Der Leierkastenmann

von marie mehrfeld
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Bei uns auf der Gass’ klang oft der Gesang vom Schorsch, dem Leierkastenmann. Mit seiner Drehorgel, Frack und Zylinder begeisterte er ganz besonders uns Kinder. So hat er gesungen, so hat es geklungen:

„Liebe Leut’! Ich erzähle euch heut’ in der Tat vom tumben Falk eine Moritat. Es folgt seine Leidensgeschichte. Sie liegt schon lange zurück. S’ist wichtig, dass ich berichte, er hatte im Leben kein Glück. So dachten Falks Schwestern: S’ist herrlich, zu lästern, ihn schlecht zu schwätzen, ganz ohne Gefahren, Falk hört es nicht, es tut ihm nicht weh, man sagt’s ihm ja nicht in’s Gesicht, er wird’s nie erfahren, auch versteh’n kann er’s nicht, das Gerücht, er sei nicht ganz dicht, in der Schule schon sei er ‘ne Niete gewesen, gekonnt hab’ er weder rechnen noch lesen, er würde saufen, beim Zahlen betrügen, stehlen statt kaufen, fortwährend lügen, nicht erst seit gestern. Es gab das Gemunkel, er sei andersherum, treib’ sich im Dunkel am Bahnhof herum. Die Schwestern war’n sich da einig, ein Bruder wie der ist uns peinlich. Falk dachte, ich bin nicht normal, nicht in der Spur, ich störe nur. Er konnt’ sich nicht wehren, ihm fehlte der Mut und auch der Verstand, er konnt’ nichts erklären, war verbal nicht so gut, begriff nicht, was die Schwestern da treiben. Ihm schien ein einziger Weg zu bleiben. Und den ging er auch. Sehr konsequent hat er sich eines Tag’s in sei’m Keller erhängt. Schwarz verhüllt dann am Grabe die Schwestern, sie weinten laut vor sich hin, sie greinten, erzählten, für Falk sei’s so besser, jetzt brauch’ er sich nicht mehr zu quälen, für den Armen fühlten sie plötzlich ganz viel Erbarmen. Aus dem Leben stammt die Geschichte. Es ist wichtig, dass ich berichte. Weil die Menschen so sind. Vom Greis bis zum Kind.“

Dann zog der Mann den Zylinder vom Kopf, er benutzte ihn als Geldsammeltopf, und sagte, in einem Jahr komm’ ich wieder, dann singe ich euch neue Lieder.

Seit Beginn des 18. Jahrhunderts zogen Straßenmusikanten mit ihren Drehorgeln, auch Bänkelsänger genannt, durch deutsche und europäische Lande. Eine Blütezeit erlebte die Drehorgel als Bettelinstrument in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die österreichische Kaiserin Maria Theresia erteilte Kriegsinvaliden nach dem Siebenjährigen Krieg Lizenzen, um „mit einer Drehorgel Erwerb zu suchen“. Preußen machte es später den Österreichern nach. Mit der Einführung der Gewerbefreiheit wurden Drehorgelspieler ab 1810 als Gewerbetreibende eingestuft und Bewilligungen erteilt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vergrößerte sich die Zahl der Drehorgelspieler stetig. Berlin entwickelte sich in dieser Zeit zu einer der Hochburgen des Drehorgelbaus in Deutschland, bis zu 3000 Drehorgelspieler zogen durch die Berliner Straßen. Wenn der Leierkastenmann seinen von der Drehorgel begleiteten Gesang begonnen hatte, öffneten viele Bewohner der mehrstöckigen Mietskasernen ihre Fenster und warfen ihm Kleingeld zu. Bis in die 1920er Jahre blieb der Leierkastenmann ein gewohnter Anblick im Straßenbild der großen und kleinen deutschen Städte, auch wegen der schwierigen Lebensverhältnisse in der Nachkriegszeit. Erst in den 1930er Jahren verschwanden die Drehorgeln aus dem Straßenbild. In den Mangelzeiten nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch zogen Drehorgelspieler noch einmal für ein paar Jahre mit ihren gesungenen Moritaten durch Städte und Dörfer und erfreuten Erwachsene und Kinder.

