Sturmflut

Bild von Annelie Kelch
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Der alte Sturmgott kommt meist über Nacht,
als müsse er vor uns sein schändlich Werk verbergen.
Am Tage hat er seine Missetat meist schon vollbracht.
Wir schreiten bald schon hinter ach so vielen Särgen.

Den Regen peitscht er in das gut bestellte Land;
es schäumt aus feisten Mäulern hoher Riesenwellen.
Ein greiser Dämon lässt sie hochschnellen aus seiner Hand,
haust wie ein Schreckgespenst in lieblich stillen Quellen.

Die Möwenwolken stürzen angsterfüllt vom Besanmast,
paar Schiffe torkeln und zerschellen kurzerhand am Kai.
Wer kennt keine Besonnenheit, wer hasst und prasst?:
Der Sturmgott – er ging justament am Pier vorbei.

Das Vieh hinter den Deichen ist in großer Not,
der Sturm zerrt es in häuserhohe, kalte Wellen.
Am Morgen sind die Wiesen leer, die Rinder tot,
derweil die großen Priele stetig überquellen.

Ich stehe stundenlang am Fenster, hoffe, warte ...
Ein jeder Spuk hat irgendwann einmal ein Ende!
Des Fischers Frau von nebenan, die junge Marthe,
hat hastig flüsternd zum Gebet gefaltet beide Hände.

heute entstanden, am 28.04.2017

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Kommentare

28. Apr 2017

Macht, die stark in Worten steckt -
Sie machte Dein Gedicht perfekt!

LG Axel

28. Apr 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar,
hab`s ähnlich öfter miterlebt:
Es ist (fast) alles wahr.

LG Annelie

28. Apr 2017

Sehr bildhaft, sehr heftig. Nimmst mich geradewegs mit in die Katastrophe. Was Deine Worte für Kraft haben, liebe Annelie. Zudem noch das Bild. Toll
LG Monika

28. Apr 2017

Danke dir, Monika, für deine lieben Worte. Die Sturmfluten waren wahrhaftig "nicht ohne". Das müssen starke Worte her, sonst kann man das zerstörerische Ausmaß kaum ermessen.

Liebe Grüße,
Annelie

28. Apr 2017

Unheimlich, diese auch in unseren Breiten immer stärker wütenden Stürme und Unwetter, Annelie, sie lösen Angst aus, das kommt gut 'rüber in deinem besonderen Gedicht.
Liebe Grüße, Marie

29. Apr 2017

Danke, Marie, ja, Menschen in Gebieten, in denen bei Unwettern Hochwassergefahr droht, leben gefährlich. Aber ich wollte dir mit diesem Gedicht keine Angst einjagen. Bei uns ist das Wasser nie über den Deich gelaufen. Aber oftmals stand es auf gleicher Höhe mit der Deichkrone. Als kleines Kind habe ich dann immer gedacht: "Und wenn es jetzt überschwappt, dann muss erst noch der Graben vollaufen." Es war ein relativ kleiner Graben, der in nullkommanichts überschwemmt gewesen wäre - und wir wohnten ganz oben. Aber ich ich dachte dann: "Diese alte Villa, wenn die man nicht zerbröckelt durch das Wasser und alles stürzt ein." Ist gottlob nie geschehen.

Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
Annelie

29. Apr 2017

Gruselszenerie ...
Hinter dem Deich war immer schon gefährlich, da stellt sich einem öfter mal das Nackenhaar.

29. Apr 2017

Hallo, noé,
danke für deinen - eher lustigen (Nackenhaar, das sich stellt) - Kommentar. Ich denke, du kennst das Szenario aus deiner Heimatstadt, die ja auch am Wasser liegt. Hast sicher auch schon miterlebt, wie bei Sturmfluten alles drunter und drüber ging.

Liebe Grüße und ein sturmfreies Wochenende,
Annelie