Ich – im Grab

von Annelie Kelch
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Ach, wenn ich dereinst im Grabe liege
und bei Tag und Nacht von dir nur träume,
wirst du vielleicht wütend auf mich sein,
weil ich dir so einfach weggestorben bin …

Ach, ich will ja gar nicht wissen,
was ich alles jetzt versäume,
nur den Duft der Rosen werde ich vermissen,
die im ersten Vierteljahr fast täglich
du aufs Grab gelegt hast, Tränen in den Augen.

Ach, ich will ja gar nicht wissen,
wer statt meiner dich nun hegt und pflegt.
Bin so müd und möchte endlich schlafen,
wähne dich, mein Lieb,' in einem sichren Hafen.

Doch die Sehnsucht nach dir wallt
durch meine morschen Knochen,
ständig mach ich mir Gedanken drüber,
welche Damen dich fortan bekochen …

Bald schick ich dir eine kleine weiße Ratte
in den gut gefüllten Vorratskeller,
die mich oft besucht und an mir knabbert.
Hier unten sind die Tage finster, Lieb',
bei dir da oben ist 's gewiss viel heller.

Und manchmal regnet es wie wild,
dann wogt das Wasser wild
um meinen kahlen Totenschädel.
Ich bitte dich, besuch mich bald
an meinem Grab mit deinem neuen Mädel.

Und bring mir Rosen mit vom Blumenladen,
paar Schritte weiter, gleich neben dem Friedhofstor.
Vergiss zu Hause ruhig den schwarzen Trauerflor
und tu nicht so, als seist du schmerzbeladen.

Foto: Pixabay
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Kommentare

23. Aug 2017

Gut wär 's wenn man sich mit der Zeit an Tiefe schon gewöhnt,
nicht, dass man noch im Grabe über Grabeskälte stöhnt.
Dank, Axel, dir für deinen Kommentar.
Ich mach jetzt Feierabend und bin morgen wieder da.

LG Annelie

24. Aug 2017

Grins. Welche Damen IHN bekochen!! Welche ihm die Strümpfe stopfen, welche SEINEN Teppich klopfen! Melancholisch - und schön makaber zugleich, Anneilie, gefällt mir sehr, auch das Foto - wie immer passend.
Liebe Grüße - Marie

24. Aug 2017

Danke, liebe Marie, ich hatte ja auch gehofft, dass jemand die kleine weiße Ratte erwähnt. Aber da traute sich wohl niemand ran. Ich habe es - ganz ehrlich jetzt - ja auch lieb gemeint. Du warst mal wieder mit Herz und Verstand dabei und hast den leisen Sarkasmus herausgelesen.

Liebe Grüße,
Annelie

25. Aug 2017

Sehr makaber, doch wirklichkeitsnah.
So wird es sein, so wie es immer war.
Stirbt die Ehefrau, wird er munter,
dann kommt die nächste, die Welt geht nicht unter.
Nur hier ist - zynisch - eine weiße Ratte für die Tote
eine letzte Verbindung zum Gatten, als Bote.

LG Monika

26. Aug 2017

Liebe Monika, ich musste so laut lachen, weil du mir Zynismus ganz lieb unterstellt hast. Ich habe mir noch einmal Gedanken über diesen Vers mit der Ratte gemacht und glaube fast, du hast Recht: Im tiefsten Unterbewusstsein habe ich gewiss so etwas wie Zynismus gespürt, wohl auch deshalb, weil ich viele Männer, auch um alle Ecken herum mit mir verwandte, nach kurzer Zeit (die Gattin ist gerade verstorben) schon wieder eine neue Frau haben und das damit begründen, dass sie sonst nie über den Tod der alten hinweggekommen wären. Mir kann 's egal sein. Die Sängerin und Schauspielerin "Gisela May" (leider letztes Jahr verstorben) hat einen solchen Fall ganz herrlich besungen. Leider weiß ich den Titel nicht mehr. Aber das Lied würde dir gewiss sehr gefallen. Danke für deinen Kommentar, der mich erheitert hat. Das tat mir heute so wahnsinnig gut.

Liebe Grüße,
Annelie