Gefährlicher Sommer (Teil 5)

von Annelie Kelch
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Ja, mach nur einen Plan!
Sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch 'nen zweiten Plan,
gehn tun sie beide nicht.
Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht
schlecht genug. Doch sein höhres Streben
ist ein schöner Zug.
Bertolt Brecht, Dreigroschenoper, 3. Akt

Hof Lachau: Veränderungen und Geheim­nisse

Liebe kranke Christine,
wie geht es Dir? Hast Du noch große Schmerzen? Weißt du schon, wann der Gips abkommt? Und wann darfst du endlich wieder nach Hause? Am liebsten würde ich auf der Stelle zu dir ins Krankenhaus fah­ren, aber niemand will mit. Die Fahrt nach Bremen sei an­geblich zu teuer, und ohne Begleitung lassen sie mich nicht vom Hof. Welch eine Ge­meinheit!
Die nächsten Sommerferien lie­gen in astronomisch weiter Ferne, daran brauche ich dich gewiss nicht zu erinnern, und mich be­schleicht von Zeit zu Zeit das dumpfe Gefühl, ich stürbe hier ohne dich vor lauter Kummer und Langeweile. Und dann lief mir gestern auch noch diese dämliche Zwergenclique samt Hannes, diesem Knallkopp, über den Weg ... aber davon später.

Du kannst dir vermutlich nicht vorstellen, wie fertig ich war, als ich erfuhr, dass ich in diesem Sommer Hof Lachau und das Hundertseelendorf ohne Dich unsicher machen muss. Tante Agnes brachte es mir wirklich schonend bei. Na ja, zu­mindest so behutsam, wie ihre Ge­mütsart es zulässt. Du kennst dein gutes altes Tantchen.

So ganz allein auf weitem Feld fehlt es mir an jeglicher Lust, über irgendwel­che Strängen zu schlagen. Ich bin immer noch wie vor den Kopf geschlagen, unsagbar traurig und gleichzeitig wütend wie ein Gorillaweibchen, das eine Kokusnuss an denselben gekriegt hat. Dazu gesellt sich der unbezähmbare Drang, sämt­liche Haus­meister im Schuldienst auf den Mond schießen. Wozu müssen Korri­dore in Schulen eigentlich gewienert wer­den? Es reicht doch völlig aus, dass man sie fegt und wischt. Hoffentlich er­hältst du wenigstens ein dickes Schmerzensgeld.

Vorgestern, am späten Nachmittag, erreichten wir Hof Lachau. Nachdem ich die niederschmetterndste aller Nachrichten empfangen hatte, bedauerte ich mich eine geraume Weile auf das Heftigste, bis Leni es wagte, sich mit mir an­zulegen: Ich sei gut dran; ich könne ja laufen – auf meinen zwei gesunden Bei­nen nämlich und nicht etwa an Krücken wie die arme Christine, ich hätte mich (gefälligst) zusammenzureißen und darüber zu freuen, anstatt mit einem Gesicht herumzulaufen wie ein Trampeltier (dann doch lieber Kamel, dachte ich), dessen Höcker ge­schrumpelt seien, und so weiter und so fort.
Jedenfalls zog ich mich gleich nach dem Abendessen auf mein Zimmer zurück, mit Her­mann Hesse, dessen Ju­gendroman „Unterm Rad“ ich mir kurz vor der Abreise aus der Bücherei gelie­hen hatte: Mein einziger Trost in dieser belämmerten Lage. – Was für ein ätzen­der Sommer!
Wie du ja weißt, sorgt unsere Gnädigste je­des Jahr dafür, dass wir optimal unter­gebracht sind. Diesen Sommer gastiere ich im ersten Stock, in dem Käm­merlein neben Lenis guter Stube. Es ist winzig, aber urgemütlich. Mutti schläft wie immer im großen Festsaal im Ostflügel, gleich neben den leckeren Sachen in Omas Vor­ratskammer. Seit Herr Brand­ner das Zeitliche gesegnet hat, wird „La Grande Salle“ kaum noch benutzt. Das antike Bieder­meiersofa steht nur noch darin, ach ja, und das schöne Piano, das seit dem letzten Sommer unaufhör­lich vor sich hin seufzt, nachdem wir es vor dem Ver­stauben und aus dem Zu­stand der totalen Nutzlosigkeit retten wollten. Ich wage kaum zu behaupten, nach­dem wir darauf gespielt haben; denn Oma stellte fest, dass sich seit jenem Tag keine einzige Maus mehr in ihren Vor­ratsraum verirrt hat, wo­für sie sich ruhig ein wenig dankbarer zeigen könnte.
Ich vergaß Muttis Bett zu erwähnen, das äußerst fragile Chaise­longue in Altrosé. Es steht nach wie vor unter den beiden Fenstern, die zur Laube zeigen. Das Bie­dermeiersofa neben dem Piano würde ge­wiss in sich zu­sammenfallen, wenn man sich draufsetzt. Was hielt uns im letzten Sommer eigent­lich davon ab, es auszupro­bieren?
***
Heute, dem ersten aller vor mir liegenden Lachauer Ferientage ohne dich, liebe arme Christine, kletterte ich um zehn vor acht die verräterisch knarzenden Holzstu­fen der Wendel­treppe hinunter. Ich hielt mich vorsorglich am schön ge­schwungenen Ge­länder fest, von dem ich übermorgen gewiss nicht mehr weiß, dass es über­haupt existiert. Durch die Vordiele waberte der mor­gentliche Duft von würzi­gem Kaffee, frischem Brot und geräuchertem Schin­ken. Oma und Opa früh­stücken nach wie vor Punkt acht Uhr. Das gilt lei­der auch für Feriengäste.

