AU 2010 06 Walk and Jump in Auckland, NZ

Bild von Willi Grigor
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20. Februar 2010

Bericht über einen etwas anderen Rundgang in luftiger Höhe und den darauffolgenden Sprung aus derselben.

Der Entschluss
Am 14. Februar 2010 flogen wir von der australischen Hauptstadt Canberra via Sydney nach Auckland. Gleich am folgenden Tag nahmen wir den Bus zur City. Die Fahrt dauerte ca. eine halbe Stunde. Auckland, gelegen im Norden der Nordinsel, ist Neuseelands größte Stadt mit ca. 1,4 Millionen Einwohnern (ganz Neuseeland hat 4,5 Millionen). Wir haben uns, wie üblich, auch auf diese Station unserer langen Reise durch Australien und Neuseeland nicht besonders vorbereitet. Wenn man zwei Wochen Zeit hat, schafft man das alles vor Ort, ist unsere Devise.
Vom Bus aus sahen wir schon bald den Fernsehturm, der uns ab dann zeigte wo die City war. Er überragte alles und hatte irgendwie ein angenehmes Äußeres.
Wir stiegen direkt neben dem Turm aus dem Bus. Das Erste was wir sahen war eine Person, die mit hoher Geschwindigkeit neben dem Turm herabfiel. Ein mitlaufendes Drahtseil war am Rücken befestigt. Vielleicht 20 Meter vom Boden entfernt wurde die Geschwindigkeit rapide abgebremst und es gab eine weiche Landung auf einem Podest, ca. zwei Meter oberhalb unserer Köpfe.

Das hat mich begeistert!

Ich wusste nicht, dass dieser Turm aufgrund der Absprungmöglichkeit für jedermann aus 190 m Höhe, mitten in der Millionenstadt, mittlerweile weltberühmt ist und der größte Touristenmagnet Aucklands ist. (Diese Art Fall, einige Meter neben einer Betonsäule, kann man nur hier "genießen".) Mir war aber bekannt, dass Neuseeland als DAS Land gilt, wenn es sich um Fallschirmspringen und Bungyjumps handelt.

Ich wurde neugierig und zog meine Frau Gullan in das große Nebengebäude, in dem den Touristen alles mögliche angeboten wird, darunter eben auch ein „risikoloser“ Sprung von einem Podest aus genau 192 m Höhe. Mit der Rolltreppe fuhren wir einige Stockwerke nach oben und sahen zu, wie Personen direkt vor dem Fenster an uns vorbeisausten. Der Absprung selbst sah ziemlich undramatisch aus: Kurz nach dem Loslassen der Handgriffe fiel der Aspirant nach unten, wurde aber nach vielleicht 20 m abgebremst und baumelte einige Sekunden 170 m über dem kleinen "Landeplatz" neben Gehsteigen und Turm. Eine Art Verlängerung des Erlebnisses, bei der man in einer wirklich ungewöhnlichen Hängeposition sich die Stadt von oben ansehen konnte. Später erfuhr ich, dass bei dieser Gelegenheit auch Bilder gemacht wurden, die man dann teuer kaufen konnte. Auf alle Fälle nahm dieser kurze Zwischenstop vielen Zuschauern - auch mir - das Gefühl „das ist ja gar nicht so schlimm“.

Mein Interesse war geweckt, die nächsten Tage dachte ich ständig daran. Gullan verhielt sich ziemlich neutral und ich hatte mich entschlossen. Im Internet erfuhr ich, dass außer dem „Jump“ auch ein „Walk“, eine Rundwanderung auf gleicher Höhe wie die Absprungrampe, angeboten wird. Man geht in einer kleinen Gruppe mit Führer einmal um den Turm und ist mit einem Seil gesichert. Der Führer zeigt die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt von diesem unschlagbaren Aussichtspunkt. Außerdem ermuntert er die Unerschrockenen in der Gruppe dazu auf, sich vorwarts und rückwärts über den Abgrund zu lehnen um damit den Beweis zu erhalten, dass das Seil am Rücken ausreichen dimensioniert ist.
Der „Wanderweg“ aus Gitterrost ist einen knappen Meter breit und hat kein Geländer. Also: Wanderung zum Aufwärmen und dann der Sprung.

