Kushiba und Thorben - Page 2

Bild von Maik Kühn
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sollte ihre Hausarbeit an diesem Tag für einen kleinen Zeitraum ruhen, denn sie besuchte in unregelmäßigen Abständen den mystischen Baum und hoffte dort, wie bereits in der vergangenen Nacht, die Stimme der vermeintlichen Gottheit hören zu können. Aber anstatt weiterer religiöser Erfahrungen, bot der Ort lediglich kaum zu ertragendes Schweigen. Kushiba hätte wohl besser den Raben geopfert, der vergangene Nacht von dem göttlichen Licht angezogen worden war. Ihr Herz jedoch verweigerte ihr das Töten eines Lebewesens, mal davon abgesehen, dass alternativ nur noch eines der Nutztiere des Stammes infrage gekommen wäre, was allerdings zu viel Aufsehen erregt hätte.
Schnelles Aufgeben sah ihr Plan nicht vor. Nach Sonnenuntergang, als die anderen Familienmitglieder endlich eingeschlafen waren, schlich sie sich davon. Widererwartend schwieg der Baum auch zu dieser Tageszeit. Kushiba beschloss deshalb trotzig an seiner Seite die ganze Nacht zu verbringen.
„Sorry, ich wollte dich nicht aufwecken, aber die Zeitverschiebung ist schon etwas gewöhnungsbedürftig.“
Mehr ein Dösen als tiefer Schlaf ging dem voraus, aber etwas benommen war ihr schon zumute. Endlich, die Stimme ertönte wieder aus dem Baum heraus und damit war wohl jeder Zweifel besiegt. Von was für eine „Verschiebung“ sprach die Gottheit da eigentlich? Dann sollte Kushiba ihren Namen nennen und irgendein Spiel erklären, aber sie verstand nicht genau, was damit gemeint war.
„Ich heiße Kushiba. Bin ich denn auch wirklich würdig in deiner Nähe zu sein?“
„Kushiba ist ein wirklich schöner Name … Du nimmst ja deine Rolle wirklich ernst. Lass mich raten, es ist nicht nur ein Hobby, sondern du verdienst damit Geld.“
Wieder hörte sich alles sehr geheimnisvoll an, aber schließlich handelte es sich ja um einen Gott, der selbstverständlich über den irdischen Dingen stand. Da das Wort „Geld“ fiel, fragte sie die Stimme, ob denn der Schatz des Stammes von ihr als Opfer dargebracht werden solle und bat gleichzeitig um Verzeihung für ihren Unverstand.
„OK, dann spiele ich halt mit. Wenn ich schon von dir zu so einer Art Gottheit erhoben werde, dann nennst du mich bitte ab sofort Thor.“

