Betrachtungen zu vier Zeilen aus dem „Faust“

von Erich Vio
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„Vermesse dich, die Pforten aufzureißen,
vor denen jeder gern vorüberschreitet.“

Das hört sich an so trotzig und verwegen.
Wie maßvoll und besonnen klingt dagegen
Hamlets „To be or not to be“.
Wenn Eskimos sehr alt sind, wanken sie -
gestützt von ihren Kindern - in den Schnee,
denn länger leben täte allzu weh.
So mein Afghaner Windhund - dessen Fell
in Wellen silbern wehte, wenn er schnell
durch Felder stürmte - als er alt, ergraut,
nicht stehen konnte, wie ergeben, traut
sein Blick auf mich gerichtet, während ich
die Vene fand. Er spürte nicht den Stich.
So jene Nonne, eine Heilige,
die beste Krankenschwester, die ich je
gekannt. Bei Tag, bei Nacht, immer bereit,
als gäbe es weder Schlaf noch Müdigkeit.
Ein metastatischer Gehirntumor
zwang sie zur Ruhe, die sie sich zuvor
niemals gegönnt. Der Kopfschmerz, der sie plagte,
war unerträglich. Eines Abends klagte
sie zu der Schwester neben sich: „Ich bete
umsonst, um diesem Schmerz nicht nachzugeben.
Er ist zu stark. So kann ich nicht mehr leben.
Befreit mich, Schwester!“ Jene, rasch als hätte
sie es geahnt, bekreuzigte sich, führte
die Nadel schmerzlos ein und injizierte
das Pentothal. Die Leidende entschlief.

Veröffentlicht / Quelle: 
EIN- ZUSAMMEN- AUS- KLANG; ISBN 3-923809-06-9
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