Gefährlicher Sommer (Teil 25; Text 1) - Page 2

Bild von Annelie Kelch
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mal Re­volverheld, ganz wie es ihm in den Kram passte, und anpassungsfähig wie die Hautfarbe eines Chamäleons), war uns dicht auf den Fersen. Es hatte ihn ei­niges an Überredungskunst gekostet (und vermutlich einen Haufen Dollar für neuen Flitterkram), um seine Angebetete, das holdselige Präriehäschen Alice-Timberline Masterson aus Dodge City (Kora), davon zu überzeugen, dass es besser für sie sei, in die Stadt zurückzureiten. Dies hier sei eindeu­tig Männersache. Alice-Timberline habe nicht den geringsten Grund zur Eifersucht: Saloon-Kitty aus Cattle Ridge, diese verrückte Person, sei weder sein Typ noch könne sie schießen, geschweige denn kochen. Billy täte wirk­lich gut daran, ihr ein paar Nachhilfestunden im Umgang mit der Winchester zu geben.
Na also! Er hatte es förmlich gerochen! Wenn er keiner Halluzination auf­gesessen war, tauchte dort hinten am Horizont die Rinderherde des braven Züchters McCoy auf, die zu entführen der gerissene Viehdieb Tom Pickett aus Texas (Heiner) die Dreistigkeit besaß. Natürlich hatte Billy ihn dazu ange­stiftet und wollte – wie mit Pickett verabredet – die Tiere am Robber's Rock übernehmen, um sie weiter im Osten an ahnungslose Rancher zu verhökern. Aber diesmal würde er den Burschen gründlich den Spaß verderben, und zwar bis in alle Ewigkeit. Ab in die ewigen Jagdgründe mit diesen Halunken!, dachte Wyatt hämisch. Er stutzte einen Moment lang und lauschte in sich hinein. (Earp hatte nämlich völlig verdrängt, dass er vor Jahr und Tag selber mal ein paar wildfremde Pferde aus Oklahoma nach Kansas entführen wollte; man hatte ihn erwischt und vor ein Bundesgericht in Van Buren im Staate Arkansas ge­stellt. Jetzt fiel es ihm wieder ein.) – Egal. Weshalb sollte es The Kid und Pickett besser ergehen als ihm? – Und für Cattle-Kitty, diese eingebildete Pute, fuhr er in Gedanken fort, habe ebenfalls das letzte Stündchen geschla­gen. Er würde sie neben Billy verscharren. Das war weitaus mehr, als eine flatterhafte Saloon-Schlampe verlangen konnte. Höchste Zeit, dass end­lich wieder Ruhe einkehrte in Pleasant (Pah!) Valley. Hoffentlich kam ihm die dusselige Postkutsche aus Deadwood nicht in die Quere. Damn it all! Nor­malerweise hätte sie längst durch sein müssen. – Und wo zum Henker steckte eigentlich sein Bruder Virgil? Allein gegen Billy the Kid zu fighten, war entschieden zu ­viel des Guten. Dieser Kerl transportierte seinen Colt mit einer nahezu affen­artigen Geschwindigkeit aus dem Halfter, weitaus fixer, als sich ein bloßer Gedanke zu Wort meldete. Dessen Kugel schlug blind durch ein Reiskorn im Rinnstein aus einer Entfernung von zehn Metern. Bullshit! Der Typ feuer­te wahrhaf­tig noch um einiges flotter als Marshal Wild Bill Hickok, ein geckenhafter Stutzer und der Schrecken aller Falschspieler unter den smarten Karten­piraten (I really like poker – every hand has its different problem), – und mehr als das: Er konnte nicht umhin neidvoll zuzugeben, dass Billy the Kid seinen Colt schneller aus dem Halfter beförderte und noch um einiges präziser traf als der Halunke Jesse James, der sich als zu dusselig erwiesen hatte, die Zahl seiner Opfer zu nennen, weil es mittlerweile über vierzig waren.

