Zerbrochen

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Schwach war sie geworden auf die alten Tage,
die große, starke, stets selbstbewusste Frau,
die ihren Willen durchsetzte, gar keine Frage,
und was sie wollte, das wusste sie genau!

Mit dem Kopf durch die Wand und sich selbst nichts geschenkt,
und immer vorwärts, wie im Sturm oder Drang,
so manches Mal hat sie bewusst gekränkt,
auf solche Feinheiten kam's ihr nicht an.

Doch nun war sie hilflos, fast wie ein Kind,
oft ließ sie sich sogar willenlos helfen,
die Beine war'n lahm, ihre Augen fast blind,
das Haus verließ sie nur noch ganz selten,

nur, wenn wer bei ihr war, der sie fährt
oder sie zum Arzt begleiten kann.
Sie saß jetzt häufig in sich gekehrt,
denn sie vermisste voll Schmerz ihren lieben Mann.

Als ihr Brandungsfels damals so plötzlich verstarb,
– auf seine Kraft hatte sie stets fest vertraut –
da ging es mit ihr ganz plötzlich bergab,
im Nullkommanichts hat sie abgebaut.

Die Kinder haben sich Sorgen gemacht,
jeder für sich hat es ganz schnell gemerkt:
Sie war um den Lebenswillen gebracht –
ihr Kontakt hat die Mutter wieder gestärkt.

Langsam dem Leben wieder verschrieben,
steckte sein Tod ihr tief in den Knochen,
sie ist so „klein", so verletzlich geblieben,
das seelische Rückgrat war ihr gebrochen.

Zwar hat sie ihre Zeit durchaus auch genossen,
mit den Kindern ihnen zuliebe gelacht,
dennoch ist so manch stille Träne geflossen.
Am Ende behielt auch hier der Tod seine Macht.

© noé/2017

Interne Verweise

Kommentare

17. Apr 2017

Leider kein Einzelfall... schön wenn dann Kind/Kinder da sind die verstehen und nachvollziehen können was mit Mutter ist!
Liebe Grüße
Soléa

17. Apr 2017

Ein Schicksal, das mir nicht fremd ist, liebevoll lyrisch verpackt, berührt mich.
Liebe Grüße, Marie

17. Apr 2017

Wahr das Leben präsentiert -
Wie es täglich wohl passiert ...

LG Axel

17. Apr 2017

Lieben Dank euch Vieren!