Als ich das Buch „Die rote Zora“ kaufen wollte

von * noé *
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Als ich das Buch „Die rote Zora“ kaufen wollte, zog es mich in die Ladenstraße im Eingang eines in der Nähe liegenden Geschäftshauses. Entlang des innergebäudlichen Durchganges hatten sich mehrere Geschäfte angesiedelt. Nach Feierabend konnte man entlang der Schiebetüren-Glasfassaden schlendern, aber tagsüber stand dort eine Kasse neben der anderen. In der Mittagspause drängelten sich natürlich viele Leute in dieser Ladenstraße und es bildeten sich längere Schlangen vor den einzelnen Läden.

In der Vorfreude auf das Buch, das ich noch aus meiner Kinderzeit kannte und nun bald wieder in den Händen halten würde, merkte ich erst, als die Reihe an mich kam, dass ich mich in die falsche Schlange eingereiht hatte: Ich stand nicht vor dem Buchladen, sondern vor der Kasse der danebenliegenden Bäckerei mit Café.
Gerade erklärte ich entschuldigend der Kassiererin, dass ich ja eigentlich nach nebenan wollte, als eine junge Frau, die mit einem etwas älteren Mann beim Kaffee ins Gespräch vertieft war, hochblickte, mich sah und mit einem breiten Lächeln aufstand. Über mehrere Tische und Köpfe hinweg rief sie mir zu: „Hallo! Sie arbeiten doch auch bei der Caritas! Kann ich Ihnen helfen?!“

Ich kannte die freundliche junge Dame zwar nicht, ebensowenig – bis vor einem Moment noch – ihren Arbeitsplatz, aber weil ich höflich bin, rief ich zurück: „Nein, danke! Das ist nett von Ihnen, aber ich wollte eigentlich nur ein Buch bestellen!“
„Da müssen Sie nach nebenan gehen, in die Buchhandlung!“, klärte sie mich auf.
„Ja, danke, das habe ich auch gerade gemerkt,“ rief ich ihr zu, während ihr Begleiter ratlos von einer zur anderen blickte und auch andere Cafébesucher inzwischen Interesse zeigten, „dahin bin ich unterwegs!“ Ich machte eine Kopfbewegung in die entsprechende Richtung.
Ein Herr am Tisch direkt neben mir mischte sich mit der Bemerkung ein: „Das sieht man doch, dass das hier eine Bäckerei ist! Buch kaufen …“ intonierte er ironisch.
Die junge Unbekannte rief mir, während sie sich – immer noch mit einem Lächeln im Gesicht – wieder setzte, zu: „Dann viel Erfolg! Bis bald!“
Der Herr mit der Zwischenbemerkung wurde jetzt massiver: „Wenn Sie ein Buch kaufen wollen, warum gehen Sie dann nicht in den Buchladen! Und: Abgang!“ Sein Kopf wedelte mich fort.
Die Schlange vor der Kasse war länger geworden, weil alle Bedienungen nur noch nebenbei bedienten, denn was sich da vor ihren Augen abspielte, wollte keine von ihnen verpassen. Wir hatten die volle Aufmerksamkeit.
Im Fortgehen wandte ich mich an den mürrischen Kritiker. Freundlich lächelnd erklärte ich ihm: „Sorry, mit Ihnen habe ich doch gar nicht gesprochen. Aber danke für den Ratschlag!“, drehte mich um und fädelte mich ins Gewühl.

Durch die beiseitegeschobene Glasfront sah ich, dass die Kasse der Buchhandlung nicht besetzt war. Zwei Kundinnen stöberten im Inneren ganz versunken in den Regalen, aber eine Verkäuferin war nicht zu sehen. Unentschlossen ging ich weiter entlang der Grabbeltische mit diversen Bücherhaufen, konnte aber niemanden vom Personal entdecken und wurde von der Menge mitgerissen.

