Fesseln der Liebe ...

von Annelie Kelch
Mitglied

Einst, als die Zeit noch jünger war
Denn mein Aug vor Sonnenaufgang
Trug mich ein alter Kahn mit der Strömung
Den Fluss hinab ins grüne Licht des Schilfs
Darin die Zikaden warnten vor den
Untiefen grenzender Wasser ...

Mit Blumen ohne End und Zahl legten die Wiesen
Lichte Spuren, dass die gütige Pharaostochter
Mich fände, ihr Mitleid über mich auszuschütten
Aber es kam nur der Blaue Glasaugenbarsch ...
Wimpernlos überm Schuppenkleid sprang er zu mir
Ins Boot und hob die silberne Braue: Ich zählte
Kein Jahr und war nackt unter weißen Tüchern
Wie mein hebräischer Bruder vom Nil, Mose ...

Zwölf Fuß vom Strom entfernt, im Aug den atemlosen
Himmel über der Elbmarsch, verirrte ich mich in
Gedanken an warme Speisen und sanftere Sonnen
Es kam der Herbst mit Regen, es kam auch ein Schnee …
Es kamen verwilderte Katzen; die hielten mich warm.
Biber gruben sich zu mir, Kräuter in den menschlichen Pfoten

Fischotter stopften in den wundgeschluchzten Rachen
Muschelfleisch, Krebse, Vogeleier mir: So wuchs ich heran
Die Sprache tierischer Nächstenliebe im Herzen
Vertraut mit den Gefahren am Fließband des Flusses:
Wasser, vom Geiste Gottes vergossen ... so ward ich
Flügge, bewacht von den Horen, o liebliche Töchter des Zeus

Den tierischen Frieden störte eine Menschin im Glauben
Sie hätt mich geboren. So schien mir die Sonne seltener ...
Oft nur mehr in eckigen Räumen: Ich wurde gezähmt ...
Wähnte indes mich wilder denn je: Sonderbare Wünsche
Nahmen mein Herz gefangen, Verlangen ergriff mich und
Die Fesseln der Liebe gruben sich ach so tief in meine Seele.

Der Blaue Glasaugenbarsch ist längst ausgestorben ... ich und Mose sind es übrigens auch ...

Das Foto von Mose ist aus einer Bibel; ich hab nur den Schmetterling hinzugefügt, damit er, Mose, sich nicht langweilt ...
Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Kommentare

12. Okt 2018

Das ist sehr ergreifend, liebe Annelie und sehr kunstvoll bzw. geschickt gefertigt, mit den ganz bewusst hervorgehobenen Parallelen (die man beim Lesen Stück für Stück erkennt und dann auch bestätigt bekommt, dass man "auf der richtigen Spur ist) und dennoch haftet, trotz der KUNSTfertigkeit dem Gedicht etwas NATÜRliches an. Man erkennt, dass es tief aus dem Inneren kommt und die Seele darin in Wort und Bild zutage tritt . Wie aufmerksam von dir, dem kleinen Moses einen Schmetterling übers Körbchen zu schicken, dass er nicht so allein ist.

"Den tierischen Frieden störte eine Menschin im Glauben
Sie hätt mich geboren. So schien mir die Sonne seltener"

Das greift mir ans Herz.
Ich werde den Text wohl den gesamten Tag auf mich wirken lassen und in mich horchen, wie er wohl "genau" zu deuten ist...

Alles Liebe, sei herzlich gegrüßt
Anouk

12. Okt 2018

Danke, liebe Anouk, für Deinen lobendlieben Kommentar. Möglich, dass ich bereits vor "dem Kahn" unter Menschen war: denn so ganz recht wäre es mir nicht, nur tierische Laute zu kennen und zu "sprechen". Und wenn es so gewesen wäre, dass ich unter Tieren, wenn auch nur kurz, gelebt hätte, dort am Ufer der Elbe, um welche Erfahrungen wäre ich wohl reicher geworden, und hätte das meine geistige Entwicklung vorangetrieben, wie hätte sich dieser Umstand auf mein Schreiben, auf meinen Charakter ausgewirkt. Was denken Menschen, die so aufwachsen, über ihre Mitmenschen und wieviel wissen sie über Tiere, über deren Leben und Charakter - all das beschäftigt mich oft. Ich bin noch nicht auf Erfahrungsberichte gestoßen, habe leider auch noch keine Zeit gehabt, danach zu suchen. Die Geschichten in der Bibel sind für mich eine sehr große Bereicherung unserer Kultur, und ich entdecke immer wieder Neues darin.

