Wie ich Katze bei Baumgarts wurde - Page 4

Bild von Dieter J Baumgart
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ganzen Aufregung vorher, ausgezeichnet geschmeckt. Später am Abend dann, da geschahen seltsame Dinge: Der Dieter machte ein spitzes Maul, worauf die Flammen an den Ästen nacheinander verlöschten. Andere Lichter gingen auch aus, aber damit hatte er wohl nichts zu tun, und es wurde immer stiller in der Wohnung. Zum Glück hatten sie die Türen offengelassen, so konnte ich meine neue Welt in aller Ruhe anschauen, endlich einmal ohne Festbeleuchtung! Ich bin ja nicht halb blind wie die Menschen. Revier abstecken, nennt man das bei uns. In der Kommune war ich natürlich immer die Kleine, die hatte sowieso nichts zu melden und schon gar nichts abzustecken. Aber das soll hier anders werden, nahm ich mir in einem Anflug von Selbstbewußtsein vor. Es stellte sich dann auch bald heraus, daß immerhin eine Voraussetzung für meine künftige Alleinherrschaft schon gegeben war: In diesen Räumen gab es außer mir keine Katze. Ich war die erste und die einzige Katze bei Baumgarts! Auch sonst waren da keine gefährlichen Gerüche. – Ich meine, interessant war es schon, jedes Zimmer roch etwas anders. Besonders die hölzernen Kisten, die überall herumstanden! Die dufteten nicht nur nach Holz, ganze Geschichten strömten sie aus. Ich mußte wohl einige Zeit mit diesen Erkundungsgängen verbracht haben, hier mal hinauf, da mal drunter, natürlich immer mit der gebotenen Vorsicht, bis ich schließlich vor Müdigkeit fast von den Pfoten kippte. Und dann stand ich unvermutet vor einem neuen Problem: wo konnte ich schlafen? Wo würde ich in dieser unbekannten Welt einen Platz finden, an dem ich für eine Weile ungefährdet beide Augen gleichzeitig schließen könnte? In der Henkelhöhle? Oh nein! Womöglich kommt jemand, macht die Klappe zu, und ich muß wieder im Auto fahren, ganz zu schweigen vom Fahrstuhl. Nein, das mußte ich mir nicht noch einmal zumuten. Und das Grauen saß mir in den Knochen, wenn ich nur an die Henkelhöhle dachte. Grübeln war angesagt.
          Ich überlegte: Wenn hier irgend etwas passiert, dann geht das von den Menschen aus, denn sonst ist hier niemand. Und an das Geklingel und Gebimmel der tickenden Kästen hatte ich mich schon gewöhnt. Also mußt du in die Nähe der Menschen, sagte ich mir. Und zwar zu den beiden Großen, denn die haben hier das Sagen. Aber da war noch ein Problem: Also wenn ich irgendwo neu bin – das war auch in der Katzenkommune schon so – dann muß ich den Überblick haben. Auch nachts! Und vor allem, wenn ich schlafe! Das ist so eine Angewohnheit von mir. Ich setzte mich also erst einmal, legte meinen Schwanz ordentlich um mich herum und überlegte. Nein, es war nicht einfach, aber nach einiger Zeit hatte ich  die Lösung: Mein erster Schlafplatz war auf der Fensterbank, am Kopfende der Schlafstelle von Spätzlein und Dieter. Nicht sehr bequem, aber ich hatte den Überblick.
          Offenbar schliefen die Beiden noch nicht, denn kaum hatte ich mich auf der kalten Fensterbank so einigermaßen eingerichtet, da stand der Dieter auf, holte eine Decke und legte sie neben mich auf die Steinplatte. Irgendwie ein netter Zug, dachte ich, drehte einige Runden auf der Decke, plumpste hin und schlief ein. Und dann ...
          Nein, nie im Leben werde ich vergessen, was ich anschließend träumte! Ich bin also in unserer Kommune und fresse genüßlich Hack aus der gewohnten Schüssel, da wölbt sie sich plötzlich auf und wird zur Henkelhöhle, und ich bin mittendrin! Und dann sehe ich, wie der Dieter ein spitzes Maul macht, und die Henkelhöhle ist wieder verschwunden, einfach in Nichts aufgelöst, und ich falle und falle! Dieses widerliche Gefühl aus dem Fahrstuhl. Natürlich strecke ich sämtliche Pfoten aus, aber nirgendwo ist ein fester Halt! Ich falle und falle... Und plötzlich tönt es ganz laut: bim-bam-bim-bam, und ich habe wieder Boden unter den Pfoten. Da endlich merke ich, daß ich wach bin und auf der Fensterbank liege. Und das bim-bam kommt aus dem kleinen Kasten an der Wand neben mir –  ich sagte ja schon, bei denen bimmelt es überall... Ja, ich glaube, da war ich zum erstenmal froh, bei meinen neuen Menschen zu sein. Da unter mir lagen sie, nichts hatte sich verändert, und dankbar sah ich den tickenden Kasten an der Wand an, hatte er mich doch von diesem entsetzlichen Traum erlöst. Beruhigt drehte ich noch eine Runde auf der Decke und schlief wieder ein.
          Der nächste Morgen überraschte mich mit heller Sonne, und einen kurzen Moment brauchte ich, um mich in die neue Situation zu finden. Doch schnell war die Erinnerung wieder da. Frisch und tatendurstig sprang ich dann gleich dem Spätzlein auf den Bauch, was mir natürlich sehr unangenehm war, denn nach so enger Tuchfühlung war mir eigentlich noch nicht. Ich bin vielleicht etwas altmodisch, aber ich liebe das nun einmal nicht. Also glitt ich schnell weiter abwärts und auf den Boden der Tatsachen, den ich dann in der Gestalt eines grauen Teppichs unter meinen Pfoten wahrnahm. Als eine erstrebenswerte Tatsache war mir zudem noch der mit Rinderhack gefüllte Napf in Erinnerung. Erwartungsvoll machte ich mich auf die Suche und fand ihn auch recht schnell, aber er war leer. Na gut, dachte ich, wird schon werden. Abgesehen von dieser kleinen Enttäuschung schien meine Katzenwelt nach der überstandenen Nacht doch so einigermaßen in Ordnung zu sein, und ich machte mich leichtfüßig auf den Weg durch die verschiedenen Räume. Noch in Gedanken an einen gefüllten Futternapf schlenderte ich durch die Wohnung und wurde auf einmal zur Salzsäule! Ich dachte, mich umzingelt eine Maus! Sämtliche Kästen bimmelten gleichzeitig in meinem Kopf! Also alles hatte ich erwartet! Aber das nicht ...
          Eine Katze! Eine leibhaftige, hell-dunkelbraun-schwarze Katze! Und die sah mich genau so fassungslos an, als hätte sie auch gedacht, sie sei allein im Bau. Unsere Schwänze wurden dicker als unsere Köpfe, und ich habe einen Buckel bis unter die Zimmerdecke gemacht. Die andere natürlich auch! Dann habe ich sie angefaucht, daß es nur so gestunken hat. Aber die hat zurück gefaucht! Keinen Schritt ist sie weitergegangen. Ich natürlich auch nicht! Da wollte ich dann doch klarstellen, wer hier das Sagen

Für Gesellschaftsspiele laß ich glatt mein Fressen stehn..., Foto Dieter J Baumgart

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