Als ich kurz nach halb acht langsam zu mir kam, hat es eine geraume Wei­le gedauert, bis mir dämmerte, dass mein enttäuschtes Herz auf Hof Lachau pocht. Zwar bin ich hier nicht mutterseelenallein, aber ohne dich.

Im Haus roch es speziell wie eh und je, so wahnsinnig gut wie sonst nir­gends, geradezu einzigartig. Ich habe diesen ur­eigenen Duft, den man überall im Haus schnuppern kann und der mir in die Na­se gestiegen war, kaum dass wir gestern die Veranda betreten hatten, das ganze Jahr über vermisst, genau wie Dich, lie­be Christine. Nirgendwo riecht es ange­nehmer als auf Lachau: im Herrenhaus, im Park (abgesehen vom sommerlichen Teich, in dessen Nähe es bei glutender Hitze seit eh und je sumpfig müffelt), im Obstbaumgarten, bei den Kräuterbee­ten und natürlich im Gutsforst. Ganz be­sonders angenehm jedoch duftet es im Herrenhaus: nach Lavendelseife, die in den Schränken zwischen der Tisch­wäsche ruht; nach unzähligen Schichten kostba­rer Tapeten aus Seide, Krepp und Kork, die alle guten und bösen Wörter einge­sogen haben, ehrwürdige Geheimnisse und spannende Kaminge­schichten; es duftet nach rustikalen Mö­beln, über denen ein zarter Hauch Politur schwebt; nach Lenis Eingemach­tem; nach ländlicher Gediegen­heit und nach ein klein wenig Luxus. Man fühlt sich sofort geborgen, fast wie zu Hause.

Die Küchentür stand einen Spalt offen, und ich spähte in den schattigen, küh­len Raum. Leni stand am gusseiseren Herd und werkelte vor sich hin. Ich schlich mich an sie heran, legte meine Hände über ihre Augen und drückte auf beide sonnengebräunten, etwas runzliger gewordenen Wangen einen dicken Kuss: einen von dir und einen von mir, liebe Christine. Sie strahlte übers ganze Gesicht.
„Deine Mutter macht einen Morgenspaziergang im Park. Sie führt ihr neues Sommer­kleid aus; was sagst du dazu, Katja?,“ lachte sie verlegen. (Das wirst du leider nie erfahren, liebe Leni – zu meinem eigenen Schutz, dachte ich und schluckte so einiges hinunter.)
Zehn Minuten später

Ihr könnt davon ausgehen, dass, zumindest in diesem Teil, 80 % der „Ereignisse" und Schilderungen wahr sind; so wahr, wie ich jetzt hier sitze und schreibe.

Collage von mir; ich musste Collagen erstellen, weil ich den Text bebildert habe, aber es sind längst nicht alle drauf

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Kommentare

03. Aug 2017

Spannend, witzig, gut verfasst:
Und die Collage prima passt!
(Der Rotwein und die Putz-Kritik
Brachten selbst Krause rasch zum KLICK ...)

LG Axel

03. Aug 2017

Dank, Axel, dir, für deinen netten Kommentar:
Oma Anitas Rotwein wirklich edel war.
Auch BERTHA hätte ihn mit Zuckerei gewiss genossen.
Man glaubte damals, das sei sehr gesund.
Zum Glück bin ich nicht abhängig davon geworden
und kam deswegen auch nicht "auf den Hund".

LG Annelie

03. Aug 2017

Weiterhin blicke ich mit Neugier und Spannung in eine bunte Annelie-Welt ...

Liebe Grüße - Marie

03. Aug 2017

Liebe Marie, das freut mich sehr. - Falls es mal jemand drucken sollte, oder gar ich selber, steht innen unter dem Titel: "für Marie".

Liebe Grüße,
Annelie

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