Gefährlicher Sommer (Teil 25; Text 1)

von Annelie Kelch
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Oh, Abilene City – ist eine fabelhafte Stadt,
wir sind alle betrunken und wirbeln die Färsen herum.
Immer und immer wieder – mit Pferd und Zügel;
denn der alte John Chisum ist ein verdammt guter Boss.

Oh, Abilene City is a dang fine town,
we'll all liquor up und twirl those heifers round;
then back once more with my bridle and my hoss,
for old John Chisum is a damned fine boss.
(Cowboy-Song aus dem Film „The Old Chisholm Trail“)

Billy the Kid und ein Gespräch im Herrenzimmer

Als wir in den Hof einbogen, kam uns die Gnädigste über die Veranda entgegengestürmt.
„Habt ihr Helge irgendwo gesehen?“, fragte sie voller Panik. Auf ihren Wangen glühten rote Flecken – gleich roten Röslein, als habe Monet persönlich sie dort hingetupft. Von ihrer bleichen hohen Stirn perlten dicke Schweißtropfen. So absolut von der Rolle habe ich unsere Gutsherrin noch nie gesehen, liebe Christine.
„Dieser Herr Fuchs ist hier und will ihn dringend sprechen“, fuhr sie aufgeregt fort. „Ich weiß auch nicht, weshalb. Vorhin war der Junge doch noch im Haus. Wir haben uns im Herrenzimmer über die bevor­stehende Ernte unterhal­ten. Jedenfalls kann ihn jetzt niemand mehr finden.“ Sie blickte uns Hilfe suchend an.
„Helge, nö, Tante Karla, nicht das kleinste Zipfelchen von Helge ist uns in die Quere gekommen“, plapperte Konny, der Ahnungslose, unbekümmert. Hannes suchte sofort meinen Blick, und wir verständigten uns ausnahmsweise einmal ohne Worte. Er schien ebenso nervös geworden zu sein, wie ich es be­reits seit einer halben Stunde war. Meine schweißnassen Hände umklammerten den Lenker von Lenis altem Tretgaul. Ich dachte an unseren Brief, der den Kommissar nach Lachau und in die Gemächer der Gnädigsten getrieben hatte, und kämpfte gegen die Gewissensbisse, an, die mich aufs Heftigste zu peinigen begannen. Gleichzeitig rasten Wortfetzen unserer Botschaft an Helge durch mein geplag­tes Haupt, und mich überfiel prompt ein Gefühl der Angst, dass sich der Hofer­be etwas angetan haben könnte.
„Gewiss weiß Heiner, wo Helge sich aufhält, Frau Brandner“, versuchte ich die Gnädigste zu beruhigen. Ich wunder­te mich darüber, wie fest meine Stimme klang, obgleich ich inner­lich zitterte wie Espenlaub, weitaus heftiger noch als vor einem dieser infamen Alge­bra-Tests in der Schule.
„Ja, natürlich, unser Heiner! Dass ich daran nicht gedacht habe!“, rief unsere Guts­herrin erleichtert aus. Ihre Stimme klang, als hätte ich ihr einen Rettungs­ring ins offene Meer zugeworfen.
„Ach Kinder, seid bitte so lieb und fragt den guten Heiner. Wenn ich mich beim Mittagessen nicht verhört habe, wollte er um diese Zeit zu den Südwiesen, um die Kühe in den Stall zu treiben. Es wird all­mählich auch höchste Zeit, dass die armen Tiere gemolken werden. Heute geht aber auch alles drunter und drüber. Und dazu noch der Ärger wegen des maro­den Fich­tenwäldchens. Was soll bloß aus diesem Gut werden! Ich weiß mir bald keinen Rat mehr.“ Sie strich sich mit einer müden Geste eine dunkelblon­de Haarsträh­ne aus der feuchten Stirn, die sich aus dem Nackenknoten gelöst hatte.
„Aber mein Vater steht Ihnen doch mit Rat und Tat zur Seite. Auf ihn können Sie sich hundertprozentig verlassen, Frau Brandner“, tröstete Hannes unsere liebe Guts­herrin.
„Und jetzt fahren wir zu den Südweiden“,ergänzte er. „Sie werden sehen: Es kommt alles wieder in Ordnung.“
„Dein Wort in Gottes Ohr, mein Junge“, seufzte die Gnädigste voller Zweifel.

