Ahasver - Der Strandderwisch

von Tilly Boesche-Zacharow
Aus der Bibliothek

Man hatte ihr berichtet, dass draußen am Strand ein alter Mann herumliefe, der es verstand, Geschichten zu erzählen. Sie dachte, es könne zumindest nicht schädlich sein, wenn sie – eine Schriftstellerin, der plötzlich jede Phantasie ausgegangen zu sein schien – sich von jemand anderem etwas erzählen ließe.

Sie durchwanderte die Stadt und musste eine stark belebte Verkehrsstraße mittels eines unterirdischen Tunnels unterqueren. Dieser Weg war bekannt als „Tränenkanal“. Tagsüber saßen hier Bettler und Straßenmusikanten. Sie bevölkerten den Gang so sehr, dass die Passanten, für die dieser Weg unumgänglich war, sich hindurch winden mussten und Almosen spendeten, um sich freie Bahn zu erkaufen.

Jetzt war der Tunnel leer. Keine Passanten, keine Almosen; weshalb sollte die Bettlergilde, die Zunft der Straßenfiedler also ihre Zeit hier vergeuden?

Nur in einer Ecke, kurz vor dem Ausgang, der wieder nach oben in die normale Welt des Straßenlebens führte, sah Cathy ein Bündel liegen, langgestreckt. Der Schein der am Tor aufgestellten Laterne beschien ein Gesicht, das sich aus den Lumpen herauszuschälen schien. Sie ließ einen verstohlenen Seitenblick über den Gebrandmarkten, den Ausgestoßenen gleiten und hätte fast aufgeschrien. Sie glaubte in dem Gesicht des Bettlers eine so frappierende Ähnlichkeit mit dem Sals zu erkennen, dass sie sekundenlang versucht war, zu ihm hinzustürzen und sich zu vergewissern, ob er es nicht vielleicht wirklich selber sei.

Gleichzeitig wusste sie, dass er es natürlich nicht war. Dennoch quälte sie der Gedanke, während sie – die Röcke um sich herum zusammenraffend - an dem stöhnenden Stück Elend vorbeihuschte, wie leicht es sei, aus einem Durchschnittsbürger ein Paria zu werden. Sie hoffte, am Strand dem legendären Märchenerzähler zu begegnen, sodass sich der soeben gehabte Eindruck – Sal als Bettler – wieder verflüchtigte. Noch einmal stockte ihr kurz der Fuß. Wie, wenn sie zurückginge und ihm ein paar Schekel in die braun vertrocknete, an einen verdorrten Zweig erinnernde Hand gleiten ließe …?

Doch ehe sie einen Entschluss fassen konnte, hatten ihre Füße sie längst weitergetragen, und nun ging sie Richtung Meer, wo der Wind in ihren Haaren zauste und sie sehnsüchtig des Momentes gedachte, da es Sals Hand gewesen war, der das Gespinst der Locken über ihr Gesicht zog, dass es wie der Vorhang das Allerheiligste verbarg.

Sie machte sich auf die Suche nach dem Strandderwisch und hoffte, er würde nicht so belagert sein, dass es keine Aussicht, an ihn heranzukommen, gab. Aber sie fand ihn gar nicht. Auch andere Menschen waren nicht zu sehen. Sie war allein, und wenn es sie eigentlich auch nach Einsamkeit gelüstet hatte, nun spürte sie doch ein leichtes Frösteln, als erreiche sie der erste Ausläufer oder die Vorhut einer kühlen Brise ...

Sie setzte sich auf einen Felsen und blickte auf das Meer, dessen Wellen unfern ihrer Füße sanft plätschernd und mit leicht schaumigen Zungen den Strand beleckten. Hellblau war das Wasser im Vordergrund, schattierte sich – je ferner es strömte – zum nächtigen Marine und schob sich in den Schutz einer leicht diesigen violetten Gaze, den Horizontstreifen immer mehr in sich einschluckend.

