Ich habe keinen Namen!

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„Ja, sind Sie denn berühmt?“
Diese direkte Frage verblüffte mich kurzzeitig. Immer noch. Eigentlich hätte ich damit rechnen müssen.

Denn als ich für unsere frisch gegründete Künstlergruppe damals bei der Stadtbibliothek meiner jetzigen Stadt anfragte, was dazu vonnöten sei, einen Lesungstermin in ihren heiligen Hallen zu ergattern, blitzte ich mit dieser Frage bereits bei der Vorzimmerdame ab.
Die präzisierte damals: „Haben Sie denn einen Namen?“
Auf meine erstaunte Nachfrage, wie sie denn das wohl meine, kam eine resolute Antwort: „Wissen Sie, wir laden nämlich nur Leute ein, die schon einen Namen haben!“

Das war ich aus der Stadt, in der ich vordem literarisch tätig war, anders gewöhnt, denn dort hatte unsere damalige Autorengruppe ein bis zwei öffentliche Auftritte pro Jahr in der Stadtbibliothek, die auch die Werbung für uns übernahm, sowohl in der Plakatierung, wie auch über die Presse und sogar mit Einladungskarten in Schreibschrift auf Büttenpapier. Wohl deshalb, weil die Säle immer ziemlich voll waren, wenn wir lasen. Vielleicht lag es aber auch am Direktor, der für uns eindeutig ein Faible hatte?

Mein Hinweis auf meine diesbezüglichen Erfahrungen kühlten ihre Stimme deutlich ab. Plötzlich eher desinteressiert, verkündete sie mir am Telefon: „Das müssen Sie verstehen, wenn Sie noch keinen Namen haben, kommen ja auch keine Leute.“

Meine Gegenfrage: „Und wie soll man sich einen Namen machen, wenn man keine Gelegenheit dazu bekommt?“, endete in einer Verabschiedungsfloskel ihrerseits.

Und jetzt also hatte ich den verstiegenen Einfall, mir anlässlich der nötig werdenden Neubeantragung meines Personalausweises aus Kostengründen - in einem Aufwasch sozusagen - meinen bestehenden Autorennamen vielleicht gleichzeitig als Künstlernamen eintragen zu lassen. Blöde Idee …

„Woran messen Sie Berühmtheit?“, war meine Gegenfrage.

„Stehen Sie schon bei Google? Ich schau gerade mal, während wir hier telefonieren … Moment mal … Nein, ich kann Sie hier nicht finden, tut mir leid.“

Sie hatte eine neue Idee: „Gehören Sie denn einer Künstlervereinigung an?“

„Also, ich habe zusammen mit sieben anderen Künstlern vor zwei Jahren eine eigene Künstlergruppe ins Leben gerufen.“

„Nein das zählt nicht. Das muss schon eine eingetragene Künstlervereinigung sein.
Oder haben Sie vielleicht schon veröffentlicht? Sie müssen nämlich bereits drei Jahre lang veröffentlicht haben.“

„Ja aber selbstverständlich! Ich veröffentliche laufend im Internet, aktuell bei LiteratPro. Googeln Sie doch dort mal. Da finden Sie mich mit Sicherheit! Aber nur unter meinem Autorennamen. Eigentlich habe ich da ganz guten Zuspruch bei dem, was ich so schreibe.“

„Wir sind hier nicht dafür da, das ganze Internet für Sie abzusuchen. Ich meine, gibt es denn schon Bücher von Ihnen?“

„Oh ja! Ich habe bereits sechs Bücher veröffentlicht, das siebte steht kurz bevor. Und in insgesamt drei Anthologien bin ich ebenso vertreten, die nächste ist schon in Arbeit. Auch Lesungen hatte ich einige, hier in der Stadt sogar in einem Museum, in evangelischen und in katholischen Kirchen. Und von einer Grundschule bin ich kürzlich als Autorin zur Teilnahme an deren Literarischer Woche eingeladen worden, die findet dieser Tage statt.“

Ihre Begeisterung hielt sich in Grenzen.
„Also, ICH kann das sowieso nicht entscheiden.“

„Ja, das sagte mir die Dame im Bürgerbüro bereits. Ich wollte mich nur mal vorab erkundigen, was für eine solche Eintragung Vorbedingung ist.“

„Da müssen Sie zuerst einen formlosen Antrag stellen. Das ist gar nicht schwierig. So, wie Sie mir das jetzt am Telefon gesagt haben, schreiben Sie das ganz einfach auf. Und bringen Sie Belege mit, wenn Sie den Antrag reinreichen.“

„Belege? Was für Belege? Zeitungsausschnitte? Werbung? Meine Bücher? Die kann ich Ihnen natürlich gerne vorlegen.“

„Nein, die Bücher brauchen wir nicht. Was sollen wir damit. Wissen Sie, das kann ja heute jeder, Bücher veröffentlichen. Da gibt es schon so Book on Demand ... Nein, Abrechnungen von Ihrem Verlag über die Höhe der Verkäufe.“

Ich bedankte mich höflich, aber ich wusste, dass das Projekt „Künstlername“ für’s Erste gestorben war.

Denn schon der Beitritt zu einer eingetragenen Künstlervereinigung ist davon abhängig, ob ein Verlag „mich“ veröffentlicht hat.

Aber wie? Wenn man noch keinen Namen hat, veröffentlicht kein Verlag auch nur ein Wort von einem Künstler, egal, wie gut der auch immer schreiben mag …

Vielleicht bin ich ja gar keine Künstlerin und verfüge in der Hinsicht nur über eine blühende Phantasie?
Wenigstens das.

noé/2016

Das ist das oben zitierte siebte meiner bisherigen Bücher. Schaut mal bei Amazon.
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Interne Verweise

Kommentare

09. Mai 2016

Hier gilt ja auch der Umkehrschluss:
„Berühmtes“ NICHT berühmt sein muss …
(Wirklich schlimm, in meinem Fall:
Nur KRAUSE kennt man! Überall …)
Sehr schön Dein neustes Werk beweist –
Dass Poesie „noé“ gern heißt!

LG Axel

09. Mai 2016

Och - Buchverkäufe täten gut ...
dennoch verlier ich nicht den Mut.
Ich schreibe, weil ich schreiben "muss",
belohnt durch manchen Musenkuss.

09. Mai 2016

Die Erfahrung habe ich leider auch schon gemacht. Sie wollen keine Literatur, sie wollen Namen, Daten, Fakten. Sie wollen keine Geschichten hören, sondern Verkaufszahlen nachrrechen. Ich habe schon in zwei Cafès gelesen für jeweils ein Stück Torte und einen Cappuccino.

Liebe Grüße, Susanna

09. Mai 2016

Da kannst du mal sehen, was in der heutigen Gesellschaft "zählt".
Ganz früher genossen "Märchenerzähler" ein hohes Ansehen.

10. Mai 2016

Da war wohl die Zeit mit Sigrid Kruse offener, aufbauender und idealistischer. Allerdings ist diese Epoche vorüber. Aus und vorbei! So iset nu mal. Und heute gibt's das Internet mit www. Eine neue - und m.E. tolle - Chance.
LG Monika
Und viel Erfolg mit dem zauberhaften Märchenbuch.

10. Mai 2016

Danke für den Kommentar und die guten Wünsche!
Ich freue mich über jeden, der mir diesen "Erfolg" nicht nur wünscht, sondern dazu auch beiträgt ... ;o))