narben

von Walter W Hölbling
Mitglied

über die jahre
gräbt das leben seine spuren
in unsere körper seelen
und erinerung

der moment
da ein gebrochener ast
das auge eines ausgelass‘nen kindes
knapp verfehlte

als erstmals
hoffnungen zunichte wurden
täuschung betrug und hass
ins leben traten
vertrauen brüchig sich erwies
und unrecht zeugte

der augenblick
als du die schrift nicht lesen konntest
auf der tafel
und augengläser brauchtest

die zeit
in der dein spiel auf dem klavier
so schmerzhaft wurde
dass pianistenträume
ebensolche bleiben mußten

der liebe erste höhenflüge
gefolgt von tiefem absturz und verzweiflung

auch manche glücklichen momente
die dich bis heute leben liessen

mit deinem ersten holzroller
durch die alte glastür
mit nur kleinen kratzern

als bei dem sommerjob im stahlwerk
nur der lederhandschuh
nicht deine hand
durch die hydraulikpresse glitt

dein glück als bei dem autounfall
deines idiotenfreunds
dir nur ein leicht verknackster hals
und kleine stücke deiner brille
als erinnerung verblieben

von allen diesen
sind es die narben des verlusts
oder auch drohenden verlusts
die nie vergeh’n

die rettung deines kleinen sohns
per notoperation

nächte am krankenbett der tochter
bis ihr hohes fieber endlich brach

der plötzliche tod der mutter
am ersten frühlingstag

des vaters langwieriges leiden
getragem mit verzweifeltem stolz
für ein paar weitere jahre

all diese tiefen spuren
und viele mehr
geprägt von uns’res lebens zeit und raum
lagern gleich hinter dem vorhang
zusammen mit erinnerungen
von glück und wunderbaren zeiten

gemeinsam schufen sie
den der du bist
dein leben
deine welt
die zu verstehen
du dich immer noch bemühst

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