Bei Licht betrachtet ...

von Annelie Kelch
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Gestern, am lichten Tag, nah' einem blühenden Roggenfeld,
sah ich den Mond umherstreunen: ein vagabundierender Kosmonaut. -
Er segelte mit den Wolken hoch droben am Himmelszelt;
einem bleichen Drachen gleich, den sich ein Schulkind gebaut.

Gestern, im Nachmittagslicht, las ich das mystische Werk eines Poeten;
es erinnerte mich an gespenstische, unablässige Klagen,
darin Heerscharen von braven Mönchen herunterbeten:
Choräle und Psalmen - aus geheimnisumwobenen Sagen.

Gegen Abend starb auch der gestrige Tag -
wie 's im Leben geschieht allemal,
wie so manche leidenschaftliche Liebe früh zu sterben pflegt ...
Die feierliche Nacht, rätselhaft und von mancherlei Schatten bewegt,
senkte sich dunkel und sanft über Dörfer, Hügel und Tal.

Bald zeigte sich der Mond erneut – in seiner schönsten Pracht:
erhob sich - wie eine leuchtende Seele - aus dem Nichts,
überstrahlte die Finsternis, als segnete er die Nacht
durch Verströmen seines glanzvollen Silberlichts.

Und mit einem Mal kehrte das Lied des jungen Poeten zurück;
die Melodie erfüllte mein Herz; ich öffnete all meine Sinne,
lauschte der Anmut lyrischer Worte, erlag dem Bann seiner Minne …
Es war wohl das Mondlicht, das mir verhalf zu jenem nächtlichen Glück.

'Daylight und Moonlight' heißt dieses Gedicht im Original - von Henry W. Longfellow. Diesmal ist mir die Übersetzung in Versen gelungen, worüber ich mich freue. Die Übersetzung ist nichtsdestotrotz authentisch, zwar nicht, was jedes einzelne Wort betrifft - man sollte immer versuchen, noch treffendere Worte, bzw. die 'besten' Worte in der eigenen Sprache zu finden, ohne überheblich sein zu wollen - aber doch insofern, was das Thema, den Inhalt, die Aussagen betreffen. Interessant ist, wie prächtig der Mond sein kann - bei Nacht und welche Assoziationen oder auch Sinneswandel er weckt bzw. bewirkt - wenn wir Angelegenheiten, Dinge, 'im richtigen Licht' betrachten - oder auch in "a right ... good or bad mood", mit der richtigen: guten oder schlechten Laune (Stimmung).

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Kommentare

15. Mär 2017

Danke für deinen Kommentar, Monika. Es ist aber auch so, dass Longfellow über die Poesie des jungen Dichters, der ihm zweifelsohne sein Werk hat zukommen lassen, bei Tag nicht besonders begeistert war; in der Nacht, beim Mondlicht hingegen, kamen ihm die Worte des Poeten ungefragt wieder in den Sinn - und rissen ihn mit, begeisterten ihn. Ich hoffe nur inständig, dass er am nächsten Morgen, sofern er sich noch einmal mit dem 'jungen' Werk beschäftigt hat, immer noch so angetan war von den Worten seines ganz offensichtlich jungen 'Bewunderers'.

Liebe Grüße
Annelie

15. Mär 2017

Danke vielmals, Axel, doch vermiss ich Berthas Kommentar:
"Mensch, dit bin doch icke da uffn Bild - als neckischer Nachtmahr!"

LG Annelie

15. Mär 2017

Die Krause ist sehr selten im Bild:
Sie passt nicht rein - das macht sie wild ...

LG Axel

15. Mär 2017

Der Mond ist aufgegangen,
die gold`nen Sternlein prangen,
am Himmel hell und klar!
Die Krause muss jetzt bangen,
dem Claudius seine Wangen,
sind jetzt ganz fahl, wie sonderbar!

LG
Alfred

15. Mär 2017

Danke für den Kommentar. Deinen Reim, Alfred, kann man sogar mit der gängigen Melodie singen. Ich habe es soeben ganz leise ausprobiert.

LG Annelie

15. Mär 2017

Ausdrucksstarker Text, ausdrucksstarkes Bild…!!
Liebe Grüße
Soléa

15. Mär 2017

Danke dir, Soléa -
für deinen ausdrucksstarken Kommentar.

Liebe Grüße
Annelie