Die Textilmanufaktur von Villeneuvette - Page 3

von Dieter J Baumgart
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Aquädukts gehen. Dort angekommen, müssen sie einander über das zwischen ihnen fließende Wasser hinweg umarmen, was eine reife Balanceübung wäre. Nach geglückter Umarmung und heiler gemeinsamer Rückkehr ans Ufer sollte die Verbindung dann halten.
                                              
                                                               III. Familienunternehmen

     Man schreibt das Jahr 1803, als der aus Clermont l’Hérault stammende katholische Gerber und Wollhändler Joseph Maistre neuer Eigentümer der nun nicht mehr königlichen Textilmanufaktur von Villeneuvette wird und eine Unternehmerdynastie begründet, die eine lange Reihe protestantischer Eigentümer ablöst und mehr als 150 Jahre bestehen soll.
     Doch die Zeiten haben sich geändert. Das, was den weltweiten Ruf von Villeneuvette ausmachte, die Herstellung von qualitativ hochwertigen Tuchen, ist nun eher ein Makel in der Erinnerung an überwundene Feudalherrschaft. Und die bürgerliche Gesellschaftsordnung manifestiert sich vornehmlich im erhöhten Bedarf an Uniformen, was – ein Glücksfall für den neuen Eigentümer – dazu führt, daß das Monopol für die Herstellung von Uniformstoffen, das bisher dem 30 km westlich gelegenen Lodève vorbehalten war, aufgehoben wird.
     So wird der nahezu völlige Zusammenbruch des Exportgeschäfts durch den Bedarf an Truppenbekleidung mehr als aufgefangen. Hinzu kommen Aufträge der Kirche, der staatlichen Lyzeen, und auch die Ausstattung von Kutschen schlägt zu Buche. In England und Belgien werden Handwerker dernier cri eingekauft. Sie weben Stoffe und textilen Zierrat für die Truppen der Republik.  Aber mit den strenggläubigen Maistres beginnt in Villeneuvette auch in sozialer Hinsicht eine neue Ära.
     HONNEUR AU TRAVAIL ist nun über dem Eingangstor der Manufaktur zu lesen. Damit ist auch die Achtung vor der handwerklichen Arbeit gemeint. In diesem Sinne sieht Casimir Maistre in der Vormundschaft eines christlichen Patrons auch die Verantwortung für seine Arbeiter und ihre Familien. Und wenn die Textilproduktion bei stockendem Absatz zurückgeht, findet man die Handwerker als Landarbeiter auf den Feldern und in den Weinbergen der Familie Maistre.
     Umgekehrt werden in der Hochsaison – was gleichbedeutend mit Kriegszeiten ist – auch Arbeiter aus den umliegenden Dörfern angestellt. So ist die Beschäftigung für die Bewohner von Villeneuvette immer gesichert; sie zahlen keine Miete, und auch der von Guillaume Castanier angelegte Parc à la française wird parzelliert und den Arbeiterfamilien für den Anbau von Obst und Gemüse zur Verfügung gestellt.  Villeneuvette verfügt jetzt über eine Feuerwehr und auch die ärztliche Versorgung ist gesichert. Zu diesem Zweck zahlt jeder Arbeiter im Jahr sechs Franc in eine Sozialkasse ein, der Patron legt das Doppelte der eingezahlten Summe dazu, und aus dem Gesamtaufkommen werden kranke Arbeiter und ihre Familien unterstützt.
     Diese frühe Form der Sozialversicherung ist eine Premiere, wie auch die Schulpflicht bis zum zwölften Lebensjahr in einer Zeit, in der andere Familien mit dem Lohn der Kinder ab dem fünften Lebensjahr rechnen, um über die Runden zu kommen. Auch die Teilnahme an Abendkursen, natürlich im Sinne einer streng christlichen Erziehung, steht Kindern und Erwachsenen offen.  Die gemeinschaftlichen Aktivitäten werden mittels Trommelwirbel und Ausrufer geregelt. Gearbeitet wird täglich außer sonntags, elfeinhalb Stunden, von halb sechs bis siebzehn Uhr. Um 21 Uhr schließen sich die Tore für die Nacht.