„Es trennte Gott den Himmel von der Erde, die anfangs nur aus Wasser bestand!“ sagte plötzlich eine Stimme hinter ihr. Sie fuhr herum und dachte, es sei Sal, der sie hier, wo sie einmal zusammengestanden und sich umschlungen hielten, gefunden hätte. Doch wieder war sie einem Irrtum unterlegen. Außer Sal gab es auch noch andere Menschen auf der Welt.

Dieser hier war ein alter Mann mit weißem, im Wind flatterndem Haar und sehr dunklen Augenbrauen. Er hielt in der Hand einen Stock und stützte sich darauf, als sei er nach langer Wanderschaft ermüdet. Obwohl er Cathy nicht direkt ins Gesicht sah, war ohne Zweifel sie es, mit der er sprach. Weit und breit gab es außer ihnen niemand am abendlichen Strand.

„Ich musste einen sehr langen Weg machen,“ sagte er, „um dich zu finden. Was willst du von mir wissen?“

Sie fragte sich, ob sie wohl richtig gehört habe. Wenn er der Geschichtenerzähler vom Strand war – und wer sonst sollte er wohl sein, da er keinesfalls den Eindruck eines Touristen erweckte – dann hatte sie ihn gesucht, - nicht umgekehrt.

Und wie kam es, dass er sie in der Sprache anredete, die sie verstand, dass er wusste, wo sie herkam und dass er vor allen Dingen annahm, sie würde etwas von ihm wissen wollen? So vieles ging ihr durch den Kopf, Fragen, die sie nicht einmal laut werden ließ, die aber dennoch zu ihm drangen. Er antwortete.

„Wir sind uns heute schon einmal begegnet,“ sagte er, „aber du gingst an mir vorüber und erkanntest mich nicht. Du hast nur die Lumpen gesehen, die ich trage in einer meiner vielen Rollen und Gestalten, die zu verkörpern mir bestimmt sind.“

„Wer bist du?“fragt sie wie träumend, und es kam ihr nicht einmal zum Bewusstsein, dass sie den Mund nicht zu öffnen brauchte. Der Strom ihrer Frage erreichte ihn.

„Ist es wichtig, zu wissen, wer jemand ist?“ fragte er zurück. „Sieh mich an, vielleicht findest du es selbst heraus.

„Erzähl mir eine Geschichte, alter Mann“, murmelte sie. „Eine Geschichte aus der Vergangenheit.“

„Es gibt Menschen“, erwiderte er und sah auf sie herunter, „die sind der Ansicht, man solle das Vergangene ruhen lassen. Aber was wäre die Gegenwart für ein Schloss in den Lüften ohne die Vergangenheit? Eigenartig, dass gerade Menschen, die keine Juden sind, großspurig erklären: für Gewesenes gibt der Jude nichts! Was wissen diese schon vom Juden, dessen Geschick das Wandern ist, seit die Tore des Paradieses sich hinter ihm schlossen. Das Fundament der Gegenwart ist die Vergangenheit. Auf diesem Fundament steht der Mensch bis zum Augenblick seines Todes. Und weißt du, Königin, was die Tragik des Todes ist?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Die Tragik ist“, wiederholte er, „die unbefriedigt bleibende Wissbegierde, wie sich die Zukunft gestaltet, an der man nicht mehr beteiligt sein darf. Es ist der Stillstand im Zeitablauf, vor dem der Sterbende sich fürchte. Der in der Synagoge eingeschlossene Jude, der jämmerlich im Feuer umkommt, weiß zwar um die Tradition des Gewesenen, aber gleichzeitig mit ihm stirbt jede Antwort auf die Frage nach dem, was dann sein wird. Mit jedem einzelnen Menschen stirbt die ganze Welt. Niemand, der tot ist, erfährt, ob der Erdball mit ihm zersprang oder weiter existiert.“ Die Stimme des Alten glitt wie der Ablauf eines Liedes in Cathys Bewusstsein hinein und erfüllte es.

„Sieh auf das Meer“, hörte sie ihn raunen, und sie gehorchte.