Der Rundgang
Am 20. Februar nahmen wir wieder einmal den Bus zur Skycity, so heißt das Viertel, in dem sich u.a. der Fernsehturm befindet. Es war ca. 11 Uhr und noch relativ menschenleer. Es war warm und sonnig. Wir fuhren mit der Rolltreppe ins Untergeschoss, wo sich die „Mission Control“ für Walk and Jump befindet. Ein älterer Herr von vielleicht 60 Jahren und ein ca. 18jähriger Junge waren vor uns am Schalter. Als wir an der Reihe waren, fragte ich das junge Mädchen hinter der Glasscheibe: Ich würde gern springen, oder bin ich zu alt dafür? Sie lachte und sagte: „Absolut nicht.“ Sie erzählte uns, dass der älteste Springer 89 Jahre war. Ich war gerade mal 67.
Wenn man die Combivariante ( Rundgang und Sprung) wählt, bekommt man 30 Dollar Rabatt. Ich wollte erst den Rundgang machen und dann entscheiden, ob ich springe. Kein Problem, den Rabatt bekommt man, wenn man beides an einem Tag macht. Ich fing an zu handeln und sagte, dass ich Rentner bin. Rentnerpreise hatten sie aber nicht (scheinbar keine wichtige Zielgruppe). Es endete damit, dass ich den ermäßigten Studentenpreis bezahlte. Das waren immerhin noch 260 Dollar (ca. 150 Euro).
Dann füllte ich noch ein Formular aus: Name, Herkunftsland, gesundheitliche Einschätzung.

Meine Gruppe sollte sich in einer halben Stunde zur erforderlichen Information und zum Ankleiden hier einfinden.
Wir nutzten die Zeit um an den aufgestellten Fernsehgeräten die aktuellen Sprünge live zu verfolgen. Es gab eine Kamera am Absprungpodest und eine nach unten mitlaufende.

In meiner Walk-Gruppe befand sich auch der 18jährige Junge, der vor mir am Schalter stand. Der ältere Herr war sein Vater, der aber nur zum Bezahlen dabei war. Außerdem waren noch drei Damen und ein beleibter Herr so mutig. Unser Gruppenführer, ein netter junger Mann namens Antony („professional Skydiver“ wie ich später erfuhr. Er verdiente sich hier etwas Extrageld.) Wir wurden genauestens über die strengen Sicherheitsvorkehrungen informiert. Wir durften nichts in den Taschen haben. Kontrolle wie am Flugplatz. Schuhe mussten fest sitzen, was handfest kontrolliert wurde. Danach wählte er die orangenfarbigen Overalls entsprechend des Körperumfangs aus. Der beleibte Herr war zu dick, für ihn gab es keinen passenden Overall. Er konnte Ausatmen und bekam sein Geld zurück. Den Overall zog man mühsam über die Kleidung, die man anhatte. Ich bereute, dass ich einen seriösen Eindruck machen wollte und Jeans anstelle der üblichen kurzen Hosen angezogen hatte. Es war eng, warm und unbequem. Danach wurde dann noch die kräftige Gurtkombination mit der Seilbefestigungsanordnung am Rücken so fest angeschnallt, dass ich Angst um das Wohlbefinden meiner Prostata u.a. hatte.

Danach ging Antony mit seiner bunten, stolzen Truppe durch die anwesenden Zuschauer, die uns bewundernd anschauten (bildete ich mir ein), durch eine Sperre und in einen Aufzug. Auf dem Weg nach oben erzählte uns Antony: „Der Rundgang oben um den Turm ist seit zwei Jahren möglich. In dieser Zeit ist noch kein einziger heruntergefallen. Ich hoffe nicht, dass einer

© Willi Grigor, 2010 (rev. 2016)

Gedichte und Prosa:
https://www.literatpro.de/willi-grigor

OL: Blick vom Kraterrand des Mt Eden auf die City. OR: Kitzelnder Spaß beim Rundgang. UL: Soeben gesprungen. UR: Kurzer Zwischenstopp nach ca. 20 m Fall.

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Interne Verweise

Kommentare

26. Nov 2017

Ja, ich bin tatsächlich einer der wenigen Menschen, die nicht nach Neuseeland reisten um irgendwo runter zu springen. :D Das hat mich einfach nicht sonderlich interessiert. Der Rundgang, der Aussicht wegen, schon eher, aber von dem habe ich erst in deinem Bericht hier erfahren.

