Eingeseift ... mit Schnee

Bild von Annelie Kelch
Mitglied

Ich wusste genau, auch ich würde an die Reihe kommen ...
Es gab keinen anderen Ausweg.
Der Graben vor dem Deich war zu breit.
Nicht mal Heide* hätte den im Alter von
acht Jahren bezwungen.

Vor mir waren Carola, Brigitte, Gudrun und Dorit dran.
Sie haben geschrien und laut geheult.

Die drei standen vor Opa Kahlkes windschiefer Kate
und warteten – auf mich, ihr letztes Opfer ...

Ich verzögerte meinen Schritt und trottete ihnen
gemächlich entgegen, aber mein Herz
klopfte dabei wie ein Specht gegen Holz.

Hätte ich kehrtgemacht, was ich eigentlich vorhatte …
sie wären mir gefolgt. Unter Garantie.

Zwei hielten mich fest, während der Dritte im fiesen Bunde
eine Ladung Schnee aufhob und sie genüsslich
in meinem Gesicht verrieb.

Ich gab keinen Laut von mir. Hätte ich geheult oder gar geschrien,
wäre denen das Einseifen noch spaßiger vorgekommen.

Ich kannte alle drei ...

Endlich ließen sie mich los. Die anderen Mädchen waren längst
nach Hause gerannt.

Mein Gesicht brannte wie Feuer. Einer der Jungs wohnte in unserer
unmittelbaren Nachbarschaft. Ich kam jeden Tag
an seiner Wohnungstür vorbei.

Ich ließ ihn ungeschoren davonkommen; er war es nicht wert,
dass sich meine Eltern über ihn aufregten.

Als ich zu Hause war, warf ich einen Blick in den Spiegel.
Mein Gesicht war blass wie eh und je und schmerzte nicht mehr.

Ich hab das bis heute nicht vergessen. Der Anführer war
ein gemeiner Typ und in der Schule eine totale Niete.

Es dauerte noch ungefähr vier Jahre, bis ich endlich
über den breiten Graben, der vor dem Deich lag,
springen konnte.

Heide Rosendahl* habe ich lange vor und auch nach der Olympiade 1972
verehrt und bewundert.
Sie war eine hervorragende Leichtathletin, überaus sympathisch und dazu noch
ausgesprochen hübsch. Ich trug eine Zeitlang meine Haare wie sie und sah ihr
mit dieser Frisur sehr ähnlich.

Laufen und Weitsprung war mein liebster Sport –
aber manchen Gemeinheiten kann man nicht entkommen.

*Heide Rosendahl, heute Heide Ecker-Rosendahl, ehemalige deutsche Leichtathletin, Weltrekordhalterin im Weitsprung und Fünfkampf. Bei den Olympischen Spielen 1972 gewann sie zwei Goldmedaillen und eine Silbermedaille.

Heide - Foto, presseagentur
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Kommentare

24. Jan 2018

(D)ein Blick zurück, der gut gelang -
Auch er über den Graben sprang!
[Drum hab ich Krause einst verpflichtet:
Vorm schlimmsten Rowdy jeder flüchtet ...]

LG Axel

24. Jan 2018

Bei Bertha wären die nie gelandet.
DER Angriff wär im Schnee - versandet.

LG Annelie

24. Jan 2018

An den Namen Heide Rosendahl erinnere ich mich auch, liebe Annelie, eine sympathische Sportlerin, sie sollte das Gedicht zu lesen bekommen, und das Einseifen hat zwar schlechte Erinnerungen bei dir hinterlassen, doch war es wohl harmlos gegen das, was man heute so hört, was Kinder Kindern antun - via soziale Medien, oder, wie grade wieder zu lesen, sogar mit Messern ...

Liebe Grüße - Marie

24. Jan 2018

Danke, liebe Marie, für Deinen Kommentar. Selbstverständlich hast du Recht: Die Methoden sind ungleich härter geworden. Aufgrund eines "leichten" Einseifens, sozusagen als Scherz, hätte ich dieses Prosagedicht auch niemals geschrieben; aber die Chose damals gestaltete sich bereits gewalttätig: Drei Jungs, die zwei Klassen "über uns" waren, gegen eine kleine, zierliche Person. Meine Mitschülerinnen waren kaum größer als ich - einzig und allein eines der Mädchen war etwas korpulent. - Es ist traurig zu beobachten, wie Gewalt und Hetze mit den Jahren immer stärker zunehmen.

Liebe Grüße,
Annelie

25. Jan 2018

Ein Blick zurück ins Kinderreich,
weckt mitunter missliche Gefühle
über einen groben Jungenstreich.
Doch heuer geht es arg zur Sache,
schon Kinder morden Kinder eiskalt,
als wär es eine Nebensache.
Dein Gedicht, liebe Annelie, stimmt mich nachdenklich, wenn ich das Gestern mit dem Heute vergleiche.

Liebe Grüße in den Abend,
Monika

25. Jan 2018

Ja, liebe Monika. Du hast selbstverständlich Recht: Dieser Streich ist ganz gewiss nicht vergleichbar mit jenen subtilen Gemeinheiten, die in der heutigen Zeit angesagt sind. Ganz gewiss ist unsere Gesellschaft daran mit schuld. In einer so offenen Gesellschaft wie unsere, darin kaum noch Werte existieren, sondern Besitz und schales Amüsement vorrangig ist, kann man kaum anderes von Kindern, deren Eltern kaum noch Zeit aufbringen können, erwarten. Werbung, Internetmissbrauch und einige Fernsehsendungen steuern auch kräftig zur totalen Verwahrlosung Jugendlicher bei, die keinen rechten Sinn im Leben erkennen und sich nicht weiterentwickeln können. Danke für Deinen guten Kommentar. Wo in Familien das Fundament der Liebe und des Vertrauens fehlt, kommt sich so manches Kind verloren vor.

Liebe Grüße zu Dir und Khalessi,
Annelie