Die Erde, sie wird sich auch ohne uns drehen

von marie mehrfeld
Mitglied

Bilder des Kriegs kann man so verstecken, dass wir uns nicht zu sehr erschrecken, auf dass wir die Contenance behalten, zufrieden und froh die Tage gestalten, die Fotos des Horrors, man kann sie zensieren, dass wir des Nachts den Schlaf nicht verlieren, die lodernde Glut der Bombennächte, die den Opfern erscheint wie höllische Mächte, das Wimmern von Menschen unter den Trümmern, ist so weit entfernt, soll uns nicht bekümmern,

auch soll’n wir die Augen, wenn möglich, verschließen, davor, dass dort Kinder auf Kinder schießen, das Grauen der Kriege, wir solln’s nicht verstehen, die Angst in den Augen, wir woll’n sie nicht sehen, auch nicht das sinnlos vergossene Blut, verfolgt uns im Traum und tut uns nicht gut, wir sind so weit weg von den Schlachten der Welt, müssen nicht hungern, wir zähl’n unser Geld, pflegen mit Lust die alltäglichen Sorgen und grübeln über das eigene Morgen,

betrachten uns stolz als den Nabel der Erde, fotografieren uns selbst und folgen der Herde, nach uns die Sintflut, das ist die Devise, als ob sich Krieg so verhindern ließe, doch täglich aufs Neue, da sterben sie, vergebens das Ringen der Diplomatie, jeder betrachtet’s aus seiner Sicht, zur friedlichen Einigung kommt es so nicht, in Wirklichkeit geht es hier nur um die Macht, hört damit auf, s’ist nach Mitternacht, wir sind übersättigt und

über verwöhnt, deshalb sagt uns die Wahrheit, ganz ungeschönt, zeigt uns, wie die Hölle aussieht, wie es ist, wenn man der Heimat entflieht, fragt auch die Alten in unserem Land, sie werden euch sagen, auch hier hat’s gebrannt, das ist erst siebzig Jahre her, sich daran zu erinnern, es fällt uns schwer, an die Zeit, als die Synagogen brannten, als wir uns stolz die Germanen nannten, an die Zeit, als wir glaubten, wir seien als Volk auserwählt,

ja, dieser Wahnsinn, er wurde erzählt, man ließ hier Millionen Menschen ermorden, und ihre Mörder erhielten Orden, Bombengeschwader vernichteten Städte, das war eine Katastrophenkette, die Kinder und Frauen in großer Not, an der Fronten die Männer, so sinnlos ihr Tod, die den Krieg überlebten, sie haben gelobt, dass in unserem Land kein Krieg mehr tobt, niemals mehr wollten wir wieder aufrüsten und uns mit dem Lorbeer der Siege brüsten,

die guten Vorsätze, sie sind längst vergessen, wir haben die Felder ganz neu vermessen, wir sind nun das reichste Land der Welt und was uns fehlt, ist die Demut, nicht Geld, wir wollen's nicht wissen und grenzen uns ab, so schaufeln wir uns das eigene Grab, irgendwann drückt ein Irrer den roten Knopf, das kostet die ganze Menschheit den Kopf, und selbst, wenn wir’s immer noch nicht verstehen – die Erde, sie wird sich auch ohne uns drehen,

wir Menschen lernen nicht aus der Geschichte, das ist’s auch, was ich bekümmert berichte, sonst gäb’s keine Kriege mehr auf der Welt, s’wär besser um die Natur auch bestellt, dann hätten wir längst das Teilen gelernt, doch davon sind wir noch Meilen entfernt, dem allem zum Trotz lasst uns weiter hoffen, vielleicht steht dennoch ein Türchen offen, wir alle gemeinsam könnten es schaffen – in Eintracht, mit Liebe, und nicht mit Waffen.

Der vergessene Krieg im Jemen (Fotos kostenlos, Tagesspiegel)

Buchempfehlung:

Interne Verweise

Kommentare

27. Jun 2019

"Sauber" scheint heut der Krieg, "zivil" -
Als eine Art "Computer-Spiel" ...

LG Axel

27. Jun 2019

Kriege - kann man auch so gestalten:
Einfach großflächig Strom ausschalten!

LG mit Dank zurück -
Marie

27. Jun 2019

Doch, liebe Marie, wir lernen, nur wieder rückwärts orientiert.
(Nur) heute Abend läuft in ausgewählten Kinos ein dokumentarischer Film vom Kriegsgeschehen vor hundert Jahren, den ich mir mit Lupine, ansehen werde …

Hier der Link zu Filmstrats.de http://www.filmstarts.de/kritiken/262058.html

Herzliche und heiße Grüße
Soléa

27. Jun 2019

Danke für den Llnk, liebe Soléa, ja, ohne den ersten hätte es wahrscheinlich den zweiten Weltkrieg nicht gegeben, es muss die Hölle gewesen sein damals besonders an der Westfront, Frankreich, der Erbfeind, wie lächerlich, doch die Hoffnung, dass "der Mensch" aus der Geschichte lernt, ist wohl Illusion ... wir erwarten hier heute "nur" 29 Grad, morgen aber ist wieder Saharaklima angesagt, Augen zu und durch, hilft ja sonst nichts,

herzliche Grüße zurück zu Dir - Marie

27. Jun 2019

Eindringlich, nüchtern die hier beschriebene Bestandsaufnahme zum Zustand der Welt in einem Schreibstil, den ich herausragend finde. Kann der Mensch sich entwickeln, Machttrieb und Aggressionen wandeln zum Wohle aller? Der Erde wird es " egal" sein, wie dein Titel schon aussagt. HG zu Dir, liebe Marie, Ingeborg

28. Jun 2019

Vielen Dank, liebe Ingeborg; ja, der Erde wird es egal sein, aber ich kann nicht anders, möchte allen düsteren Ahnungen zum Trotz hoffen, dass uns dennoch ein Türchen offen steht ….

herzliche Grüße zurück zu Dir -
Marie

28. Jun 2019

Doch haben wir das Gleichgewicht
nicht aus dem Tritt gebracht
mit unserm unbedachten Schritt?
Es ist dies Sterben rings umher
von Menschen Bäumen Bienen
das kümmert kaum die Menschheit sehr
wie du so treffend hast beschrieben.

LG Yvonne

28. Jun 2019

Besser kann man's nicht sagen, danke, liebe Yvonne ...

herzliche Grüße - Marie