Ich habe allgemein die meisten Touristen-Adrenalin-Rushs ausgelassen. Das einzige, was mich in der Hinsicht gefesselt hatte, war ein Angebot in der Nähe von Nelson. Man sollte selbst eine kleine Kunstflug-Propellermaschine fliegen dürfen, mit Fluglehrer hintendran natürlich. Loopings, rollen, und so weiter. Aber die 400 Dollar für 15 Minuten Flugzeit waren mir dann doch ein bisschen ein Dorn im Auge.

Ich fand eine Alternative bei der offiziellen Flugschule von Nelson. Dort flog ich für 70 Dollar 20 Minuten am Tag der offenen Tür. Und ich durfte die meiste Zeit davon (alles bis auf den Start) die kleine Cessna ebenfalls selbst steuern, und sogar landen. Zwar ohne Looping oder andere Stunts, aber mir ging es primär auch sowieso eher ums Fliegen selbst. :) Das war super cool. Aber das brauche ich dir ja nicht zu erzählen, du scheinst ja früher selbst geflogen zu sein.

Ich hatte das Glück, dass ich für den Rundflug über Nelson an den sehr coolen Chef der Flugschule geraten bin. Das selbst-fliegen war nämlich eigentlich nicht Bestandteil des 70-Dollar Angebots. Ich stieg ursprünglich mit der Erwartung in das Flugzeug, eine tolle Aussicht zu genießen und ein paar schöne Fotos von oben machen zu können. Für die Fotos hatte ich dann natürlich keine Zeit. :D Nach dem Flug hatte ich mich gleich nach Preis und Dauer für eine private Pilotenlizenz erkundigt, und nach den Bedingungen der Aufrechterhaltung der Lizenz. Irgendwann, irgendwann... :)

Allgemein bin ich allerdings eher wandern gegangen und habe die Natur bewundert, als mich in den großen Städten aufzuhalten und von Gebäuden zu springen.

Sehr gerne erinnere ich mich an eine Tageswanderung flussaufwärts, die Berge hinauf ins Nichts. Sie entlohnte einen am Ende des Tages mit einer kleinen Hütte mit Kohleofen und natürlichen heißen Quellen zum Baden und entspannen. Zwischen schneeumwehten Gipfeln und Wäldern rundherum konnte man den heißen Pool genießen. Und dieser Jacuzzi war wegen der 7-stündigen Wanderung nicht so sehr von Touristen überlaufen. :D Der schmale Wanderpfad ging über Stock und Stein, und war zwischenzeitlich auch ganz ohne erkennbaren Weg, nur mit ein paar farbigen Pfosten hier und da gekennzeichnet. Er verlief per Seilbrücken über größere Flüsse, und auch durch kleinere Flüsse, die man einfach ohne Brücke, nassen Fußes queren musste. Man lief an ungesicherten Geröll-Hängen entlang (die man Laut Hinweisschild zügig durchschreiten, und nicht unbedingt hier sein Vesper auspacken sollte). Und schließlich fand man sich am Ende seines Tagesmarschs von 5 bis 7 Stunden, je nach eigenem Tempo, im Nirgendwo wieder, umgeben von nichts als Natur und einer Handvoll anderer Wanderer plus Hüttenwart. Abgesehen von diesem Wanderweg gibt es keine Möglichkeit dort hin zu gelangen. Lediglich ein Hubschrauber mit neuen Kohlevorräten kommt alle paar Monate mal dort oben vorbei. Das war eine meiner liebsten Wanderungen, wenn nicht sogar die liebste.