Wir passierten ein Dotterblumen-Feld, das von wild wuchernden Weißdorn­bäumen eingefasst war. Die eigelben Butterblumen am Wegrand funkelten wie Myriaden kleiner Sonnen und noch kurz vor unserem Ziel, in der Nähe der Weiden, stoben unermüdlich Staubfahnen unter unseren Rädern hervor und ver­flüchtigten sich wie graue Nebelgase über den Feldern. Der feine Sand legte sich auf unsere Schleimhäute und trocknete sie aus. Abend für Abend schniefte man schwarze Schmutzpartikel ins Taschentuch.
Von irgendeiner Koppel her erreichte uns das ungeschlachte Heulen einer Kuh: ein langgezo­genes, schwermütiges Gebrüll, das schließlich im resignierten Muhen er­starb.
„Hohoho, meine Schönen! Hohoho!“, hörten wir Heiner schmettern, und ich stellte mir vor, wie er seinen krummen Weidenstock schwang, um die stämmigen Tiere in Schach zu halten.
„Wetten, dass Heiner auf Weiber mit Rubensfigur steht“, ließ Hannes verlauten und grinste vielsagend, als habe er weitaus mehr Erfahrungen mit Frauen als Casanova persönlich.

„Heiner, wo um alles in der Welt steckt Helge? Die Gnädigste ist voller Sor­ge um ihn!“, schrie Hannes, als wir nahezu an der Kuhherde vorbeiwaren. Er schien von meinem verträumten, nostalgischen Ausflug in die Welt des Faustrechts und der vorschnellen Kugeln nicht das Geringste zu ahnen, jene wilden Zeiten, in denen der Colt das Gesetz vertrat und ein großer Teil der Bevölkerung (Lasso­werfer, Kutschenräuber, Heroen der Pistoleros, Büffeljäger und gefallene Racheengel von außerordentlicher Fingerfertigkeit) gestiefelt und gespornt ihr Leben aus­hauchten. Vielmehr hechtete er mit einem Satz vom Fahrrad. Ein paar fliegenübersäte Wieder­käuer sprangen mit grotesken Bocksprüngen erschrocken zur Seite.
„Pardon, meine Damen“, säuselte Hannes und verbeugte sich ritterlich vor den hitzemüden, trägen Tieren, die ihre massigen Leiber hin- und herschaukelten und ihn aus ihren schwarzen, feucht glänzenden, riesigen Augen anglotzten. Ich fragte mich, woher er in dieser scheußlichen Situation seinen Humor nahm. Mich hätte man gegen­wärtig an den empfindlichsten Stellen kitzeln können: Ich wäre eher ge­storben, als dass ich gelacht hätte.
„Wenn ich wüsste, wo der sich wieder rumtreibt, wäre ich auch schlauer, und vor allen Dingen wüsste ich dann auch, wer mir beim Melken dieser korpulenten Damen helfen könnte“, brummte Heiner und zeigte auf die schwerfälligen Tiere, die träge ihre schweren Köpfe wandten und ihn mit todernsten Augen verständnislos anglotzten. Sie bewegten unruhig die fliegenumschwirrten Köpfe, schleppten ihre massigen Körper mit den prall­vollen Eutern mühsam voran und schlugen mit kotverkrusteten Schwänzen immer wieder gegen die Flanken, um das Insektengeschmeiß zu verscheuchen. Ihr schweißbedecktes Fell, auf dem sich surrende, wütende Horden von bunt­schillernden, fetten Fliegen, Bremsen und Stechmücken in traubenförmigen Ge­bilden tummelten, glänzte vor Schweiß. Nur wenige Insekten krochen einzeln oder in zwanglosen, sich ständig verändernden Formationen ziellos in sämtliche Rich­tungen, krabbelten in die sanften Augen und Nüstern und in die triefenden Mäuler. Die Flanken und Hinterteile der armen Tiere waren mit eingetrock­netem Kot bedeckt.
„Eigentlich ist die Mischpoke ganz schön schlau“, sagte Hannes ehrfurchtsvoll. „Die kennen die Pflanzen, von denen sie krank werden könnten, ganz genau. Deshalb findet man am Ende der Weidesaison immer dasselbe Un­kraut auf den Wiesen.“
„Leuchtet ein, Hannes“, erwiderte ich.
Die Luft war getränkt vom Geruch des gewendeten Heus, das auf den benachbarten Feldern lag und längst getrocknet war. Der Sommer schritt

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Kommentare

08. Dez 2017

Die kleine Wild-West-Tour gut gefällt!
Auch die Collage ist fein erstellt!

LG Axel

08. Dez 2017

Dank, lieber Axel, dir, für deinen Kommentar.
Es soll ja immer noch Menschen geben, für die
der Wilde Westen das reinste Paradies gar war.

LG Annelie

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