Ganz herzliche Grüße und Dir und Deinen Lieben ein wundervolles Wochenende,
Annelie

12. Okt 2018

Ach Annelie, was du nur immer auf die Festtafel der Lyrik stellst! Wie es klar ist und doch voller Geheimnis, wie es leuchtet und voller dunkler Schönheit ist, wie es sofort erfreut und doch, bei genauerem "Betrachten", immer mehr zu entdecken gibt.

Ich freue mich, dich per Du grüßen zu dürfen!
Uwe

12. Okt 2018

Lieber Uwe, wie solltest Du mich denn sonst grüßen ... per Sie? Na, das wäre doch wohl sehr übertrieben. Dein Kommentar hat mich riesig gefreut. Er leuchtet selbst ... von innen aus Dir heraus. Das nenne ich Ehrlichkeit. Ich freue mich sehr, dass Dir mein Gedicht gefallen hat. Es muss sehr schwer sein, sich an Menschen zu gewöhnen, wenn man unter Tieren gelebt hat, freier auf jeden Fall und sich dann mit Dingen konfrontiert zu sehen, die so viel mehr als nur das Überleben zum Inhalt haben.

Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
Annelie

12. Okt 2018

Liebe Annelie,
Dein wunderbar, poetisches Gedicht, wirft viele spannende Fragen auf. Ist die Seele unsterblich? Wenn ja, wird sie wiedergeboren, auch als Tier? Das hieße, dass auch Tiere eine Seele haben. Spannende Fragen, über die keinesfalls Einigkeit herrscht.
Werde heute noch lange Nachsinnen.

Liebe Grüße,
Ella

13. Okt 2018

Liebe Ella, lieben Dank für Deinen Kommentar. Ich bin davon überzeugt, dass auch Tiere eine Seele haben. Ja, Du hast recht, es gibt so viele Dinge, über die man lesen und nachsinnen kann. Das ist gut, weil es das Leben lebenswert und spannend macht. Wer angesichts all dieser Fragen noch an Langeweile leidet, dem ist schwer zu helfen. Aber während einer Depression sind einem auch diese Fragen egal - und es gibt viele Menschen in unserer Zeit, die wie Tiere ums "nackte" Überleben kämpfen müssen.

Liebe Grüße,
Annelie

12. Okt 2018

Liebe Annelie!
Und jetzt fesselst Du mich
mit überbordender Fantasie.
Du Überfliegerin, atmest
aus allen Poren Poesie.
Hab Deine Zeilen mehrmals
gelesen, gestaunt, empfunden,
als wärst Du damals dabei
gewesen. So lebt Dein Gedicht!

Liebe Grüße,
Monika

12. Okt 2018

Danke, liebe Monika, es ist so schön, mal wieder einen Deiner hervorragenden, liebenswürdigen Kommentare zu erhalten, darin mindestens ebenso viel Fantasie und Poesie steckt wie in meinem Gedicht. Ganz lieben Dank und Dir und Khalessi ein schönes Wochenende mit Spaziergängen im herbstlichen Park oder Wald im milden Sonnenlicht - Du große Hölderlin-Dichterin; liebe Grüße,

