Liebe Mutter ...

von Annelie Kelch
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Hast mich heut mal wieder total
Aus meiner Mitte geschleudert, liebe Mutter.
Ich stieg genervt und unabsichtlich in die falsche Bahn …
Dieser Schnellzug frisst fremde Meilen wie im Wahn;
Und du jetzt wohl Brot – mit Schinken und Butter.

Hast mir heut mal wieder meine kleine Insel
Unter beiden Füßen fortgerissen, -gezogen,
Liebe Mutter; damit ich im Ozean ersaufe?
Einzige Hoffnung: neue Nachrichten, auch erlogen;
Hast erwartet, dass ich dir zum Abschied noch Rosen kaufe?!

Horizonte, küstenfern, grau verweht hinter Häuserzeilen
Wie in Zwangsjacken: monotone Dächer, öde, geduckt.
Wer hier sterben will, hat nie aufgemuckt!
Und der Schnellzug frisst abertausend fremde Meilen …

Bis diese Bahn hält, geht der Tag zugrunde …
Weshalb bist du so unzufrieden, Mutter?
Ich gab dir doch Futter satt: Kishon, Böll, Marunde;
Dabei kannst weinen, lachen, dir paar Gedanken machen;
Aber wie ich dich kenn, bleibst du bei Semmeln mit Butter.

Es regnet jetzt, und du hast mich total geschafft …
Das war es nicht, was mich in die Heimat zog!
Ich dachte, du hättest, was gilt, inzwischen gerafft.
Könnt weinen, unser Gespräch wie immer
Ohne Hand und Fuß: Der große Monolog
Einer unzufriedenen alten Frau, und ich
bin davon ganz meschugge gewordn.

Der Zug hält, Mutter, endlich ... ich wünsch dir eine gesegnete Nacht.
Muss jetzt zurück die lange Strecke, bin voll gestresst
Und ziemlich krass von der Rolle.
Was hast du in den paar Stunden aus mir gemacht?
Alice im Wunder(!)land? – Vielleicht …
Jedoch keinesfalls: die (ehrenwerte) Frau Holle!

Basis: pixabay, verfremdet; copyright: anne li
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Kommentare

12. Aug 2018

„Was hast du in den paar Stunden aus mir gemacht?“ Ein sehr guter Text mit rätselhaften Andeutungen, poetischen Formulierungen, intensiven Bildern, dazu zählt auch die für Dich typische Illustration, ja, das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter mit all’ den beidseitigen falschen Erwartungshaltungen, ich kenne es nur zu gut aus eigenem Erleben. Betrachtet man den Lebenslauf der eigenen Mutter aber mit Abstand, mit Zuneigung, dann versteht man, vielleicht, im Nachhinein, verzeiht – und erkennt auch eigenes Fehlverhalten; diese Gedanken hat Dein STARKES Mutter-Tochtergedicht in mir ausgelöst, liebe Anne Li.

Liebe Grüße - Marie

12. Aug 2018

Danke, liebe Marie, mindestens drei Mal habe ich den Zug in die falsche Richtung genommen, wenn ich aus Glückstadt heimfahren wollte. Und diesen Umstand immer erst dann bemerkt, wenn ich mal zufällig aus dem Abteilfenster geschaut habe - so benommen hab ich nach einem Besuch auf unserem kleinen Bahnhof gestanden. Meine alten Herrschaften waren meist sehr anstrengend und wirkten immer leicht beunruhigend auf mich, auf uns. Aber meistens sind wir ja alle zusammen mit dem Auto hin, meine Schwiegereltern wohnten auch in der Näh. Da war es dann anstrengend, was das Essen betraf - es gab immer gleich für drei ganze Kompanien, obwohl man höchstens zu zwölft war bei Feierlichkeiten, und man wurde lieb genötigt und abermals genötigt, zuzulangen, so dass man nachher kaum noch über den Deich kam. Wie aus Deinem ganz wunderbaren Kommentar hervorgeht, kennst Du auch diese Situationen ganz hervorragend. Ich habe dieses Gedicht mit viel Abstand geschrieben - sonst wäre es wohl noch gruseliger ausgefallen; aber mit etwas Humor lässt sich so manches leichter ertragen ... Übrigens: nach solchen Besuchen schrieb ich meistens daheim ziemlich rebellische Gedichte, die ich fast alle noch auswendig kann ... so hab ich mich dann abreagiert, statt an Ort und Stelle direkt, ironisch oder gar frech geworden zu sein ...

Liebe Grüße zu Dir,
Annelie

19. Aug 2018

Liebe Annelie, ich entdeckte dieses Gedicht erst heute, am recht frühen Sonntagmorgen (nach vielen Wochen ohne Internet), während meine Tochter noch schläft... ich bin ganz stumm geworden beim Lesen, ganz leise und nachdenklich und denke an so viele Mutter-Tochter-Gefüge... auch an mich als Kind.. und als junges Mädchen...und an meine Mutter... und die Auseinandersetzungen und dann das Schweigen...
ich hoffe inständig, selbst genügend Liebe und Verständnis , Einfühlungsvermögen und Lebensfreude aufzubringen, damit meine Kinder niemals sagen werden: "Der große Monolog
Einer unzufriedenen alten Frau, und ich
bin davon ganz meschugge gewordn."

Zum Glück gibt es auch Muter-Tochter-Gefüge wo sich alles irgendwie wieder einpendelt. Das war bei meiner Mutter und mir so. Da konnte man sich auf einer neuen anderen Basis begegnen.