Plötzlich befand sie sich inmitten einer murmelnden Schar von weißgewandeten Priestern, die eine Sänfte trugen. Cäsar lehnte darin, das an die Rückwand gestützte mächtige Haupt von einem Lorbeerkranz umwunden. Er hielt die Augen geschlossen und ließ es zu, dass man ihn, der gewohnt gewesen war, Befehle zu erteilen, auf die Bank einer Triere bettete, die ansonsten leer blieb. Das Schiff wurde zu Wasser gelassen. Feuerschein lohte auf, als es klatschend in die Wellen stieß. Es begann zu treiben, wurde von einem Windstoß gepackt und auf die Wogen gehoben. Nun entsann es sich seines Auftrages und mühte sich, zu eilen, um diesem gerecht zu werden.

Der Feuerschein entfernte und verkleinerte sich, je größer die Distanz zwischen Ufer und Triere wurde, als wolle er die Tatsache ausleuchten, dass eine Vergrößerung gleichzeitig die Verminderung bedeutete. Weit draußen, im Dunkel der Nacht schoss eine sprühende Funkenkaskade empor, wie ein Feuerwerk, das euphorisch den samtschwarzen Himmel zu erleuchten versuchte, während es doch gleichzeitig schon zerspritzend herabsank und irgendwo im Dunkel des Wassers verging, als sei es nie gewesen.

Sanft bewegte sich das Wasser im leichten Schlag der Wellen, so wie der Leib einer armenden Frau, in deren Schoß neues Leben wächst, noch von keinem Zweiten wahrgenommen.

„So wird dir einst Cäsar wiedergeboren“, sagte der Alte neben Cathy. „Oder Nero!“

„Nero war ein Mörder, der seine Mutter tötete“, gab sie flüsternd zu bedenken.

„War nicht auch Moses ein Mörder? Hätte Nero alle Christen umgebracht, ginge es heute den Juden vielleicht besser?“ War es Spott, was aus des alten Mannes Stimme in sie einfloß? Oder lag Wahrheit darin?

„Da hast du nun deine Geschichte“, sagte er. „Aber nicht ich habe sie dir erzählt. Sie steckt in dir selber drin, du musst nur auf dein Inneres hören. Dann wirst du auch um die Geschichte von Salomon und seiner Königin erfahren. Er erkannte sie, und sie wurden ein Fleisch. So einfach ist das, und es ist die ganze Geschichte, die gewöhnlichste Liebesgeschichte der Welt. Es kommt nur darauf an, wie sie gesehen und erzählt wird …Gehe hin …, erzähle sie. Was mir möglich ist, trag ich dazu bei. Du musst dich nur öffnen …“

Noch hörte Cathy seine Stimme, dabei war er schon kilometerweit von ihr entfernt. Transparent schien er zu werden, dennoch sah sie ihn, sah sie sein Gesicht, und das war deutlich. „Sal!“ flüsterte sie. „Du bist Sal!“

Von fern hallte seine Stimme in ihr: „Kaiser war ich, Bettler wurde ich. Du aber wirst immer meine Königin bleiben!“

Da sagte sie noch einmal, gleichsam beschwörend, seinen Namen: „Sal!“ Ein Windhauch löste den Klang von ihren Lippen, sehr sanft, sehr behutsam, damit er nicht verloren ging unter der Weite des Himmels. Er hing in der Luft, rollte sich wie ein Vorhang aus, waberte um sie herum, schloss sie in sich ein, kapselte sie ab: sie war eine Eremitin im Felsenloch und Dendritin zugleich, selbst zu einem Blatt am Baum geworden, ununterscheidbar von den anderen und dabei doch nur sie selbst und völlig allein. Als träte die Seele aus der irdischen Materie heraus, würde zu einem dritten Auge, welches nur noch allein fähig und imstande war, zu sehen, während alles andere schlafend verharrte, keiner realen Wahrnehmung fähig.

Veröffentlicht / Quelle: 
DIE SCHMALE LINIE ZWISCHEN HIMMEL UND WASSER / Novelle (2001)

Buchempfehlung:

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise