Frieda und Hans - ein Gedicht zum dritten Advent

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Zuerst ging die Frau und ließ ihn allein, dann fing es an mit dem billigen Wein, der Job ging verloren, die Wohnung perdu, und danach kam Leere und Lethargie, auf der Straße sitzt Hans und ihm ist kalt, und er ist doch erst vierzig Jahre alt,

wir feiern bald den dritten Advent, doch bei ihm auf dem Pflaster kein Kerzlein brennt, er hockt auf dem Schlafsack mit sich allein und grübelt, das kann doch alles nicht sein, die dunklen Gedanken, sie laufen dahin, er fragt, hat mein Leben denn noch einen Sinn,

Illusionen hat Hans jetzt keine mehr, und sein Plastikbecher ist meistens leer, auf der Straße muss er nun dauernd leben und beim Betteln bittend die Augen heben, verloren ging nicht nur Hab und Gut, nein, vor allem der ganze, der letzte Mut,

der Hans, der hat überhaupt kein Glück, zu hoch die Hürde ins Leben zurück, doch hinter den Treppen im U-Bahnschacht verbringt er mit Frieda öfter die Nacht, sie ist mehr als fünfzig Jahre schon alt, auch ihr ist obdachlos leben zu kalt,

zu ungemütlich und viel zu gefährlich, das sagt sie leise und meint es ehrlich, sie nahm mal Crack und sie ist oft krank, tagsüber schläft sie im Park auf der Bank, nur im Winter bei Kälte, da geht das nicht, da ruht sie in Ecken mit wenig Licht,

man hört sie murmeln mit trauriger Miene, ich würde gern eigenes Geld verdienen, wie soll ich das schaffen als Analphabet, wer kann mir verklickern, wie das wohl geht, seit fünfzehn Jahren ist sie schon auf Platte, ihre wertvollstes Habe - die Isomatte,

sie stellt sich selbst eine wichtige Frage, hab’ ich nicht Schuld an der miesen Lage, nun hat sie in Hans einen Freund gefunden, mit ihm kommt sie besser über die Runden, die Beiden geben sich Wärme und Halt, es ist wie ein Rufen im dunklen Wald,

sie freut sich schon auf die Heilige Nacht, die wird mit Hans in der Kirche verbracht, dort ist man beschützt vor Kälte und Schnee, dort gibt es Plätzchen und heißen Kaffee, dort kann man mit Leidensgenossen reden, und, wenn man will, auch singen und beten …

Fakten: Auszüge aus „Spiegel online“ vom Dienstag, dem 14.11.2017:
Die Zahl der Wohnungslosen steigt dramatisch. Weniger Sozialwohnungen, steigende Mieten - laut einer neuen Schätzung leben in Deutschland 860.000 Menschen ohne Wohnung. Im Jahr 2016 gab es geschätzt rund 422.000 Wohnungslose, teilte die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) mit. Hinzu kamen 2016 etwa 436.000 anerkannte Flüchtlinge, die ohne eigene Bleibe in Gemeinschaftsunterkünften lebten. Zusammengerechnet kommt die BAGW für das Vorjahr gerundet auf 860.000 Menschen ohne Wohnung. Im Vergleich zu 2014 ist dies ein Anstieg um rund 150 Prozent. Ohne ein Umsteuern kann die Zahl der Wohnungslosen bis 2018 auf 1,2 Millionen wachsen. Die Ursachen für die negative Entwicklung liegen nicht nur im starken Anstieg der Mieten. Seit 1990 ist der Bestand an Sozialwohnungen um rund 60 Prozent auf 1,2 Millionen gesunken. Zusätzlich haben Bund, Länder und Kommunen eigene Wohnungsbestände an private Investoren verkauft. Damit wurden die Reserven bezahlbaren Wohnraums aus der Hand gegeben. Die Zuwanderung hat die Gesamtsituation verschärft, ist aber keinesfalls alleinige Ursache der Krise. Die Straßenobdachlosigkeit wird inzwischen von Migranten aus EU-Ländern mitgeprägt. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, deren Eltern keine Wohnung haben, schätzt der Verband auf rund 32.000. Erst im Januar hatte die Bundesarbeitsgemeinschaft Zahlen zu den im Freien erfrorenen Obdachlosen veröffentlicht. Demnach starben seit 1991 in Deutschland mindestens 289 wohnungslose Menschen. Sie sind unter Brücken, auf Parkbänken oder in Hauseingängen an Unterkühlung gestorben.

Quelle Fotos kostenlos, stark verfremdet: Winterspeisung für Obdachlose 2017 in Frankfurt am Main in der Katharinenkirche.

