Unvollendet ...

von Annelie Kelch
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In Altersheimen staut sich oft mehr Leid als nach Begräbnissen.
Klopf an die Tür deiner Großmutter, die du seit einem Jahr
nicht mehr besucht hast. - Nun öffne schon, Feigling …
Ihr Blick, dir zugewandt, spricht Bände – sofern sie noch lebt.

Meine nächtlichen Träume wollen mich verführen …
In ihnen esse ich tagtäglich Fisch und Fleisch ohne Reue.

Ich sage es euch nur einmal: Ich schreibe, was ich will …
in dieser Hinsicht nehme ich nicht die geringste Rücksicht;
aber du kannst sicher sein, dass ich dich nie beleidigen werde,
sofern du nicht selber damit anfängst ...

In unserer Stadt singen sie immer noch das Lied meiner
großen schmerzlichen Liebe. Ich kann es echt nicht mehr hören ...
aber ich brauche dich, darling - und einen neuen Wäscheständer.
Meiner hat Diabetes – seine Füße schmerzen und er knickt
jedes Mal ein, wenn ich ihn aufstellen will – Gicht und Arthrose.
Falls Sie ein gutes Hospital für ihn wissen, dürfen Sie mir
den Namen mailen.

Ich sitze gerne am Deich und schaue den Schafen zu -
sie benehmen sich ähnlich dusslig wie ich mich in meiner Jugendzeit.
Das weckt Erinnerungen, die mir peinlich sind. Da muss ich durch.

In meiner Küchenschublade liegen manchmal Löffel
bei den Messern – mit voller Absicht. Sie sollen sich
besser kennenlernen. Ich weiß, dass sie über mich lästern:
Ich äße zu hastig - für sie bliebe kaum etwas übrig.

Ich möchte nach Syrien fahren und mir den Tod holen …
dann ist er endlich fort von da und die Leute werden neuen
Mut fassen. Aber ich befürchte, der Tod hat zu viele Freunde;
man kann ihm nur schwerlich beikommen.

Gott badet im Blut meiner Seele. Manchmal hoffe ich,
er möge darin ertrinken, während ich mich freischwimme.

Der Tod wird mich holen, während ich ein Gedicht über
das Leben schreibe. Er setzt sein „unvollendet“ darunter -
in krakeliger Schrift und mit schwarzer Tinte.

heute, 09.06.2017, geschrieben

Foto: Annelie Kelch, Lübecker Innenstadt
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Interne Verweise

Kommentare

09. Jun 2017

Dumm sind die Gedanken kaum -
Poetisch nahmen sie sich Raum!
(Das Wasser-Bild hat Krause erschüttert -
Sofort griff sie zum Bier! Verbittert ...)

LG Axel

09. Jun 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar,
ich hab' den Titel bereits umgestellt.
Und Bertha frage bitte: Was für eine Welt
das wär, wenn aus den Quellen Starkbier flösse,
und der Mensch dem Laster "Alkohol" verfällt.

LG Annelie

09. Jun 2017

Krause privat 'nen Bier-Laster kutschiert -
Da scheint stets Nachschub garantiert ...

LG Axel

09. Jun 2017

Deshalb ist sie zu müd` bei dir zu putzen und zu waschen;
füllt sich mit Nebenjobs, diversen, ihre Schürzentaschen.
Wär bei 'ner Bank ein vortrefflich Kassier -
tät sie nicht saufen ohne End' ihr Voll- und Weizenbier.

LG Annelie

09. Jun 2017

Ein Gedicht wie das Leben - großartig!
LG Sigrid

10. Jun 2017

Vielen Dank, liebe Sigrid, für deinen lobenden Kommentar.

Liebe Grüße,
Annelie

09. Jun 2017

Abwechslungsreiche Verse und jeder davon lässt eigene Gedanken darüber zu.

Liebe Grüße in Deinen Abend
Soléa

10. Jun 2017

Liebe Soléa,

tausend Dank für deinen lobenden Kommentar, aber mache dir bloß nicht zu viele Gedanken, schreibe lieber - ich lese so furchtbar gerne.

Liebe Grüße,
Annelie

09. Jun 2017

Liebe Annelie,
das klingt wie eine Abrechnung und die Frage
ist offen, wer bezahlt ?
Sehr kritisch, sehr bilanzierend, sehr traurig !
Die Worte sind von hohem Gut und finden
im Leser neuen Mut, hoffentlich !
Ich mag Deine Worte,
sie tragen mich zu fernem Orte.
Das für heute und Dein Gedicht
für alle netten Leute,
Volker

10. Jun 2017

Lieber Volker,
herzlichen Dank für deinen interessanten Kommentar. Ich möchte dir einen ganz besonderen Dichter ans Herz legen: Jehuda Amichai. Die Israelis lieben ihn und ich auch. Schade, dass er schon gestorben ist. Seine Gedichte wurden bereits 1992 in mehr als 20 Sprachen übersetzt; er gehört zu den wenigen Lyrikern, die bereits zu Lebzeiten eine große internationale Anhängerschaft sammeln konnten - so ähnlich steht es in seinem Gedichtband: 'Wie schön sind deine Zelte, Jakob'. Günter Kunert sagte von ihm, er sei ein großer Dichter der Moderne. Er (Jehuda) ist einer meiner Vorbilder.

Liebe Grüße,
Annelie