Oder ich erinnere mich auch sehr gerne an den Tongariro Nationalpark mit seiner kargen, und dennoch atemberaubenden Landschaft aus grotesk anmutenden, erstarrten Lavabächen und brachliegenden Geröllfeldern, türkisblauen Seen und verstummten Vulkanschloten. Die heiße Erde dampfte an vielen Ecken und Enden. Und man konnte den Mt. Doom, den Schicksalsberg aus "Herr der Ringe" erklimmen, und anschließend in einer Art Sand/Geröll-Rutsche den Abhang wieder hinunter rennen und rutschen. Sogar an einem aktiven Vulkan lief man fast direkt vorbei (am gegenüberliegenden Hang), und konnte die dichte Dampfwolke aus ihm emporsteigen sehen, und wie sie sich über ihm in alle Himmelsrichtungen ausbreitete. Für diesen Tagesmarsch hatte ich mir viel Zeit genommen. Gegen Ende musste ich mich sogar etwas beeilen und bin etwa eine halbe Stunde mit dem nur kleinen Tagesgepäck auf dem Rücken gejoggt, da es bald dunkel zu werden drohte. Ich fuhr morgens mit einer der ersten Gruppen an den Startpunkt, und war abends einer der letzten, die am Sammelpunkt ankamen. Dort hatte ich zuvor mein Auto abgestellt. Ich fand die Landschaft dort wahnsinnig faszinierend. Ich hatte vorher noch nie eine Vulkanlandschaft gesehen. Höchstens vielleicht mal im Fernsehen, aber nie aus nächster Nähe.

Aber das sind natürlich nur zwei Beispiele der Faszination, die dieses Land ausüben kann. :)

Deine Erfahrungen mit dem Häusertausch sind sehr interessant. Ich habe ab und zu vom Couchsurfing Gebrauch gemacht, was in die gleiche Kerbe schlägt, nur ohne konkretes Gegenangebot des Reisenden. Man nächtigt auch bei Einheimischen, tauscht sich mit ihnen aus, und wenn man Glück hat, finden sie sogar die Zeit einen ein bisschen rumzuführen. Das Ganze zielt allerdings eher jeweils auf wenige Tage ab. Es ist aber auch ab und an eine sehr interessante Alternative zu Hotels, Hostels, Campingplätzen oder zum Wildcampen. Man lernt interessante Leute kennen. Und als Gegenleistung öffnet man, wenn man selbst zuhause ist, und es gerne möchte, anderen Couchsurfern eben auch ab und an Tür und Tor. Das waren bei mir auch fast immer sehr angenehme Erfahrungen, nie schlechte, und nur einmal eine eher neutrale, nicht wirklich bereichernde Erfahrung.

Oh mann, so viel wollte ich gar nicht schreiben. Das passiert mir irgendwie immer wieder. :)

27. Nov 2017

Danke für deine Erläuterungen.

Zu deinem ersten Satz: Nun glaube nicht, dass du mich zu den Menschen zählst die nach Neuseeland reisen nur "um irgendwo runter zu springen". Das war eine spontane Entscheidung. Ich habe nie davon geträumt, wie z. B. von dem Fallschirmsprung. (Bei meinem Gedicht "Du bist verrückt" könnte man diesen Eindruck bekommen, aber das ist kein Tatsachenbericht.)
Wenn du meine Reiseberichte gelesen hast (oder lesen wirst, habe bisher 20 eingestellt, etliche stehen noch aus), dann siehst du, dass wir uns nicht als Touristen fühlten oder auftraten. Wir übernachteten nicht, wir lebten an den verschiedenen Orten, zusammen mit Nachbarn, zu denen wir auch immer Kontakt bekamen. Der Wohnungstausch machte das möglich. Das war der Grund, warum aus einer Drei-Monate-Reise vier wurden.

Unsere Höhepunkte waren immer da, wo wir in relativer "Einsamkeit", in Ferienhäusern von Leuten, die sich sowas leisten konnten, leben durften.
Der Aufenthalt allein auf einer ehemaligen Schaffarm war in wirklicher Einsamkeit. Dies war in dieser Art der Höhepunkt (siehe Bericht "AU 2008 05 Sugarloaf Mountain"). Wir wussten im Vorfeld ja nie so richtig, wo wir landen würden, wo wir einen Willigen finden, der nach Åmål in Schweden wollte. Dass es dennoch so oft und gut klappte ist eine schöne Erfahrung.
Wir teilen deine positiven Erfahrungen. Ein richtige Niete zogen wir nie. Und: Ja, wandern war auch unsere Hauptbeschäftigung. Auch in Ortschaften und Städten.

Nelson - Dort lebten wir zwei herrliche Wochen. Ich verweise auf meine Berichte.

Hier noch der Link zu meiner "Huldigung" an Neuseeland:
literatpro.de/gedicht/230116/du-schoenes-stilles-musterland

Meine Mailadresse: swegerau@gmail.com

Viele Grüße
Willi

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