, wir haben uns mit dem, was übrig blieb, arrangiert. Wir hatten keine Wahl, Wir wurden nicht gefragt. Und die Menschen damals? Wurden sie gefragt? Haben sie gefragt? Hatten sie überhaupt eine Wahl? War es nicht schon zu spät, als sie ahnten, was kam? Fragen über Fragen. Wir, das sind wohl so etwas über zweitausend Menschen, hier in den Katakomben. Zum Zeitpunkt der Katastrophe waren es vielleicht zwanzig oder fünfzig, die außerhalb der sogenannten Zivilisation in Erdhöhlen lebten, überlebten. Sicher werden woanders auch Gruppen existieren, vielleicht auch Mutanten. Wir wissen es nicht,  wollen es nicht wissen. – Ich auch nicht? Und wenn sich auf dem Mond nun doch etwas bewegt? So zwischen Angst und Hoffnung hin und her gerissen, setzte ich meine Beobachtungen fort.
     Manchmal, bei beständiger Wetterlage blieb ich bis zu vierzehn Tagen in meiner ‘Sternwarte’. Ich hatte mich inzwischen häuslich eingerichtet und Champignonbeete angelegt. Aus einer nahen Quelle versorgte ich mich mit Trinkwasser. Eines Nachts schließlich, schon gegen Morgen, fiel mir bei meinen Beobachtungen ein Umstand auf, der meine Gedanken in eine völlig neue Richtung lenken sollte. Der Mond stand im zweiten Viertel, und die Station LUNA VII, in einigen Büchern auch Mare Woltersdorff genannt, lag genau auf der Tag/Nachtgrenze. Die Aufbauten, Kuppeln und Türme lösten sich eben aus dem mächtigen gezackten Schatten einer benachbarten Kraterwand. Für mich war es immer wieder ein faszinierender Anblick, wenn die Objekte in dieser flachen Beleuchtung plastisch hervortraten. Dunkle Partien wurden von gegenüberliegenden Wänden im Licht aufgehellt, und auch kleinere Details hoben sich von glatten Flächen körperhaft ab.
Ich hatte noch in der vergangenen Nacht ein neues, leistungsfähigeres Okular eingesetzt und wollte eigentlich einen Spaziergang über die bizarren Grate der Mond-Appeninen machen, sozusagen Urlaub für die Augen, weg von der krampfhaften Suche nach menschlichen Formen, als ich stutzte. Schon bei einem der ersten Besuche auf LUNA VII hatte ich relativ kleine Gegenstände, Geräte oder Maschinen bemerkt, jedoch wegen der mangelhaften Auflösung nicht weiter beachtet. Jetzt, mit Hilfe der neuen Linsenkombination, sah ich die Objekte, die sich in Gruppen auf Laderampen, Transportbändern und vor Luftschleusen fanden, um die Hälfte größer. Meine Neugier wurde endgültig geweckt, als ich in einer Förderbandkurve drei dieser Geräte entdeckte, die offenbar beim plötzlichen Stillstand des Bandes herabgefallen waren und nun von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne gestreift wurden. Hatte ich sie bisher nur von oben gesehen und eher als zusammenhängendes, kettenartiges Objekt identifiziert, so wirkten sie jetzt aus der neuen Perspektive eher etwas antiquiert, nicht so recht in diese Umgebung passend. Andererseits, und das verwirrte mich vollends, kamen sie mir aber auch bekannt vor. Ich hatte sie schon einmal gesehen, vor nicht allzulanger Zeit. Aber der Morgen graute, und ich mußte meine Schlafstelle aufsuchen.

Unsere Siedlung, sie ist fast so etwas wie ein riesiger Tuffstein... Skulptur u. Foto: Dieter J Baumgart

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