Gedanken am Morgen

von Annelie Kelch
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Der Schmelz der Nacht klebt noch
am Kleid des frühen Morgens –
wie die vergangene Stunde an meiner Herzwand:
Jene Stunde ohne Ressentiments,
ohne Wenn und Aber.
Jene Stunde, die mir den Alptraum von der Seele nahm:
Ich wachte auf und war nicht dort,
wohin ich mich geträumt hatte;
ich war hier, hier … wo ich auch nicht sein wollte,
wo ich schon bald nicht mehr sein werde –
bald ... das ist nicht allzu fern.

Nach und nach kommt die Erinnerung wieder:
Die Schmerzenssinfonie lebendiger Schatten,
die längst gestorben sind: Das Plappern ihrer Lippen,
aufgebürdete Rätsel, entschieden zu schwierig
für ein Kind; Rätsel, die mich alles andere
vergessen ließen.

So ging ich wie im Traum durchs Leben …
trotz Fleiß und guten Benehmens am Fundament
der „Tüchtigen“ vorbei, die niemals zweifeln, die
sich alles erlauben dürfen, die ihre Fehler mit Geld
bezahlen – denn nie versiegte mein Interesse
an jenen Rätseln, an denen ich zwangsläufig
scheitern musste; sie waren so alt wie unsere Welt:
geheimnisumwittert, obskur ...

Am Ende riss ich die Bücherwände ganzer
Bibliotheken nieder und ließ mich von den Worten
der Klassiker begraben ...
Danach löste ich die Rätsel, eins nach dem anderen.
Das zumindest werde ich niemals bereuen.

Quelle: pixabay, meine Collage, mein Text
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Kommentare

11. Jan 2018

Dank, lieber Axel, Dir, für Deinen Kommentar;
manch Klassiker mir ein Vergnügen war.

LG Annelie

11. Jan 2018

>Die Schmerzenssinfonie lebendiger Schatten, die längst gestorben sind< im morgendlichen Erwachen von einem Albtraum hinüber in die Wirklichkeit zu gelangen, welch eine Wohltat. Mit dem Rückblick aufs eigene Leben zu bemerken: >Danach löste ich die Rätsel, eins nach dem anderen. Das zumindest werde ich niemals bereuen.< Welch eine wunderbare Entwicklung mit Kraft der Literatur. Sehr schön.

Liebe Grüße,
Monika

11. Jan 2018

Liebe Moni, lieben Dank für Deinen Kommentar.
Erwachsene geben Kindern Rätsel auf, auch wenn sie es gar nicht wollen,
sie können es meist nicht vermeiden oder sind in dieser Hinsicht gedankenlos
oder gleichgültig oder rücksichtslos.
Es kommt immer auf die Art dieser Rätsel an, ob sich ein Kind davon lösen
kann oder ob es Schwierigkeiten hat, zur Tagesordnung überzugehen, ob es
gleichgültig diesen Tatsachen gegenüber ist oder nicht. Ich wollte immer
allen Rätseln auf die Spur kommen ... das nahm mich lange Zeit wie
"im Traum gefangen".

Liebe Grüße,
Annelie

11. Jan 2018

"ich war hier, hier … wo ich auch nicht sein wollte, wo ich schon bald nicht mehr sein werde –bald ... das ist nicht allzu fern" besonders diese drei Zeilen sind mir sehr nahe, liebe Annelie, ich mag dein Prosagedicht aber in ganzer Länge, danke dafür..

Liebe Grüße - Marie

11. Jan 2018

Liebe Marie, ich freue mich, dass Dir mein Gedicht gefallen hat und ich damit nicht bei Dir in Ungnade gefallen bin. Rätsel, Mysterien zu lösen, die insbesondere Menschen betreffen - ich glaube fast, das ist eine Eigenschaft, die GrüblerInnen an sich haben. Aber die "Crime", die ich mir trotz Grusel wieder mal gekauft habe, liegt seit Tagen ungelesen neben meinem Schreibtisch. Dafür habe ich in Angéliques neues Buch "Melancholie eines Gauklers" hineingeschaut und bin gestern in die Theatergeschichten versunken. Das Gebiss der Schauspielerin Erna Nitter, das verschwunden war, war dort Gegenstand eines amüsanten Rätsels - lesenswert wie auch Dein Buch vom "Purpurrotem Cousinot".

Liebe Grüße,
Annelie