Liebeserklärung an eine Buche

von marie mehrfeld
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Mit Bäumen fühl’ ich mich seelenverwandt
oder vielleicht auch verschwistert,
wär’ gern einer von ihnen, am liebsten ‘ne Buche,
dann hätte ich das, was ich will, was ich suche,
die Sicherheit und die vertraute Geborgenheit,
tiefe Wurzeln, die fest mich halten, das ständige
Spiel von Licht und Schatten, den Halbschlaf
im Winter, ich fühl’ mich mit Bäumen verwandt,
diesen hohen Gestalten, sie sind meine Schwestern.

Wenn ich meine Lieblingsbuche besuche im
märchenumwobenen Reinhardswald, mich an sie
lehne und ihren Stamm umfasse, dann wispert
sie mir leise zu: Weißt du, wir, die Bäume, und ihr
Menschen, wir sind aufeinander angewiesen,
brauchen uns gegenseitig, und wir haben wie
ihr unsere Träume, im Herbst werfen wir unsere
Blätter ab und ruhen uns aus, auf unseren Ästen
und Zweigen jedoch zeigen sich dann schon die
neuen Knospen, ganz kleine und feine, mit dicker
Haut, beschützt vor Hagel und Frost,
und auch im tiefsten Winter hör ich das
Flüstern und Raunen meiner Geschwister,
der Nachbarbäume, wir erzählen uns leise
auf unsere Weise uralte Geschichten,
wir halten zusammen, wir Bäume, ihr
Menschen wisst wenig von uns, von unserem
Leben, lasst euren Plastikkram unter uns liegen,
sag das den anderen Menschen weiter,
das macht uns nicht heiter, ihr braucht uns
zum Atmen, und auch wir könnten nicht
ohne euch leben. Das ist doch ist ein
Nehmen und Geben.

Und diese Buche, die oft ich besuche,
sie ist auch deshalb eine Besondere, weil
an ihrem Stamme zwei Kettchen hängen
mit kleines Schildern, darauf zwei Namen,
die klingen wie meiner, und unter dem Laub,
nur wenig sichtbar, zwei Kreise aus Steinen.
Ich verrate euch nicht, wessen Asche hier liegt,
sie war’n mir sehr lieb, als sie noch lebten,
jene zwei Menschen.

Doch das Beste an meiner geliebten Buche ist,
dass es da noch ein Plätzchen gibt, eins für mich,
dermaleinst, in nicht weiter Ferne, auch darum
hab’ ich die Buche so gerne.

Buchempfehlung:

92 Seiten / Taschenbuch
EUR 9,50

Interne Verweise

Kommentare

18. Nov 2016

Ich hatte auch eine Buche und bin in Abständen regelmäßig des nachts dort hingegangen, um unter ihr zu schlafen. Ich hatte sie einst gefunden und an ihrem Fusse eine Gabe vergraben und mich nach und nach vertraut gemacht. Die Nächte waren nicht immer ruhig, aber ich bin jeden Morgen spürbar mit neuer Kraft mit den Vögeln erwacht und lauschte dem vielstimmigen Konzert in dem Waldstück. Die Buche ist mir auch der 'nächste' Baum - deshalb habe ich Deine Zeilen mit besonderem Interesse gelesen. Mit sehr herzlichen Grüßen! Jürgen
http://www.literatpro.de/gedicht/060416/waldnacht
http://www.literatpro.de/gedicht/060416/die-buche

18. Nov 2016

Freue mich über deine Zuschrift und darüber, dass du auch Buchen liebst. Eine ganze Nacht darunter zu verbringen ist ein besonders enger Kontakt zu diesem Baum, vielleicht nehme ich diese Anregung auf ...
Herzlich grüßt dich: Marie

19. Nov 2016

Liebe Marie,
es ist eine schöne Vorstellung dereinst unter seinem Lieblingsbaum zu ruhen. Vielleicht wird sie dir auch dann noch etwas zuflüstern,
so wie das,was du uns jetzt in schönen Worten erzählt hast.
LG! Sigrid