1, 2, 3, 4, 5, 6, 7

Bild von Willi Grigor
Mitglied

Ja, so ist das Leben eben,
just begann ein neues Leben -
und vielleicht das letzte.

1, 2, 3, 4, 5, 6 Leben
hat die Zeit mir schon gegeben -
wird das letzte gar das beste?

Wieviel' Leben kann man leben,
nach wie vielen soll man streben -
wenn man dies nur wüsste.

Vielen wird nur eins gegeben,
- ja, so ist das Leben eben -
eins mit Leid und Kürze.

***

Meine sieben Leben:

1 - Glückliche Kindheit - Segringen, Bayern 1945 - 51

Nach dem Krieg, "die schlechte Zeit",
waren seine guten Jahre.
Liebe Worte, Freundlichkeit,
waren keine Mangelware.
Und ihm fehlt, er war zu jung,
jedwede Kriegserinnerung.

Des Flüchtlingskindes Kinderzeit,
ein Heimatfilmklischee.
Bauernidylle, Erntezeit,
lange schon passé.
Doch fehlt ihm nicht, sie hält ihn jung,
die Nach-dem-Krieg-Erinnerung.

**

2 - Jugend, durchwachsen - Düsseldorf 1951 - 63

Drei Menschen, die schon lang sich kennen,
ich möchte sie "Drei Freunde" nennen,
heute weite Ferne trennt.
Nichts hat sich für sie verändert,
alles ist, wie's früher war,
wenn in Gedanken sie sich treffen
in der jungen Jugend Zeit.

Die Zeit kann niemand rückwärts drehen,
Vergangenheit doch alle sehen,
jederzeit, wenn man bloß mag.

Drei Freunde stehn auf leeren Straßen,
spielen in Ruinen noch,
wenn die Gedanken rückwärts schauen,
hin zur schönen Jugendzeit.

**

3 - Durchs Land - auf der Suche nach dem Leben 1963 - 70

In Hamburg sowie Rosenheim,
Biblis, Worms und Krottenmühl
war ich fremd und doch daheim,
in Erlangen noch jung, nicht zahm,
in Ravensburg die Liebe kam,
das erste Heim war Königstein.
Ganz am Ende Burggen, Hirschbach
und das feine Mehrow auch.

**

4 - Gefunden: Die Liebe und ein neues Land 1970 -

Zwei, die sich durch Zufall trafen
und schon lang zusammen schlafen,
hören noch der Liebe Klingen
als sie durch die Felder gingen.
Damals in der Maienzeit.

Es war Verstehen ohne Sagen
und ein Wissen ohne Fragen.
Sie spürten ihre Herzen singen
und wie diese Feuer fingen.
Damals in der Maienzeit.

Heut spüren sie des Herbstes Wind,
mit dem sie gut befreundet sind.
Es tragen noch des Lebens Schwingen,
sie werden sie zum Ziele bringen.
Wie damals in der Maienzeit.
*
Deutschland gab mir viel, nicht alles,
so folgte ich dem Ruf des Schalles.
Zum Norden mich die Liebe nahm,
ganz leis wurd alles und ich zahm.
Gimo und dann Östhammar,
gar nicht weit von Uppsala.
Karlstad, Molkom, diese beiden
sind für mich zwei Augenweiden.
Vallda, Falun, Oskarshamn,
Säffle auch, in Gottes Nam'n.
Du, Åmål, mein Endpunkt bist,
die Liebste hier geboren ist.

**

5 - Segelfliegerzeit 1984 - 92

Ich hatte viele Leben, Zeiten,
eine war die Fliegerzeit.
Allein im Segler, in den Weiten,
ein Zustand der Glückseligkeit.

Man lässt sich von der Strömung leiten
und freut sich, wenn man Aufwind spürt,
weil das Steigen und das Gleiten
dich näher hin zum Himmel führt.

Nicht selten zeigen sich die Stunden
aus diesem stillen Wolkenraum.
Dann flieg ich segelnd meine Runden,
in meinem Bett, in einem Traum.

**

6 - Eine nicht erträumte Verwandlung - Australien 2006 -13

Plötzlich war ich dreiundsechzig,
plötzlich war ich wieder jung.
Plötzlich wollte ich verreisen,
plötzlich war ich auf dem Sprung.

Ich trug ein Kleinkind auf dem Arm
am abendroten Uluru.
Ich sprach auf einer Rinderfarm
zu einem wilden Känguru.

Zuhause seh ich wieder Farben,
wie auf dem Dorf als kleines Kind.
Ich les' mit Sorgen, dass sie starben,
Menschen, die bekannt mir sind.

Plötzlich gehen meine Augen auf,
plötzlich ist mein Geist im Spiel:
"Das Leben ist ein Dauerlauf
mit unbekanntem Ziel."

**

7- Die Lust zu schreiben - das letzte Leben? 2013 -

Wie das erste Gedicht von allen entstand -
2013 am Carrickalinga-Strand:

Ich ging wohl zwanzig Male
den Sandstrand auf und ab,
versuchte hundert Male
die Worte, die ich hatt',
in Vers und Reim zu zwingen.
Es wollte nicht gelingen.

"Du hast zu viele Worte"
weich flüsterte das Meer,
"von dieser falschen Sorte,
die legen sich nur quer.
Sie gleichen wilden Stieren,
du musst sie aussortieren"

Ich tat es, aussortieren,
die Worte wurden rar.
Der Rest ließ sich formieren
zu Versen, sonderbar.
Ich habe sie gefunden
am Strand, nach vielen Stunden.

Ich hörte Wellensingen
vom blauen, warmen Meer
und Worte aus mir dringen
zu ihm hin: "Danke sehr!"

(Das Ergebnis 2013 am Carrickalinga-Strand:
Die Woche verging, es war eine Freude.
Die Reise geht weiter und zwar nach Ad'leide
für Sie und für mich, für uns alle beide.)

© Willi Grigor, 2019
Aus dem Leben

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Interne Verweise

Kommentare

09. Dez 2019

Ich selber nie so weise war,
auch deshalb ist es sonderbar:
Das Leben schickt mich auf die Reise
- auf seine eigne, gute Weise -
es machte froher mich und leise.
D'rum weiß ich jetzt, wer weise war.

Axel, danke für den Kommentar.

LG
Willi

10. Dez 2019

Vielen Dank, dass Du mich daran teilhaben lässt. Ich fühle mich reicher. Und auf meine eigene Geschichte zurückgeworfen.
Auch wenn wir manchmal unfreiwillig irgendwo landen,
sind wir doch diesen Wege gegangen
und haben unsere Geschichte geschrieben.
Und dann werden es sogar der Leben sieben.
Respektvolle und wertschätzende Grüße von Britta

10. Dez 2019

Das hast Du klug und schön ausgedrückt, Britta!

Wir machen alle unsere Reise, ob klein oder groß, ob wir wollen oder nicht.
Und wenn man gewahr wird, dass die Reise ein Ende hat,
sollte man sie auf seine Weise aufschreiben.
Dann bleibt sie lebendig - auch wenn niemand sie liest.

Herzliche Grüße
Willi

10. Dez 2019

Ganz großes Erlebniskino ! Sehr gerne gelesen. Ein beachtlicher Lebensüberblick !!!
HG Olaf

10. Dez 2019

Danke Dir, Olaf!
Auch Du hast mit "Mein Vater, der Wortmagier" etwas von Deinem Leben erzählt.
Ich finde das gut. Das Leben hat es verdient.
LG
Willi