     Bei aller Abhängigkeit bietet eine solche patriarchalische Minigesellschaft aber auch Schutz gegen die Unbill der Zeitläufte und weist schon auf die Arbeiterstädte hin, wie sie rund fünfzig Jahre später im Norden Frankreichs geplant und von dem Industriellen und Politiker Eugène Schneider in den Stahlgewinnungsanlagen um Le Creusot verwirklicht werden.
     In Villeneuvette, wo um 21 Uhr die Tore geschlossen werden,  hat jeder seinen Platz und seine Aufgaben, geleitet und überwacht vom Patron. Die Mitarbeiter und ihre Familien akzeptieren diese Autorität, gewährt sie ihnen doch Sicherheit und einen gewissen Wohlstand.
     Doch die politischen Wirren der Revolution breiten sich noch im übrigen Europa aus, da naht schon eine Umwälzung auf dem Gebiet der Energietechnik, deren Ausmaße alles Dagewesene in den Schatten stellen sollen.
     Bereits 1769 wird die von James Watt entwickelte erste direkt wirkende Niederdruckdampfmaschine patentiert, ab 1787 wird seine doppelt wirkende Niederdruckmaschine mit Drehbewegung als Antrieb in englischen Textilbetrieben verwendet. Die industrielle Revolution ist eingeleitet. Es ist kein Zufall, daß die Textilbranche als eine der ersten von der neuen Technik profitiert. Wasser ist aus dem Produktionsprozeß nicht wegzudenken, wird von Anbeginn auch als Kraftquelle eingesetzt. So beginnt im Jahre 1810  auch in Villeneuvette das neue Zeitalter mit der Aufstellung der ersten Dampfmaschine, die noch mitten in der Werkhalle steht.     
     Für ein Metier, in dem bisher ausschließlich von Hand gearbeitet wurde, ist das eine schwerwiegende Veränderung, deren sozialen Konfliktstoff Gerhard Hauptmann in seinem Stück „Die Weber“ eindringlich beschreibt.
     Doch der Aufruhr in der Textilmanufaktur von Villeneuvette bleibt aus. Hercule und Casimir Maistre, die Söhne von Joseph Maistre, führen jetzt das Unternehmen und beschließen die Gründung einer Sparkasse für die Mitarbeiter. Besonders Casimir ist das, was man eine Vaterfigur nennen kann. Geboren im Herrenhaus der Maistres in Villeneuvette, führt er zusammen mit seinem Bruder ein strenges, aber gerechtes Regiment, in dem natürlich die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche obligatorisch ist.
     Anläßlich der ersten Aufstände in der Textilindustrie, Mitte des 19. Jahrhunderts, bewaffnen sich auch die Arbeiter in Villeneuvette. Vermutlich aber wohl eher, um den republikanischen Kollegen aus den benachbarten Städten zu widerstehen, die versuchen, sie in ihre sozialen Auseinandersetzungen einzubeziehen.  
     So gerät die Manufaktur schnell in den Ruf, ein reaktionäres katholisches Geschwür im Herzen des roten Midi zu sein, „…ein nicht zu duldendes Überbleibsel vergangener Feudalherrschaft…“, wie der Rat der Stadt Clermont-l’Hérault im Jahr 1851 erbost befindet.  „Sklavenhaltung“ wird den Maistres von den Republikanern vorgehalten. Tatsächlich wird in der Geschichte der Manufaktur nur ein einziger Streik verzeichnet: Wegen einer Gehaltsforderung bricht er am 23. Juni 1917 aus und wird sehr schnell  beendet, nachdem die Maistres die verlangte Erhöhung bewilligen.
     Die mit dem Einsatz der Dampfkraft sich ausweitende Mechanisierung des Arbeitsprozesses wird in der Manufaktur von Villeneuvette wohl nur halbherzig umgesetzt. Die alten wassergetriebenen Turbinen werden neben der Dampfkraft weiter genutzt. Nicht zuletzt werden auch die während einer

Die Textilmanufaktur von Villeneuvette, Languedoc-Roussillon, Frankreich. Foto von Dieter J Baumgart

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