Quelle: Wikipedia

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Interne Verweise

Kommentare

24. Jun 2017

Wunderbar wiedergegeben, Marie - wenn auch eine traurige Geschichte - aber irgendwie - leider - wahr und überzeugend. Auch ich kann mich noch ganz schwach an Leierkastenmänner erinnern, die Moritaten zum Besten gaben, hatten ja auch irgendwie eine aufklärerische, an die Moral der Leute appellierende Funktion. Danke vielmals für diese Moritat samt ansprechendem Foto.

Liebe Grüße,
Annelie

24. Jun 2017

Danke, Annellie. Diese Geschichten waren alle schaurig-schön, handelten von Mord, Verrat, aber vor allem von Liebesleid. Vielleicht eine Art Bildzeitung in der damaligen Zeit. Bei uns gibt es noch einen Leierkastenmann mit Frack und Zylinder, er lässt ohne Gesang sein Instrument ertönen und bekommt immer eine Münze von mir, wird aber nur von wenigen Passanten beachtet, passt wohl nicht mehr in unsere schnelllebige Zeit. Schade.
Liebe Grüße, Marie

24. Jun 2017

Hallo Marie,

abgesehen von deinem wunderbaren Text, finde ich deine ergänzenden historischen Hintergründe auch immer sehr interessant.
Viele Grüsse

Jürgen

24. Jun 2017

Danke, Jürgen. Ich recherchiere, weil es mich interessiert - und lerne selbst jedes mal etwas dazu.

Liebe Grüße, Marie

Detmar Roberts
24. Jun 2017

Hallo, Marie, schön makaber deine Verse, interessant die Erläuterungen. Mein liebster Bänkelgesang ist der von Meckie Messer in der Dreigroschenoper von Brecht/Weil, manchmal mit, manchmal Drehorgel vorgetragen, wer kennt ihn nicht: „Und der Haifisch, der hat Zähne und die trägt er im Gesicht und Macheath, der hat ein Messer, doch das Messer sieht man nicht.“
Grüße, D.R.

24. Jun 2017

Hallo Detmar, danke. Ich weiß nicht, wie oft ich die Dreigroschenoper gesehen und gehört habe, kenne Passagen davon auswendig. Der „Bänkelgesang“ an sich ist viel älter. Bereits im Mittelalter zogen Moritatensänger durch ganz Europa, ersetzten mit ihren Volksballaden Tageszeitungen. Übermittelten meistens übertrieben dargestellte (oder erlogene) Nachrichten und den neuesten Tratsch. Ist doch alles hoch aktuell, siehe manche „Sozial Medias“ mit ihren gezielten Falschmeldungen, denen massenhaft Menschen auf den Leim gehen ...

LG Marie

24. Jun 2017

Hallo Marie, wieder ist Dir ein Stück Literatur gelungen. Der Rhythmus Deines Bänkelgesangs zieht rein. So hab ich den Leierkastenmann bildhaft vor Augen. Herjemine, alles wird so lebendig. Dann noch Deine Erläuterungen, die runden ab. Perfekt! Danke für dies Lehrstück.

LG Monika

25. Jun 2017

Liebe Monika, danke für deine lobenden Worte. Der Leierkastenmann, der noch in den frühen Fünfzigern ab und zu mit seiner Drehorgel bei uns um die Ecken zog, sah abgerissen aus, nicht so fein wie der auf dem Wikipediafoto, er war aber eine Sensation für uns Kinder, und ich erinnere mich lebhaft an ihn, habe ihm ein kleines Denkmal gesetzt. Dir viel Freude am Sonntagspaziergang mit deiner lieben Nube!
Liebe Grüße, Marie

25. Jun 2017

Ich kann, von der Zeit her, nicht mehr mitreden. Aber dank Deines Gedichtes kann ich mir das ganze Szenario sehr gut vorstellen...
Sehr lebendig geschrieben, liebe Marie!

Liebe Grüße
Soléa

25. Jun 2017

Liebe Soléa, danke. Es gibt sie heute noch in den Städten, in meiner jedenfalls, nur singen sie nicht mehr. Ich wünsche dir einen guten Restsonntag!
Liebe Grüße, Marie