Interne Verweise

Kommentare

14. Dez 2017

Liebe Marie, vielen Dank für das gute Gedicht. Der Kommentar ist sehr gut recherchiert und bestätigt meine Thesen. Ich befürchte auch, dass die Situation noch gravierender wird - und aussichtsloser für die Betroffenen, möglicherweise sogar bald für Arme und auch für die Mittelschicht. Wenn jeder ein wenig spenden würde, ich schließe mich da keineswegs aus, könnte man wenigstens heizbare, winterfeste Unterkünfte bauen.

Liebe Grüße,
Annelie

14. Dez 2017

Danke für deine Antwort, liebe Annelie, ja, die Zahl der Menschen ohne Wohnung steigt und steigt, das ist ein Armutszeugnis für unsere wohlhabende "christlich geprägte" Gesellschaft, im kommenden Jahr kann die Zahl der Obdachlosen sogar die Einmillionengrenze überschreiten, das habe ich mit Entsetzen gelesen ... man hat das Gefühl, da läuft etwas völlig aus dem Ruder ...

Liebe Grüße zurück - Marie

14. Dez 2017

Der "Markt" - er "regelt" ALLES doch!
(So gräbt der Mensch sich selbst sein Loch ...)
[Denn wer nicht "richtig" funktioniert,
Wird aussortiert - kalt abserviert ...]

LG Axel

14. Dez 2017

„Der Markt“, der boomt, doch er ist kalt,
weh dem, der arm ist oder alt …

danke, Axel, und liebe Grüße -
Marie

14. Dez 2017

Danke für deine ausführliche und engagierte Antwort, liebe Sabrina, ja, nicht nur ganz Deutschland hat das Problem verpennt - wie so viele andere, die auf den Nägeln brennen, wir müssen uns vornehmen, in unserem kleinen Rahmen, in der Familie, im Freundeskreis, im Denken und Handeln gegen die zunehmende soziale Kälte anzugehen ... mein großer Respekt gehört den vielen freiwilligen Helfern, die sich unbezahlt einbringen, nicht nur zur Weihnachtszeit ...

Liebe Grüße zurück zu dir - Marie

15. Dez 2017

Liebe Marie,
Dein Gedicht ist 'großartig`. Ein so wichtiger Text, der zu Herzen geht, denn er beschreibt unsere momentane Wirklichkeit. Die erschüttert und entsetzt, man fühlt sich in die 'Dritte Welt' versetzt. Darf das denn wahr sein? Was bitte sehr, ist hier noch lupenrein? Marie, Du hast es wieder mal geschafft, mich arg zu berühren und das ist meisterhaft. Danke!

LG Monika

15. Dez 2017

Danke für deinen beonderen Kommentar, liebe Monika. Wenn man mit offenen Augen durch die eigene Stadt geht, bleibt einem das Elend einer rasant anwachsenden Menge bedürftiger obdachloser Menschen nicht verborgen. Ich habe bei diesen Begegnungen oft ein schlechtes Gewissen, weil es mir so gut geht. Darüber etwas zu schreiben, ist das Mindeste.

Liebe Grüße - Marie

15. Dez 2017

Liebe Marie,
ein sehr, sehr starkes Gedicht von Dir,
doch bei dessen Inhalt schaudert mir.
LG Ekki

15. Dez 2017

Danke, lieber Ekki, "schaudern" ist gut ausgedrückt, aber es ist leider die Realität, über die man gerne hinwegschaut ... Hans und Frieda kenne ich natürlich nicht persönlich, sie haben aber noch Glück im Unglück, weil sie sich gegenseitig stärken, oder?

Liebe Grüße - Marie

15. Dez 2017

Liebe Marie, du schreibst wie es ist, man es sehen kann und hört. Nur die, die es ändern müssten, sehen es, wie man sieht nicht. Schon komisch, um es mal salopp zu sagen. Wer nicht mithalten kann, wird abgehängt - fertig! Der Saat baut nicht genug Sozialwohnungen und gibt Vermietern zu viele Rechte bei Eigenbedarf undSanierungen die ihm nachher alle Türen zur saftigen Mieterhöhung öffnen. Wer kann sich die Erhöhung von oft mehr als 200€ im Monat leisten. Alles Halsabschneider, die auch noch durch dem Saat gefördert werden. Ergebnis ist dein Gedicht. Und ich bin mir sicher, das wir, der kleine Mann, Nachbar, Ehrenamtliche das aufbringen und tun, was die Politik nicht willens ist. Und darum wird sich auch so schnell nichts ändern, denke ich.

Herzliche Grüße
Soléa

15. Dez 2017

Danke, Soléa, du sprichst es an und aus, das Problem betrifft ja nicht nur unser Land, wer immer in der neuen Regierung sitzt, man muss sich vorrangig darum kümmern, außerdem kann man die vielen Ehrenamtlichen und auch das Engagement der Kirchen nicht laut genug loben - ich kenne einige Gemeinden in Frankfurt, die sich aktiv einbringen.

Sei herzlich gegüßt - Marie