Annelie

12. Okt 2018

Vielfarbige poetische Bilder und selten oder nie gehörte Wortschöpfungen spiegelst Du mir in Deinem verzauberten Gedicht, das vom Wunder der Rettung des kleinen Moses erzählt und ganz viel auch über das Leben von Anne Li, ich liebe auch diesen kleinen blauen Schmetterling …

liebe Grüße zu Dir - Marie

12. Okt 2018

Liebe Marie, ganz herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Ich liebe diesen blauen Schmetterling auch ganz innig. Er lässt sich von mir ohne Schwierigkeiten dorthin platzieren, wo ich es will (weil ich es mir wert bin, fällt mir grad ein: doofe Reklame). Ich kann ihn sogar farblich gestalten, ich könnte ihn ... egal. Hoffentlich habt ihr diesen Schmetterling nicht bald über. Diese Spielereien machen mir einfach zu viel Spaß. Aber Mose hatte kein Mobile o.ä., sodass ich meinte, es könne im Nachhinein nicht verkehrt sein, ihm das Leben auf dem Nil zu versüßen. Ich frag mich grad, ob es zu jener Zeit schon Teddybären gab. Wahrscheinlich nicht.

Liebe Grüße und ein wunderschönes Wochenende
- mit Frankfurter Rundschau, wenn ich mich nicht irre,
Annelie

15. Okt 2018

Äonen des Ahnens
Ahnungsvollen Zusammenlebens
In der natürlichsten Gemeinschaft

Des kreatürlich Scheinenden
Im Mitgefühl geborgen
Des unbewussten ohne
Das Angesicht der Spitzen
Der Gesellschaft

Entfaltet zur ausgelassenen
Freiheit, der absoluten

Und doch
Zwängt einst die Liebe ein
die Menschliche

Jenes unbändige Seele-Sein

- wie wundervoll
der Bogen sich spannt
und uns gefesselt
zurück lässt

staunend

LG Yvonne

18. Okt 2018

Liebe Yvonne, verzeih, eben erst lese ich Deinen wunderschönen Kommentar, danke Dir ganz herzlich dafür und freue mich ganz außerordentlich, dass Dir mein Gedicht, mit zauberhaften Worten von Dir begleitet, gefallen hat.

Liebe Grüße zu Dir und ein erholsames Wochenende am Meer
für Dich und Deine Familie,
Annelie

18. Okt 2018

Ach, Annelie, ich liebe diese Geschichte. Du hast das Motiv des Dschungelbuchs an die Elbe verlagert. Die Tiere, die gemeinsam ein Menschenkind großziehen und es nicht auffressen, wie wir Menschen ja sofort vermuten würden. Sie nehmen es ganz selbstverständlich in ihrer Mitte auf bis - ja, bis ein anderer Mensch daherkommt. Und den Frieden stört. Kehrt der Mensch eigentlich zwangsläufug zu seiner Art zurück? Tut er es freiwillig? Was wäre, wenn er in der Wildnis bliebe? Würde er den Tieren genauso helfen, wie sie ihm?
Eine Geschichte, ewig weiter zu spinnen oder neue Geschichten daraus zu entwickeln. Deine schöne Sprache lässt plastische Bilder in meiner Fantasie entstehen. Die Elbmarsch zu meiner Kindheit, das Schilf, die leise plätschernden Wellen und der zähe Schlick.

Ganz liebe Grüße und herzlichen Dank für diesesn wunderbaren Text,
Susanna

18. Okt 2018

Danke, liebe Susanna, für Deinen wunderschönen Kommentar. Genau diese Fragen, die Du grad aufgeworfen hast, beschäftigen auch mich. Ganz so ungefährlich ist es ja leider nicht in der freien Wildnis - die Gefahr, gefressen zu werden, zumal als unbefangenes Kleinkind, ist größer als unter den Menschen ... die sorgen dann meistens für mehr oder weniger harmlose Gemeinheiten, wobei die Tiere ja nur ihren Hunger stillen wollen. Wir können ja auch mal den Begriff "Tierfresserei" entstehen lassen, d.h. er besteht ja bereits, wird jedoch plastischer, wenn Mensch oder Menschin, jahrelang unter hilfsbereiten Tieren gelebt, auf die Idee kommt, diejenigen zu essen, von denen sie immer noch glaubt, sie sei von deren Art. Du Glückliche, die die Elbmarsch zu den Wundern in ihrer Kindheit zählte, weiß ganz sicher auch viel zu erzählen von diesem Menschenschlag dort.

Ganz herzliche Grüße auch zu Dir, liebe Susanna, einen schönen Freitag
und ein erholsames Wochenende,
Annelie