Wann wird er heimkehren ...?

von Annelie Kelch
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Grüner Deich ...
Zeuge verschwisterter Flut,
Totes, das uferwärts treibt.

Auflaufen lässt er die
Wasser des Stroms
nahe dem „Tor zur Welt“:
ein nordischer Saurier,
Koloss unter sanfteren
Brüdern, Welthafen,
meerumschlungen ...

Landfremde Spuren, schön –
geschürft von Schiffen
aus Cádiz, Shanghai, Syrakus ...
prachtvolle Beute der Nacht,
geschaukelt vom Gleichklang
großmäuliger Wellen:
O seliger Schlaf.

Lichter
tasten ihn ab,
verweilen am Kai
auf spärlich bekleideten Mädchen:
Bordschwalben auf High Heels,
gestürzt vor der Zeit.

Vor der Zeit
will mein Aug weinen
und schon flackert das Licht:
Ein Möwenherz, zusammengezuckt
beim Röhren der Dampfer.

Juan Gárcía aus Cádiz
geht pfeifend von Bord.
Wann –
wird er heimkehren … wann?

Heimkehren wird er,
wenn der „Klabautermann“ schließt
und die Anker sich lichten.

Der Welthafen, das Tor zur Welt, ist Hamburg; ein Saurier neben meinem kleinen Hafen in Glückstadt, den ich immer noch im Herzen trage.

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Kommentare

28. Nov 2018

(D)Ein Hafen-Bild, vom Tor zur Welt -
Das echtes Leben enthält - gut gefällt!

LG Axel

28. Nov 2018

Dank, Axel, Dir, für Deinen Kommentar.
In Hamburg ist 's wohl immer noch, wie 's damals war,
als Wolfgang Borchert schrieb in seinem Laternentraum:
"... Oder am Hafen,
wo die großen Dampfer schlafen
und wo die Mädchen lachen,
würde ich wachen (als Laterne)
an einem schmalen schmutzigen Fleet
und dem zublinzeln, der einsam geht."

LG Annelie

28. Nov 2018

Sehr feines Annelie-Gedicht, ich kann verstehen, dass Du Dich nach der Idylle des Glücksstädter Binnenhafen zurück sehnst, auch mich verbinden mit diesem zauberhaften Stückchen Deutschland helle Kindheitserinnerungen, damals war es dort wahrscheinlicher noch idyllischer, als heute, habe mit zwei Freundinnen dort mehrfach an einer „Freizeit“ teilgenommen, wir sind oft am Binnenhafen entlang spaziert und haben den Wind und die Seeluft genossen …

liebe Grüße zu Dir - Marie

28. Nov 2018

Danke, für Deinen interessanten Kommentar, liebe Marie. Möglicherweise sind wir uns dort irgendwo "begegnet", ohne voneinander zu wissen. Ich sehne mich nicht so sehr nach Glückstadt zurück, dass ich dort unbedingt leben müsste. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich die See sehr vermissen würde, wenn ich in den Bergen lebte. Das müsste ich mal ausprobieren. Ich bin eh Kosmopolitin, könnte auch ein, zwei Jahre im Ausland leben, die Sprache perfekt lernen. Meine Heimat "lebt" bereits seit einigen Jahren in Büchern und in meinem Herzen. Deshalb fühle ich mich (fast) überall zu Hause. Berlin ist sehr interessant, was das kulturelle Angebot betrifft, politisch etc.; aber ich weiß auch von mehreren SchriftstellerInnen, die das Weite gesucht haben. Es kommt wohl darauf an, WO man dort lebt.

Liebe Grüße zu Dir,
Annelie

28. Nov 2018

Liebe Annelie,gern bin ich eingetaucht in die Atmosphäre des Hafens, vordergründig, aber Dein aussagestarkes Gedicht lässt ebenso auch sinnbildhaftes Verstehen zu. LG Ingeborg

28. Nov 2018

Liebe Ingeborg, ich freue mich sehr, dass Du Dich auf die Atmosphäre eines Hafens eingelassen hast. Im Glückstädter Hafen gab es damals keine "Bordschwalben", aber in Hamburg "fliegen" wohl ab und an ein paar nette herum. Viele kleine Kneipen und Spelunken gab es aber auch nahe des Glückstädter Hafens, darin die Matrosen schwoften, die in der Kaserne, ein gut Stück vom Hafen entfernt, stationiert waren. Und wenn sie dann zum Zapfenstreich sich dort wieder einfinden mussten, kamen sie zwangsläufig an jenem Wohnhaus vorbei, darin ich, hoch oben unterm Dach, wach wurde als Kind, ihren Liedern lauschte, die ich dann in der Schule nicht mehr auswendig lernen musste; denn wir hatten einen Musiklehrer, der bewandert war, auch, was Seemannslieder betraf - und fast alle befanden sich auch im Schleswig-Hosteinischen Liederbuch, das ich erst viel später zu schätzen wusste und lieben lernte - mit all seinen schönen Texten.

