Gefährlicher Sommer (Teil 16; 2. Hälfte)

von Annelie Kelch
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Der Nadelwald. Die Zapfen liegen geöffnet im Moos.
Wegseitwärts führen Stapfen, verfangen und körperlos.
Der Wald haucht aus die Kühle. Wem bin ich auf der Spur?
Der Atem, den ich fühle, ist meiner nur.
(Günter Eich, „Wald vor Tage“)

Kora (Teil 16; 2. Hälfte)

„Was soll diese dumme Frage! Das wisst ihr beide ja wohl besser als ich. Ihr mit eurer dämlichen Geheimnis­krämerei.“ –
Kora erweckte den Eindruck, als würde sie im nächsten Moment vor Empörung platzen.
„Aber wir haben nicht die geringste Ahnung, Cousinchen“, log Hannes. „Wir wissen auch nicht mehr als du. Wie bist du eigentlich dort heraufgekommen?“
„Geflogen wohl kaum, du Blödmann“, fauchte Kora und fing endlich an zu weinen.
„Heraufgetrieben hat mich dieses Miststück, als sei ich irgendein blödes Vieh. Vor lauter Angst konnte ich mir nicht mal merken, wie der Typ ausgesehen hat – ob er dick oder dünn, groß oder klein war“, schluchzte sie. „Als ich aus dem Weizen kam, sprang er plötzlich hinter einem der Bäume am Wegrand hervor, riss mich ins Gras und band mir ein schwarzes Tuch vor die Augen. Ich hab mir fast die Lunge aus dem Leib gebrüllt. Habt ihr mich denn nicht gehört?“ Sie sah uns vorwurfsvoll an.
„Nein, wirklich nicht, Kora“, beteuerte Hannes. „Katja hat fest geschlafen, und die Landzunge ist viel zu weit entfernt.“
„Noch nie in meinem Leben habe ich eine solch wahnsinnige Angst ausgestanden. Ich bin aufgesprungen und wollte weglaufen, aber dieser Mistkerl hat mir ein Bein gestellt, und ich schlug der Länge nach hin.“ Kora zeigte auf einen langen Riss in Kniehöhe und krempelte den Stoff ihrer hellblauen, leichten Baumwollhose hoch, die voller Gras- und Schmutzflecken war. Das linke Bein war mit blutigen Schrammen übersät.
„Kannst du auf­stehen?“, fragte ich. Kora rieb sich die Fußgelenke, die vom festgezurrten Strick stark gerötet waren, und stellte sich mit zitterenden Beinen auf die Füße.
„Da findet ihr übrigens jede Menge Fußspuren.“ Sie deutete auf den Holzboden.
„Ach, die sind viel zu stark verwischt, als dass man sie noch auswerten könnte. Wir klettern jetzt erstmal runter“, sagte Hannes.
„Mensch, Mädels!“, schrie Hannes plötzlich. „Seht ihr die Gutsfelder dort hinten? Wir sind nicht allzu weit vom Hof entfernt. Na, komm, Kindchen!“
Er nahm Koras Hand und führte sie bedächtig die steile Leiter hinunter.
„Kam dir irgendetwas bekannt vor an diesem Kerl? Hast du wenigstens einen Blick auf seine Kleidung werden können?“
„Schwarz“, sagte Kora.
„Wie bitte?“, fragte ich ungläubig, obwohl ich sie genau verstanden hatte.
„Schwarz“, wiederholte Kora lakonisch. „Der Typ trug pechschwarze Klamotten. Und dann auch noch langärmelig! Im Hochsommer! Bei dieser Hitze! Dieses erbärmliche Scheusal!“
Sie tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. Hannes warf mir einen seiner bedeutungsschweren Detektiv-Marlowe-Blicke zu und sagte: „Da rieselt einem wahrhaftig die nackte Angst übers Fell.“
„Und?“, löcherte ich Kora unbeirrt weiter. „An wen hat dich der Typ erinnert?“ Ihr Gesicht nahm postwendend einen grüblerischen Ausdruck an. Genauso ist es mir ergangen, nachdem mir der Maskenmann in die Quere kam, schoss mir in den Sinn.
„Ich weiß es wirklich nicht“, sagte Kora nach einer Weile. „Dort oben habe ich die ganze Zeit darüber nachgedacht, aber es fällt mir beim besten Willen auch jetzt nicht ein, obwohl ...“
„Ja, hast du denn sein Gesicht nicht gesehen?“, fragte Hannes.