Vor einer weiteren Auslage wurde ich angespült, es war ein Fleischerei-Fachgeschäft. Die Verkäuferin sah mich ausdruckslos mit einer auffordernden Kopfbewegung an und wartete auf meine Bestellung. Höflich, wie ich bin, erklärte ich ihr, dass ich eigentlich gekommen war, um ein Buch zu kaufen und wollte gerade erläutern, dass ich bei ihr falsch sei, da meinte sie: „Da sind Sie hier falsch, wir sind eine Metzgerei. Bei uns kriegen Sie keine Bücher.“
„Ich weiß,“, setzte ich an, um weitere Klarstellung bemüht, während die Menge um mich herum mich als Hindernis wahrnahm. Da berührte mich jemand an der Schulter. Es war der mürrische Herr aus dem Café.
Unschlüssig blickte ich zwischen der Verkäuferin hinter dem Tresen und dem mürrischen Herrn hinter mir hin und her, als er auch schon, lila im Gesicht, besonders an der geäderten Nase, loslegte: „Ist das eine ART?! Ich rede mit dir und du lässt mich einfach stehen?!“
Ich meinte sanft zu ihm: „Aber ich habe doch gar nicht mit Ihnen gesprochen …“
Weiter kam ich nicht.
Er blaffte mich an: „Aber ich mit dir!“, während zeitgleich die Verkäuferin sagte: „Wenn Sie hier nichts wollen, halten Sie doch nicht den Verkehr auf!“
Zustimmung aus dem Publikum, das dem Herrn und mir inzwischen eine Arena bot. Ich wusste nicht, in welche Richtung ich mich verteidigen sollte und schaffte durch Drehung des Kopfes nur ein „Aber …“ in beide Richtungen.
Im Hintergrund der Verkäuferin näherte sich eine weitere mit misstrauisch-fragendem Blick.

Der Mürrische hatte einen sehr unangenehmen Atem, als er mir entgegenblies: „Wenn jemand mit dir redet, hast du dich nicht einfach so vom Acker zu machen! Sich umdrehen und mich sitzenlassen!“, wandte er sich an die Menge, die missbilligend brummte.
Ich warf einfach so in die Runde: „SIE haben ZU mir geredet, aber ich nicht MIT Ihnen. Jetzt lassen Sie mich schon los, ich will endlich mein Buch kaufen …“
Neben der Fleischerei-Fachverkäuferin drängten sich ihre Kolleginnen, der Verkauf der Fleisch- und Wurstwaren war zum Erliegen gekommen und die Menge hielt Handys in unsere Richtung.
Die präsumtive Chefin der Metzgerei hatte sich inzwischen mit der ersten Verkäuferin beraten und rief entschlossen über den Tresen: „Hier können Sie doch keine Bücher kaufen! Sehen Sie das denn nicht? Dazu geht man in einen Buchladen! Und jetzt halten Sie hier nicht den Verkehr auf und sehen Sie zu, dass Sie weiterkommen!“
Zustimmung aus dem Publikum: „Ist DIE blöd!“ – „Oh Mannomannomann.“ – „Das glaubste ja nich!“ – „Döfer als die Polizei erlaubt …“
Das war wohl das Stichwort. Der Mürrische hielt immer noch meine Schulter im Klammergriff: „Jawohl! Polizei! Die ist ja irre! Die muss in die Klapse!“, giftete er und rüttelte an mir. Aller Höflichkeit zum Trotz wollte ich nur weg, konnte aber nicht, eingekeilt, wie ich war.
Der Blick der Fleischerei-Fachchefin gefror. Mit schneidender Herrscherinnenstimme verkündete sie verächtlich ihr Urteil: „Bei uns haben Sie ab sofort Hausverbot! Wenn Sie mir noch einmal zu nahe kommen, hole ich wirklich die Polizei! Und jetzt sehen Sie zu, dass Sie Land gewinnen, damit wir hier endlich weiterkommen!“
Alle hatten sich ihr zugewandt, auch der Blaunasige starrte sie voller Ehrfurcht an. Diesen winzigen Moment der Unachtsamkeit nahm ich wahr, mich unbemerkt zu entfernen.
Meine Mittagspause war gründlich überzogen. Und das Buch werde ich mir wohl bei Amazon bestellen.

© noé/2018

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Kommentare

11. Nov 2018

JEDE Schlange löst sich auf -
Kommt Bertha Krause mit zum Kauf ...
(Den TEXT würde sie NICHT vertreiben -
Sie LOBTE [!] [GRATIS]! dieses Schreiben!)

LG Axel

11. Nov 2018

Wow! Gratis!
"Präsumtiv" ist das Premiere!
Eine riesengroße Ehre!

11. Nov 2018

Hihi zu Alf.
Und dir, liebe noë:
Du hast mich Schritt fur Schritt so weit gebracht, dass ich dem Lilagesicht mit der Faust eine in die Fresse geben wollte.
Liebe Kampfesgrüße
Uwe
PS: Bist du nun nicht mehr mit mir, sondern deiner Schreibweise zufrieden?

12. Nov 2018

DANK dem großen Beschützer!
Die nächsten ... ??? ... gelten deinem Nachsatz (grübel) ...

12. Nov 2018

Noë, hier wird ne gegrüblert oder sich rumgeräkelt, hier wird geschrieben und geschrieben! Wer es kann, z.B. du besonders Punkt :)
LG Uwe