Wir nahmen Kurs auf die Kuhställe, umkurvten die alten Gemäuer, und bo­gen in den geschlängelten Holzfällerweg gleich neben dem Ulmendickicht. Der leichte Wind duftete nach frisch gemähtem Gras, und die Abendsonne tauchte den Horizont in ein warmes, rötliches Licht. Hannes und ich rasten voraus, als sei der Teufel hinter uns her. Dabei folgten uns lediglich Konny und Kora. Als ich mich nach einer Weile nach den beiden umschaute, war Kora nur noch als winzi­ger Punkt auszu­machen, eine schwirren­de, überdimensionale Hummel, die, von Staubschwaden getilgt, ein­deutig in die ent­gegengesetzte Richtung düste. Konny jedoch fuhr in einiger Entfernung seelen­ruhig hinter uns her. Die feinkörnigen mausgraue Wrasen stoben wie aufge­quirlt in alle Himmelsrichtungen, drehte Pirouetten, vermischten sich mit den Hitzeschwaden, und hüllte uns in ersticken­de Wol­ken – wie Gunfighters auf der Flucht im Wilden Westen, dach­te ich.
Hannes nieste achtmal hintereinander, während meine Haut ganz schrecklich kribbelte von der krachenden Hitze, dem umherschwirrenden Puder­schmutz und der Spreu von den Feldern ringsum­her. Ich stellte mir vor, dass die tiefen Spur­rillen auf der Staubpiste von Kaleschen herrührten, die auf min­destens jeder fünften Reise überfallen worden waren. Ein paar davon hatte Black Bart the Po 8, Außenseiter, Charmeur und Poet, auf dem Gewissen ... mindestens dreißig müssen es gewesen sein, erinnerte ich mich nach diversen, einschlägigen Lektü­ren.
Der graue Feldweg, gesäumt von Getreidefeldern, die in der Sonne brutzelten, war durch Wetter und Wind total verwaschen und tief zerfurcht, und ich sah ganz deutlich die kleinen Flüsse vor mir, die während der Regengüsse im Frühjahr und Herbst durch die ausgefahrenen, tiefen, knochentrockenen Schlammrinnen der Bauernwagen und Trecker wallten. Jetzt waberten Hitz­wellen von den Schneisen der holprigen Schotterpiste empor, und das struppige Gras am Feldrain war staubverkrustet.
Ich träumte meinen ureigenen Westerntraum vor mich hin, der mich von allen Sorgen ablenkte:

Billy the Kid, mein Hannes, ritt selbstverständlich an der Spitze. Er wirbelte mächtige Staubwolken hoch, die in der stillstehenden Luft verharrten und ihn nahezu unsichtbar machten, so dass ich ihn kaum noch „ausmachen“ konnte. Sein nackter, sonnenverbrannter Rücken glänzte vor Schweiß. – Ihm folgte im gebührenden Abstand Cattle-Kitty, meine Wenigkeit, aus dem berühmt be­rüchtigten Pearl-Saloon in Abilene, Stadt der zwielichtigen Geschäfte­macher, Banditen und Cowboys; heiß ersehnte Endstation der Viehtrecks, in der sich die sittsamen Bürger seit ewigen Zeiten nach einem charaktervollen, resoluten Marshal sehnten. – Abilene ... dieser Name schmolz auf der Zunge dahin wie Omas himmlische Nougatpralinen.
Cattle-Kitty also, die sich in den kaltblütigsten aller Killer verknallt hatte und ihm auf Tritt und Huf folgte. Zwar wirkt Billy auf Steckbriefen meist ein wenig debil, als könne er nicht bis drei zählen, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass sein Mund stets unvorteilhaft geöffnet steht; aber diesen oberflächlichen Eindruck hat bereits mancher Kerl mit dem Leben bezahlen müssen.

Wir wurden selbstverständlich verfolgt: Konny, in Gestalt des zwielichtigen „Super­marshals“ Wyatt Earp (je nach Bedarf und Laune mal Gesetzeshüter,

Collage zu Gefährlicher Sommer, Teil 25, 1. Text

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Kommentare

08. Dez 2017

Die kleine Wild-West-Tour gut gefällt!
Auch die Collage ist fein erstellt!

LG Axel

08. Dez 2017

Dank, lieber Axel, dir, für deinen Kommentar.
Es soll ja immer noch Menschen geben, für die
der Wilde Westen das reinste Paradies gar war.

LG Annelie

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