Die alte Jungfer

von Johanna Ambrosius
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Da geht sie hin, verspottet und verlacht,
Die noch am Krankenbett die Nacht durchwacht,
Und jeder höhnt, der flüchtig ihr begegnet:
Der ist ihr Glücksfeld auch einmal verregnet!

Einst warst Du jung, ein schlankes Vögelein,
Sangst jubelnd in den schönen Tag hinein,
Den Frühling hat die Armut bald genommen,
Du weißt es kaum, so schnell ist es gekommen.

Der Sommer kam und fand zu Dir den Weg,
Doch brach gar bald des Glückes dünner Steg;
Wie auch das Weh im Herzen wild geflutet,
Es hat sich in der Stille längst verblutet.

Nun steht der raue Herbst vor Deiner Tür,
Nimmt fort die letzte karge Lockenzier,
Er gibt Dich preis dem scharfen Zahn der Sorgen,
Und bang erwartest Du den Wintermorgen.

Getrübt ist nun der einst so weiche Blick,
Du siehst nicht vorwärts mehr, auch nicht zurück,
Nun ob zur Seite etwas liegt in Nöten,
Da treibt’s Dein edles Herze nah‘ zu treten.

Und immer bist zum Helfen Du bereit,
Kein Tag ist Dir zu heiß, kein Weg zu weit,
Gab man zum Danke Dir auch nichts als Hassen,
Vom Samariterdienst kannst du nicht lassen.

So geh nur hin, du vielgeschmähtes Weib,
Mit schöner Seele im verfall’nen Leib,
Aus bittrem Spott und unverdientem Hohne
Erblüht dir einst die schönste Myrtenkrone.

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