Wie ich Katze bei Baumgarts wurde - Page 9

Bild von Dieter J Baumgart
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vor lauter Aufregung hatte ich wohl büschelweise Haare verloren. Endlich, nach einer Ewigkeit kam das Auto zum Stehen. Meine Leute stiegen aus und paßten auf, daß ich nicht entwische. Dabei war ich froh, das Chaos endlich für mich allein zu haben, in Ruhe alle Höhlungen, Ecken und Winkel untersuchen zu können. Irgendwie mußte ich dann wohl doch eingeschlafen sein. Jedenfalls wurde ich  wach, weil jemand eine Tür öffnete. Aha, dachte ich, nun wird alles wieder ausgeräumt und dann sehen wir weiter. Aber nein, liebe Katze, falsch gedacht! Alle krochen sie wieder auf ihre Plätze. Aber ich – ich hatte mein bißchen Freiheit durchgesetzt, und tatsächlich wagte es niemand mehr, mich wieder einzusperren, was mich vermuten ließ, daß auch Menschen lernfähig sein können. Von da ab ging es besser und ich beschränkte meine Unternehmungen auf den hinteren Teil des Innenraums. Aber genossen habe ich diese Fahrerei trotzdem nicht. Was ich nicht mag, das mag ich nun mal nicht. Stunden später hielten sie dann wieder an, diesmal vor einem größeren Haus. Und dann begannen sie auch auszupacken. Inzwischen hatte ich mich mit der Tatsache abgefunden, daß ich auf das, was da noch kommen mochte, bestimmt keinen Einfluß nehmen konnte, und erwartete mit einer Mischung aus Spannung und Grausen, was als nächstes  passieren würde. Und wieder geschah das Unerwartete: In diesem fremden Haus fühlte ich mich von Anbeginn wohl. Meine Menschen und auch meine wichtigsten Sachen waren um mich versammelt. Auf der Fensterbank stand eine neue Liegewiese, es gab einen Kratzbaum, mehrere Zimmer mit interessanten Gerüchen, und auch der bekannte Duft aus der früheren Wohnung breitete sich langsam aus, als alle Sachen eingeräumt waren. Vor allen Dingen konnte ich überall hingehen, keine verschlossenen Türen, und so nahm ich nach der Inspektion unserer neuen Bleibe auch gleich die erste Gelegenheit wahr und besuchte die Nachbarn in der Wohnung gegenüber, was meinen Menschen natürlich peinlich war. Mir nicht, denn wenn ich erst einmal weiß, wo ich hingehöre, dann muß ich auch meine Ausflüge machen. Ein paar Tage später wäre mir das allerdings fast zum Verhängnis geworden. Und das kam so: Meine Menschen hatten Besuch. Fragt mich nicht, wo die überall herkamen. Pausenlos läutete es an der Tür, einige kannte ich, andere waren neu, manche gingen hinaus, um gleich wieder zurückzukommen. Und ich dachte, bevor ich hier zertreten werde, mache ich lieber noch einmal einen Gang durch das Haus. Gesagt, getan, die Wohnungstür stand sowieso meistens offen, und so hatte ich keine Probleme, mich auf eine neue Erkundungstour über die Treppen nach oben zu machen, denn da gab es auch Wohnungen, die ich noch nicht kannte. Ja, ich gebe zu, ich bin nicht nur verfressen, sondern auch neugierig. Und es war schon sehr interessant, was ich da erkundete. Irgendwo roch es nach Hund, aber die Türen waren alle geschlossen, so konnte ich leider nicht nachsehen und machte mich schließlich auf den Weg zurück in die mittlerweile heimatlichen Gefilde. Nanu, dachte ich, hast du dich verlaufen? Hier war doch irgendwo eine offene Tür... Ich brauchte schon einige Zeit, um zu begreifen, daß diese Tür nun geschlossen war. Also setzte ich mich davor und rief. Nichts – kein Geräusch. Ich lief noch einmal nach oben, aber nein, das war schon die richtige Tür da unten. Aber sie war zu, und was mich noch mehr beunruhigte: es war totenstill. Kein Herumgelaufe, keine bekannten Stimmen oder sonstigen Geräusche, nichts – gar nichts. Einige Zeit hatte ich da wohl schon gesessen, als plötzlich ein Schatten hinter der Haustür erschien. Aha, dachte ich erleichtert, da kommen sie. Die haben vergessen, dich mitzunehmen, und nun sind sie wieder da. Na gut, ich werde sie mit Mißachtung strafen, zehn Minuten oder so, ging es mir durch den Kopf. Die Tür wurde geöffnet und ein dicker Mensch, den ich noch nie gesehen hatte, wälzte sich mit Tüten und Taschen ins Haus. Ich war enttäuscht und erschreckt gleichzeitig, denn damit hatte ich nun nicht gerechnet. Als ich meine Gedanken wieder beieinander hatte, stand ich draußen und die Tür machte leise ‚klock‘. Das war’s. Oh, dachte ich, Katze, das ist nicht gut, das ist ganz und gar nicht gut. Mein Revier, das waren die Räume da drinnen. Hier draußen vor dem Haus, das erschien mir plötzlich so entsetzlich fremd ohne die Möglichkeit, jederzeit eine vertraute Ecke aufsuchen zu können. Nein, das war ganz und gar nicht in Ordnung. Zögernd machte ich einige Schritte. Natürlich habe ich immer gern den Überblick... Aber hier draußen, diese unendliche Weite vor dem Haus – da hatte ich einfach zu viel davon; und vor allem war es die Tatsache, daß ich nicht zurück konnte, in die gewohnte Umgebung und zu meinen Menschen. Ich sprang dann auf ein Fenstersims, wo mich der nächste Schock erwartete: Ich saß direkt neben meiner Wiese! Aber ich konnte sie nur sehen, nicht einmal riechen und schon gar nicht darauf sitzen. Und auf einmal wurde mir klar, was sich verändert hatte. Ausgeschlossen von allem, was bisher meine Welt ausmachte, fand ich mich in einer Umgebung wieder, die ich bisher nur von sicherer Warte aus betrachtet hatte. Mein Lieblingsplatz auf der Wiese: Grashalme kauend konnte ich da sitzen und beobachten oder Fliegen jagen, da konnten meine Menschen Stunden weg sein. Sehnsuchtsvoll starrte ich auf diese Wiese: Da drinnen, da war meine Freiheit, und nun befand ich mich draußen im Gefängnis. Schließlich nahm ich all meinen Mut zusammen und sprang wieder auf den Boden. Ganz allmählich keimte Neugier auf, und ich machte mich entlang des Hauses auf den Weg. Und schon folgte die nächste unangenehme Überraschung: Da stand noch ein gleiches Haus! Und noch eines – und daneben noch eins... Ein gewaltiges Auto donnerte heran und ich flüchtete quer über die Wiese, die hart und stachelig war. Plötzlich kam ein Hund mit seinem Menschen an der Leine um die Ecke. Nein, dachte ich, hier mußt du nicht sein, Katze. Mit langen Sprüngen brachte ich mich hinter dem Haus in Sicherheit. Wieder eine ganz andere Umgebung. War das überhaupt mein Haus? Alle Häuser in der Nähe sahen gleich aus, und in

Für Gesellschaftsspiele laß ich glatt mein Fressen stehn..., Foto Dieter J Baumgart

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