Sich das Leben nehmen

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Wo alles schläft und niemand wacht,
dort wird nun auf Verschleiß getrimmt,
wird aufgerieben über Nacht,
woraus das Leben sich gewinnt.

Greif zu jetzt, nimm das Leben dir,
entreiße es der schwachen Hand!
Dein Erbteil ist unendlich schier,
und grenzenlos auch dein Verstand.

Zertritt was sich nicht fügt und eint,
mach voll das Maß, das ohne Maß,
und was zerbrochen und beweint
eracht‘ es als zertretnes Gras.

Doch wenn dein Erbe durchgebracht,
wenn es zerstoben und verprasst
wach auf in dunkler, kalter Nacht,
betrachte, was dir so verhasst.

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Kommentare

30. Nov 2020

Sich das Leben nehmen - ist sehr zweideutig: einerseits, es beenden, andererseits jedoch: Sich mit beiden Händen das Leben nehmen, das ein so großes Geschenk ist und einmalig, einfach beherzt zupacken!

30. Nov 2020

Vielen Dank für deinen Kommentar noé. Das Gedicht befasst sich mit der aktuellen Krisensituation, die ich als Auftakt einer globalen Umwälzung deute. Mit anderen Worten, die eigentlich Notsituation steht uns noch bevor, sie wird die Folge dessen sein, was sich im Moment etabliert. Stichwort: Plünderung, Ausbeutung, Unterdrückung von Mensch und Natur. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Luk 15,11) wird dieses Szenario beschrieben. Es geht am Ende dieser Parabel interessanterweise nicht um die Frage der Verurteilung oder einer verdienten Bestrafung des Verursachers, sondern um eine geistige Introspektive, die eine Transzendenz des verursachten Desasters in Aussicht stellt und die eigentümlicher Weise erst durch die selbst verursachte Notsituation möglich wird.
Und ja, noé, du hast die Doppeldeutigkeit der Überschrift - sich das Leben nehmen- gesehen. Der verlorene Sohn nimmt sich im Grunde genommen selbst das Leben, in dem er alles gewaltsam an sich reisst. LG Elmar

30. Nov 2020

... weshalb man inzwischen ja auch nicht mehr vom "verlorenen Sohn" spricht, sondern das Gleichnis "Vom barmherzigen Vater" benennt.
Du hast recht, was wir der Umwelt und uns bisher angetan haben, spottet jeder Beschreibung. Immer wieder bekommen wir (selbstverursachte) Schüsse vor den Bug - jetzt Corona -, damit wir in uns gehen und unser Verhalten/unsere Einstellungen überprüfen und korrigieren, aber immer wieder suchen wir nur nach dem Schlupfloch, durch das wir selber dem Chaos entfliehen können, statt beherzt zuzupacken und die Situationen von der Wurzel her zum Besseren zu wandeln - nach uns die Sintflut.
(Ist es nicht erstaunlich, wie viele Beispiele aus der Bibel so passgenau zu unserer "modernen" Situation sind?)