Du hast so viele grandiose empfindungsreiche Formulierungen, in diesem Gedicht, dass es mir unmöglich ist, einzelne hinauszustellen.
Selten hat mich ei Gedicht so sehr innerlich berührt und aufgewühlt, es ist wie eine Hand, die ans Herz greift.
Liebe Grüße und einen schönen Sonntag,
Anouk

19. Aug 2018

Kishons buntes Bilderbuch stand bei uns im Schrank, ich liebte es. Man warnte mich , es keinesfalls zu früh zu lesen, da ich es noch nicht verstehen könne, mit 14J.. Das sei nur Humor für Erwachsene. Ich denke, ich verstand es sehr gut.. ich habe es nun im eigenen Schrank und krame es oft hervor, die Zeichnungen sind so köstlich...// Ich stutzte, dass in deinem Gedicht die Tochter die Mutter mit Literatur "füttert".. ist es nicht "normalerweise" anders herum, dass die Eltern ihre Kinder an Literatur, Kunst usw. heranführen?

*
Du schreibst, du habest dein Gedicht mit Abstand geschrieben. Sonst wäre es "gruseliger" ausgefallen. Oft ist Abstand gut, man gewinnt an Neutralität, man verzeiht... aber vielleicht ist es auch grad der Abstand, den ich persönlich fürchte. Als Tochter tut er mir in der Tochter-Mutter Beziehung gut. Man begegnet sich irgendwann auf Augenhöhe und mit mehr gegenseitigem Respekt..

As Mutter möchte ich zu meiner Tochter nie ein distanziertes Verhältnis haben..So betrachte ich dein Gedicht aus beiden Perspektiven. Aus meinem Tochterdasein und meinem Mutter-einer-Tochter-Dasein heraus.

Ich grübele sehr über dein Gedicht, liebe Annelie, es hat viel in mir ausgelöst...
Vielleicht hat dir dein Tochterdasein aber auch, so wie es war, auch die Tür zu großartigen inneren Prozessen geöffnet, die sich bei einem anderen Tochter-Mutter-Verhältnis langsamer oder unvollständiger vollzogen hätten...? Man weiß es nicht...
lG
Anouk

24. Aug 2018

Liebe Anouk, entschuldige bitte, ich war auch ein paar Tage ohne Internet und muss nun alles "nachholen". Danke vielmals für Deinen so ausführlichen Kommentar, über den ich mich sehr gefreut habe. Ich glaube nicht, dass Du gravierende Fehler in der Erziehung Deiner Kinder machst; dazu bist Du viel zu engagiert. Das finde ich sehr schön. Es ist meines Erachtens eine Gnade, wenn man eine gute Beziehung zu seiner Mutter hat, und nur in wenigen Fällen kann so ein gutes Verhältnis Ehen zerstören. Meine Mutter hat sehr viel Negatives erlebt, sehr viel durchmachen müssen, sehr viel gearbeitet. Sie hatte nicht viel Zeit, sich um Literatur zu kümmern. Sie ist ein ganz anderer Mensch als ich. Ich hatte kein inniges Verhältnis zu meinen Eltern, aber ich habe zu ihnen gehalten, und ich denke, dass sie im Ernstfall auch zu mir gehalten hätten. Es wäre zum ewigen Buch zwischen uns gekommen, wenn ich damals selbstbewusster gewesen wäre und durchgesetzt hätte, was ich beruflich wollte. Meiner Meinung nach wurde ich wie eine junge Türkin von orthodoxen Eltern erzogen, obwohl meine Eltern nicht sehr gläubig waren. Mein Vater war viel zu streng, überaus autoritär. So erging es auch meinen beiden Schwestern. Irgendetwas muss mich kürzlich daran erinnert haben, wie oft ich nach einem Besuch bei meinen Eltern - und später bei meiner Mutter allein -, den Zug in die falsche Richtung genommen habe, weil ich total von der Rolle war. Ich habe sehr, sehr viel nachgedacht über meine Eltern (das hat mich erwachsen gemacht) und bei meiner "Beurteilung" alles in Betracht gezogen, bin zu einem milden Urteil gekommen und habe jetzt, glaube ich, damit abgeschlossen. Man sollte Negatives nicht unbedingt mit Negativem vergelten, und ich war eine Tochter, die ihnen so gut wie keinen Kummer bereitet hat. Das tröstet mich sehr: für sie und auch, was mich betrifft. Sie haben sich nicht von uns erziehen lassen, wie es manche Kinder schaffen. Es hätte großen Ärger gegeben, wenn ich aufgemuckt hätte. Darüber war ich mir immer klar. Ich jedenfalls habe ich von meinen Kindern dahingehend erziehen lassen, dass ich zumindest über mein eigenes Verhalten nachgedacht und es mir nie leicht gemacht habe.
Kishon hatte sehr viel Humor. Ich weiß aber nicht, ob dieser Humor meine Mutter erheitert hätte; sie hat die Bücher, die ich ihr geschenkt habe, meistens weitergegeben. - Kinder brauchen sehr viel Liebe, Kraft und Verständnis - ein warmes Zuhause eben, möglichst so lange, bis der Tod sie von den Eltern scheidet. - Du machst ganz gewiss (fast) alles richtig. ALLES kann man wohl nicht richtig machen.

Liebe Grüße und auch Dir und Deiner Familie einen schönen Sonntag,
Annelie