LG Annelie

28. Nov 2018

Da tauche ich ein in eine märchenhaft verwobene Hafenwelt mit allen möglichen Schattierungen. >Bordschwalben auf High Heels,
gestürzt vor der Zeit.< So bildhaft, ohne Abwertung, zeigt Anne Lie ihre Hafenimpression. Faszinierend, liebevoll, bisweilen melancholisch. Einfach schön.

LG Monika

28. Nov 2018

Liebe Monika ... da liegst Du total richtig: So ein Hafen mit Schiffen aus aller Welt IST märchenhaft. In Hamburg habe ich mal eine Hafenrundfahrt mitgemacht. Das war wunderschön, ein Erlebnis, und ich dachte dabei auch an die Geschichten von Siegfried Lenz. Ich hatte außerdem lieben Besuch dabei, der gern mal wiederkommen darf. Du darfst mich auch gern besuchen, sofern Du Lust hast. Bis Anfang/Ende Sommer nächsten Jahres werde ich noch in Lübeck sein. Wir könnten nach Hamburg fahren oder hier, in Lübeck, auf der Trave eine Museumshafen-Rundfahrt machen.

LG zu Dir und Khalessi,
Annelie

29. Nov 2018

Merci liebe Annelie,
das ist sehr nett von Dir,
doch hält allein daheim
mich noch mein Tier.

LG Monika + Khalessi

28. Nov 2018

Hallo Annelie,

mir gefällt deine Hafenschilderung gut, besonders die Stelle:

"prachtvolle Beute der Nacht,
geschaukelt vom Gleichklang
großmäuliger Wellen:
O seliger Schlaf."

wiegt das Sehen in einen Scheinschlaf.
Mir sind Leuchttürme lieber, denn sie beindrucken ohne dafür ihre Seele verkaufen zu müssen. :)

LG
Manfred

28. Nov 2018

Ja, ja, lieber Manfred, ich danke Dir herzlich für Deinen Kommentar. Dann kennst Du vielleicht ja auch "das Totenschiff" von B. Traven. Auch in diesem Roman geht ein Seelenverkäufer, dieses Totenschiff nämlich, auf Reisen. Mir sind Leuchttürme und Schiffe gleich lieb ...

LG Annelie

28. Nov 2018

Hallo Annelie,
danke für den Tipp zum Totenschiff, die Rezesionen dazu lesen sich spannend und auch der Autor scheint sehr interessant zu sein.
Ich bin leider in meiner Jugend zu sehr an R L Stephensons "Schatzinsel" hängengeblieben. :)
LG
Manfred

29. Nov 2018

Hallo Manfred, die Schatzinsel liebe ich auch, als Erwachsene habe ich "sie" noch mehrmals mit meinen Kindern zusammen gesehen. Meistens wurde der Film damals zwischen Weihnachten und Neujahr im Fernsehen gezeigt. Der Autor des Totenschiffs ist eine mystische Figur. Man weiß nichts Genaues über ihn. Er soll eigentlich "Ret Marut" o.ä. geheißen und in Südamerika gelebt haben. Er hat noch andere bemerkenswerte Bücher geschrieben haben; aber das "Totenschiff" ist das beste und bekannteste. Es wird Dir gewiss gefallen.

LG Annelie

29. Nov 2018

Freut mich sehr, lieber Alf, dass Dir mein Hafengedicht gefallen hat.

LG Annelie

29. Nov 2018

Liebe Annelie,
Dein wunderbares Gedicht weckt Sehnsucht nach Meer.
Als die Kinder jung waren, machten wir regelmäßig Tagesausflüge nach Holland ans Meer. Da wir in der Nähe von Köln wohnen, war das Meer schon in drei Stunden zu erreichen. Wir mochten es alle sehr und genossen die Seeluft, das Licht, die Sonne, die Wellen und das Zusammensein. Deine schönen Zeilen entführten mich in das Selige dieser Zeit, das im Herzen immer noch als Juwel funkelt.
Danke dafür. :)

Ganz liebe Grüße,
Ella

29. Nov 2018

Dein Kommentar ist wunderschön, Ella; er wärmt mein Herz. Es muss herrlich dort gewesen sein. Ich war noch nie in Holland; aber einer meiner Söhne - er war auch in Köln, es existiert eine Fotografie, darauf er vor dem Kölner Dom steht, und kurz danach war er auch in Amsterdam, merkwürdiger Zufall, nicht war? Vielen lieben Dank für den schönen Kommentar.

Ganz herzliche Grüße zu Dir,
Annelie