Sie stand also nur vor der Kamera wenn bei ihr Nacht war. Es musste sich somit folgerichtig um ein Liverollenspiel handeln, das vorzugsweise von Europäern im Nachmittags- und Abendbereich konsumiert wurde. Thorben nahm einen Atlas aus dem Bücherregal und schlug die Seite mit den Zeitzonen auf. Sieben, acht, vielleicht auch neun Stunden Zeitverschiebung waren möglich. Da Kushiba mit Sicherheit seiner Ortszeit voraus war, könnte sie sich eventuell in Australien oder Indonesien aufhalten. Die spärliche Kameraperspektive steuerte nicht wirklich ihren Teil zur Aufklärung bei. Schließlich klappte er das Buch wieder zu und machte sich über den Aufenthaltsort der mutmaßlichen Darstellerin keine Gedanken mehr. Das Mädel schien sehr professionell zu sein und blieb bisher konstant in ihrer Rolle, weshalb Thorben von ihr sehr wahrscheinlich nichts Sachdienliches erfahren würde. Fantasy war eben Fantasy, da musste die Realität wohl oder übel außen vor bleiben.
Erst vor einem Tag war das Gerät wörtlich vom Himmel herabgeschwebt, weshalb es ihm natürlich schwerfiel sich nach der Schule nicht damit zu beschäftigen. Wie vor wenigen Minuten versprochen, wollte er jetzt kein Spielverderber mehr sein und vielmehr ab sofort als Gott Thor das Geschehen beeinflussen. Münzen, Schmuck oder sonstiges Edelmetall durfte man sicherlich nicht verachten, aber diese kostbaren Dinge lediglich vor der Kamera in Form eines Opfers zu sehen, machte ihn auch nicht reicher. Viel schlauer schien es dagegen zu sein Kushiba wie eine Marionette zu führen und somit ein aktives Spielerlebnis zu genießen.
Als erstes machte Thor seine neue Bekanntschaft zur Dienerin und befahl ihr einen Altar aus Steinen zu errichten. Dummerweise hielt sie sich für unwürdig und wollte sogar das Stammesoberhaupt herbeirufen. Thorben dachte jedoch gar nicht daran mit einem weiteren Rollenspieler vorlieb zu nehmen, dafür war Kushiba viel zu interessant, als dass er sie mit irgendwem teilen wollte. Ihr wurde deshalb strengstens verboten andere Rollenspieler oder seinetwegen auch Stammesangehörige einzuweihen. Ehrfürchtig verneigte sich sein Gegenüber und schwor ihm absoluten Gehorsam. Sogar eine Verschleierung wurde angeboten, doch dadurch wäre die Schönheit ihres Gesichtes nicht mehr zum Tragen gekommen. Schweigsam und sichtlich müde schichtete sie Steine zu einem improvisierten Altar auf. Die Lichtverhältnisse waren entsprechend bescheiden, zumal sich das Material nicht ausschließlich in Reichweite der beleuchteten Stätte befand. Eigentlich gehörte die Rollenspielerin ins Bett, wofür allerdings mit Sicherheit tagsüber genügend Zeit eingeplant war. Sichtlich zufrieden mit dem Ergebnis ließ Thor den kleinen Sakralbau weihen, indem er seine Dienerin befahl, vor ihm um den Altar herumzutanzen.
Konnte nicht das reale Leben auch so sein wie dieses Spiel?! Thorben legte das Smartphone beiseite und dachte mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend an den kommenden Schultag. Dann würde er wieder nur reagieren, nicht agieren, geschweige denn den Lauf der Dinge beeinflussen können.

Thor sprach jetzt schon in der dritten aufeinanderfolgenden Nacht zu ihr. Eigentlich sollten Gottheiten ja bereits alles über ihre Kreaturen wissen, aber dieses Wesen war anders. Kushiba musste ihm nämlich zu sämtlichen Fragen Rede und Antwort stehen. Zuerst ging es um die Größe ihres Stammes und die Frage kam auf, ob es in der Nähe auch andere Menschenansammlungen gab. Natürlich existierten weitere Stämme, wobei die meisten Nachbarn friedlich gesinnt waren und man mit ihnen in erster Linie Handel betrieb. Allerdings gab es auch kriegerische Auseinandersetzungen und Beutezüge. Vor etlichen Monden traf es Kushiba und ihr kleines Völkchen völlig unvorbereitet mitten in der Nacht. Der Feind kam hinterhältig, raubte und brandschatzte. Es dauerte nach dem Überfall sehr lange bis man wieder das frühere Lebensniveau erreicht hatte.
Mit viel Liebe zum Detail erklärte sie Thor, wie in ihrem Stamm Kleidung und Alltagsgegenstände gefertigt wurden. Auch die Verarbeitung von Gold, Silber und Kupfer sowie die Herstellung von Bronze wurden ausführlichst beschrieben.
„Und unsere Holzhäuser sind die Besten weit und breit. Sie werden bereits von unseren Nachbarn nachgebaut.“
Darauf folgte langes Schweigen, was Kushiba sichtlich verunsicherte. Nervös ging sie vor dem Baum auf und ab, aber es sollte noch eine ganze Weile dauern bis Thor wieder mit ihr sprach. Dann verriet er ihr das „streng gehütete Geheimnis“, wie man aus Steinen Häuser bauen konnte. Das Aufschichten des robusten Baustoffs war ihrem Stamm bereits geläufig, denn sie hatte ja beispielsweise ihrem Gegenüber auf diese

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