„Wie denn?“, schnaubte Kora wütend. „Erstens trug er eine schwarze Maske vor der garantiert dämlichen Fratze, und zweitens hat mir der Kerl diese ekelhaft muffig stinkende Augenbinde erst abgenommen, nachdem ich gefesselt auf der Kanzel hockte. Bevor sich meine Augen ans Licht gewöhnen konnten, war er auf und davon.“
„Ja, willst du damit sagen, dass du praktisch blind die Leiter hochgeklettert bist?“, fragte Hannes erstaunt.
„Na, klar“, sagte Kora, „der Typ war ja direkt neben mir und hat mit seinen garantiert dreckigen Pranken meine Hände und Füße geführt. Es war furchtbar.“ Sie schüttelte sich voller Ekel.
„Aber irgendetwas muss dieser Knilch doch zu dir gesagt haben, Kora. Hast du seine Stimme erkannt?“
Hannes schien aufgeregt und wütend zugleich. Ich sah Kora erwartungsvoll an.
„Was soll das?“, schrie sie aufgebracht. „Ist das hier etwa ein Verhör? Glaubt ihr mir etwa nicht?“
„Klar glauben wir dir, Cousinchen, und wie“, lenkte Hannes ein. „Wir werden diesen Mistkerl schnappen. Da kannst du Gift drauf nehmen.“
„Das nicht auch noch“, fuhr Kora ihn an und setzte sich auf Hannes' Gepäckträger.
„Ich will nach Hause. Sofort!“, kommandierte sie.
„Wir müssen Konny noch abholen“, grinste Hannes. „Er hockt auf der Landzunge, angelt den Teich leer und bangt nebenbei um dein Leben.“ Kora verdrehte die Augen.
*
Endlich fuhren wir los. Ich hielt mich ganz nah bei Hannes, denn ich vermutete den Maskenmann nach wie vor in unserer Nähe. Es wäre für ihn ein Leichtes ge­wesen, Kora oder mich zu schnappen und mit uns abzuhauen. Gegen ihn hatte selbst Hannes keine Chance. Kora hatte ihre Arme um Hannes' Oberkörper geschlungen, um nicht vom Rad zu fallen; der Waldboden war alles andere als ebenmäßig. Wir kamen uns mehrmals mit den Rädern in die Quere, was Hannes jedes Mal dazu veranlasste, tief aufzuseufzen und mir zu versichern: „Du überschätzt das Ungeheuer, Katja. Der greift nicht an, wenn ich in eurer Nähe bin, halte bitte genügend Abstand.“
„Übrigens“, begann Kora. „Jetzt erinnere ich mich. Der Kerl hat drei Worte von sich gegeben.“
„Welche?“, fragte Hannes. In seiner Stimme lag eine unüber­hörbare Spannung.
„Leiter! Los! Hoch“, schnaubte Kora wütend, „und zwar mit einer ganz tiefen, rauen Stimme, die er mit Sicherheit verstellt hat. An­sonsten war er stumm wie ein Fisch.“
Hannes seufzte wieder und sagte: „Apropos Fisch. Konny müsste inzwischen den See leergefischt haben. Möglicherweise hat er obendrein das Blässhuhn gefangen. Dann gibt es heute Abend auch noch Geflügel.“
*
Als wir in der Ferne den Baggersee in der Sonne funkeln sahen, bremste Hannes scharf und schwang sich vom Sattel. Ich ahnte, was kommen würde und stieg ebenfalls vom Rad.
„Was soll das?“, fragte Kora wütend. Es hätte nicht viel gefehlt und sie wäre aufgrund Hannes' abrupter Vollbremsung vom Gepäckträger geflogen.
„Kora“, begann Hannes eindringlich und mit ernster Miene. „Kein Wort zu Konny von dieser Sache. Ist das klar? Du hast dich im Wald verlaufen, als du für Leni einen

Collage Teil 16, 2. Hälfte, von mir

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Interne Verweise

Kommentare

06. Sep 2017

Der Leser geht gern mit - auf Tour:
Hochspannung - trifft auf Natur!
(Bloß Bertha Krause ist beleidigt -
Weil sie stets Saurier verteidigt ...)

LG Axel

06. Sep 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar,
die Krause selten mal mit mir zufrieden war.
Darüber mache ich mir keinen Kopf
und flechte abends mir 'nen Zopf.

LG Annelie

06. Sep 2017

Das Bild dazu - ganz besonders gelungen. Auch den Text verfolge ich gespannt.

Liebe Grüße - Marie

06. Sep 2017

Danke für deinen Kommentar, liebe Marie.

Liebe Grüße,
Annelie

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